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Koblenz

Matrosenprozess um sexuelle Nötigung einer Camperin in Cochem: Polizei gibt Fehler bei Fotovorlage zu

David Ditzer

Im Prozess vor dem Landgericht Koblenz gegen einen Matrosen (29), der eine Urlauberin auf einem Campingplatz am Cochemer Moselufer im September 2017 brutal überfallen und sexuell genötigt haben soll, haben Kriminalpolizisten Fehler bei der Fotoidentifikation des mutmaßlichen Täters eingeräumt. Sie brachen die Bildvorlage ab, nachdem das Opfer und ihr Lebensgefährte, der den Angreifer in die Flucht geschlagen hatte, diesen als Täter identifiziert hatten. Das widerspricht Richtlinien für das Straf- und Bußgeldverfahren (RiStBV). Aber: Die Ermittler hatten Erklärungen – für den jeweiligen Abbruch der Vorlage und dafür, dass die Fotos nicht alle die gleiche Perspektive zeigten.

Der angeklagte Matrose (rechts) und Verteidiger Stefan Schmidt.
Der angeklagte Matrose (rechts) und Verteidiger Stefan Schmidt.
Foto: Andreas Walz

Mittwoch 20. September 2017, Vormittag, der äußerst brutale, sexuell motivierte Überfall auf sie liegt erst wenige Stunden zurück. Im Mayener Krankenhaus befragen Kripo-Beamte die Urlauberin aus den Niederlanden zu den Erlebnissen der Tatnacht. Und sie zeigen ihr Fotos, einzeln, der Reihe nach. Ihr Angreifer könne unter den Abgebildeten sein – müsse es aber nicht. Bild eins? Nein, das ist er nicht. Bild zwei? Nein, das sind nicht die Augen. Bild drei? Die Lippen des Opfers beben, Tränen schießen der Frau in die Augen. „Ja, das ist er.“ Dieser Satz der Niederländerin, die gut Deutsch spricht und versteht, sei „wie aus der Pistole geschossen“, hält der Polizeibeamte kurz nach der Befragung fest, wie er im Gerichtssaal auf Nachfrage der Vorsitzenden Richterin Anke Schenkelberg bestätigt.

Er bekennt aber auch: „Wir haben die Lichtbildvorlage danach abgebrochen. Das ist ein Fehler, der uns unterlaufen ist, das wissen wir inzwischen.“ Rechtsanwalt Stefan Schmidt, einer der beiden Verteidiger des Angeklagten, hatte am vorangegangenen Verhandlungstag Widerspruch gegen die Verwertung der Wahllichtbildvorlage eingelegt. Denn: Dem Opfer und ihrem Lebensgefährten hätten mindestens acht Bilder vorgelegt werden müssen, gleichartig aufgenommen. Dies sei nicht der Fall gewesen. Dabei hatte die Polizei diese Zahl an Fotos nach eigenen Angaben vorbereitet.

Den Lebensgefährten des Opfers befragt am Vormittag nach der Horrornacht ein anderer Kriminalpolizist. Auch er legt ihm Fotos möglicher Täter vor. Die Wiedererkennung sei „nicht so klar“ gewesen wie bei dem Opfer, hält der Polizist vor Gericht fest. Zudem braucht es für die Vernehmung eine Dolmetscherin, die auch das auf seine Richtigkeit hin überprüft, was der Polizist protokolliert. Fünf Bilder werden dem Niederländer vorgelegt, hier und da erkennt er Ähnlichkeiten mit dem Peiniger der Frau, die er liebt. Ähnlicher Haarschnitt, ähnlicher Typus. Dann Bild sechs: Das könnte er sein. Noch während der Beamte tippt, sagt der Befragte: „Ja, das ist er er zu 90 Prozent.“

Für den Polizisten „eine annähernd sichere Identifizierung“. Auf der Vorlage weiterer zwei Fotos wird verzichtet. „Inzwischen weiß ich, dass die RiStBV das anders vorsieht.“ Dass das Foto des Angeklagten diesen schräg von der Seite und nicht – wie bei den anderen Männern – frontal gezeigt habe, begründete der Beamte: Auf der leicht abgewandten Seite des Gesichts hatte der Angeklagte eine sichtbare Wunde. „Und wir wollten keine Suggestion erzeugen.“

Auf Nachfrage Schmidts stellt der Polizist klar: Es „gab keine konkreten Hinweise“, dass ein dritter Mann die Urlauberin überfallen, mit einem Holzpflock zusammengeschlagen und zu einschlägigen sexuellen Handlungen genötigt haben könnte. „Diese Aussage des Beschuldigten war als wenig glaubhaft zu werten.“ Der Geschädigten und ihrem Lebensgefährten zufolge war in der Tatnacht nur noch der Angreifer in der Sanitäranlage des Campingplatzes. Bei der Tat nackt. Diesen schlug der Lebensgefährte in die Flucht. Ein Sachverständige stellt dem Gericht die Auswertung zahlreicher Blut- und anderen DNA-Spuren vor, die am Tatort, an der Kleidung der Beteiligten und an den Beteiligten selbst gesichert worden waren. Zumeist stammten sie vom Opfer oder vom Angeklagte oder von beiden. Am äußeren Vaginalbereich des Opfers fand sich DNA des Angeklagten. Auch am Pullover des Opfers, den der Täter ihm während der sexuellen Nötigung in einer Toilettenkabine um den Kopf gewickelt hatte. Überraschend: An der mutmaßlichen Tatwaffe befand sich allein Blut, das dem Angeklagten zugeordnet werden konnte.

Der Prozess soll am Dienstag, 24. April, fortgesetzt werden.

Von unserem Redakteur David Ditzer

Cochem Zell
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