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Koblenz

Camperin missbraucht: Das Martyrium von Cochem wird greifbar

David Ditzer

Nach seiner Aussage vor dem Landgericht in Koblenz bricht es aus dem Lebensgefährten des Opfers heraus: „Er hat alles kaputt gemacht. Unser ganzes Leben steht auf dem Kopf. Sie kann nicht arbeiten, ich kann fast nicht arbeiten.“ Mit „er“ meint der 36 Jahre alte Niederländer ausdrücklich den Matrosen (29) auf der Anklagebank. Dieser soll im September vergangenen Jahres die Lebensgefährtin des Niederländers in einer Toilettenanlage des Campingplatzes am Moselufer in Cochem-Cond überfallen, brutal verprügelt und sie zu sexuellen Handlungen genötigt haben.

Der Angeklagte (29) soll eine Camperin in Cochem verprügelt und sexuell genötigt haben.
Der Angeklagte (29) soll eine Camperin in Cochem verprügelt und sexuell genötigt haben.
Foto: Andreas Walz

Der Angeklagte selbst schweigt, bestreitet die Tat jedoch. Am dritten Verhandlungstag reden einzig das Opfer – unter Ausschluss der Öffentlichkeit – und ihr Lebensgefährte. Die Szenen, die sich abspielen, alle Worte lassen Grauen greifbar werden, das beide an jenem 20. September durchlitten haben.

In diesen Waschräumen auf dem Campingplatz hat die Tat stattgefunden.
In diesen Waschräumen auf dem Campingplatz hat die Tat stattgefunden.
Foto: Christoph Bröder

Ein Justizbeamter, Dolmetscherin Maria Haas, seine Lebensgefährtin und deren Rechtsanwältin, Nadine Krahé, reden auf den 36-jährigen Niederländer ein. Sie versuchen, ihn zu beruhigen. Kurz zuvor hat der nämlich vor verschlossener Tür die Beherrschung verloren – mit voller Wucht und einer rechten Geraden gegen einen Magnetwandaufsteller geschlagen, der auf dem Gang vor Gerichtsaal 102 steht.

Der Grund für den Ausraster? Gute zwei Stunden lang war seine Lebensgefährtin befragt worden. Er musste als Zeuge, wie das Publikum, draußen warten. Ohne zu wissen, wie es seiner Lebensgefährtin, die er „über alles liebt“, wie er später im Saal sagt, ergeht. Drinnen. Nur wenige Meter von ihrem mutmaßlichen Peiniger entfernt. Eine Folter. Für beide.

Trotzdem: Contenance ist gefordert. Der Justizbeamte stellt klar: „Wenn Sie da drin Stress machen, mache ich Ihnen auch Stress. Das wollen wir beide nicht.“ Und: „Ich werde Ihnen keine Chance geben, an ihn heranzukommen.“ Also an den Angeklagten. Ob es die Mahnungen von mehreren Seiten sind, die fruchten? Jedenfalls sagt der Lebensgefährte des Opfers danach in beachtlicher Ruhe aus, antwortet mithilfe der Dolmetscherin. Die Vorsitzende Richterin, Anke Schenkelberg, mahnt ihn bloß noch ein, zwei Mal zu Detailgenauigkeit. Dann erzählt der Mann. Bis zum frühen Morgen des 20. September haben der 36-Jährige und seine Lebensgefährtin, die seit ein paar Jahren ein Paar sind, einen schönen Urlaubstag auf dem Campingplatz in Cochem verbracht. Grillen vor dem Wohnmobil am Moselufer, zu später Stunde legen sich beide schlafen. Bis seine Lebensgefährtin zur Toilette muss. Er habe sie gefragt, ob er mitgehen solle. Was sie verneint habe. „Nach einer Weile wurde ich unruhig. Es hat zu lange gedauert, dass sie zurückkehrt“, sagt er. Kaum hat er das Wohnmobil verlassen, hört er, „wie jemand um Hilfe ruft“.

Er erkennt schnell, dass es seine Freundin ist und rennt los. In der Toilettenanlage ist alles voller Blut. Schon beim Betreten bemerkt er einen „Knüppel“ auf dem Boden. Ein Mann, seiner Wahrnehmung nach der Angeklagte, huscht in eine der Toilettenkabine. Nackt, abgesehen von den Socken. Der Niederländer tritt gegen die Kabinentür, um sich Zugang zu verschaffen. Seine Freundin hockt blutüberströmt in einer Ecke der Kabine. Sein einziger Gedanke: Er muss sie hier rausholen. Er schlägt mit der Faust in Richtung Kopf des Mannes. „Ob ich ihn getroffen habe, weiß ich nicht mehr. Es war wie in einem Rausch.“ Dann fällt dem Niederländer der Knüppel wieder ein. Er und der Mann stürzen fast zeitgleich aus der Kabine in Richtung Knüppel. Der Niederländer erreicht denselben zuerst und nimmt ihn an sich.

Auf den ersten zehn, 15 Metern habe er den Mann noch verfolgt, dann von ihm abgelassen, um sich fortan nur noch um seine Lebensgefährtin zu kümmern. Der Mann habe auf der Flucht gesagt, „Ich bin krank“ und „Keine Polizei“. Zudem habe er gedroht, beide umzubringen, falls sie die Polizei riefen. Seine Freundin habe ihm ein Handy gegeben. Wohl das des Angeklagten. Draußen kam ein niederländischer Camper dem Paar zur Hilfe. Anhand mehrerer Fotos identifiziert das Pärchen später den Angeklagten – bei der Polizei und im Gerichtssaal. Genau diese „Wahllichtbildvorlage“ ist in den Augen des Verteidigers Stefan Schmidt nicht korrekt verlaufen. Sie seien zu früh beendet worden, nachdem einmal sie, einmal er den mutmaßlichen Täter erkannt haben wollten. Dabei müssten unabhängig davon mindestens acht Bilder vorgelegt werden, acht gleichartig aufgenommene. Dies sei nicht der Fall. Es handele sich um sieben Frontalaufnahmen. Nur das Foto, das den Anklagten abbilde, „zeigt eine Halbseitenansicht“, so Schmidt. Er beantragte ein Verwertungsverbot mit Blick auf die Identifikation per Foto.

Der Prozess soll am 19. April fortgesetzt werden.

Von unserem Redakteur David Ditzer

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