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Koblenz

Vor Plädoyers im Prozess um sexuelle Nötigung in Cochem: Wie schuldfähig war der Matrose?

David Ditzer

Wie angekündigt hat der Angeklagte sein Schweigen gebrochen: „Für mich ist es nicht zu begreifen, dass ich so etwas gemacht haben soll“, sagte der Matrose (29) am Dienstag vor der 14. Strafkammer des Landgerichts Koblenz. Ihm wird vorgeworfen, in einer Septembernacht 2017 eine Urlauberin in einer Toilettenanlage des Campingplatzes in Cochem-Cond überfallen, mit einem Holzpfahl zusammengeschlagen und zu sexuellen Handlungen genötigt zu haben. Er selbst will sich an das Geschehen nicht erinnern können, wohl nicht zuletzt infolge seines Alkohol- und Drogenkonsums. Dieser dürfte auch für die Beurteilung der Schuldfähigkeit des Angeklagten eine Rolle spielen, jedenfalls aus Sicht der Verteidigung.

Erstmals äußert sich der Matrose zu den Vorwürfen vor Gericht.  Foto: Walz
Erstmals äußert sich der Matrose zu den Vorwürfen vor Gericht.
Foto: Walz

Dr. Harald Lang stellte als psychiatrischer Sachverständiger dem Gericht die wesentlichen Ergebnisse seines schriftlichen Gutachtens vor. So sieht er beim Angeklagten keine Anhaltspunkte für eine relevante psychische Störung oder für eine andauernde Störung im Sexualverhalten. Und er geht auch nicht davon aus, dass der Alkohol- und Drogenkonsum unmittelbar vor der Tat die Schuldfähigkeit des Angeklagten vermindert hat. Zur Tatzeit dürfte der Angeklagte einen Blutalkoholwert von circa 1,7 oder 1,8 Promille gehabt haben. Zudem hatte er Amphetamine geschluckt und einen Joint geraucht.

Aber: Das Opfer der Gewalttat vom 20. September 2017 hatte ausgesagt, ihr Peiniger sei gezielt vorgegangen und ohne erkennbare Ausfallerscheinungen. Weitere Zeugen hatten ebenfalls keine Beeinträchtigung der Steuerungsfähigkeit des Angeklagten bemerkt. Mit Alkohol und Drogen kam der Angeklagte schon in früher Jugend in Kontakt, wie er in den Explorationsgesprächen mit Psychiater Lang freimütig einräumte.

Der 29-Jährige, in Leipzig geboren, besuchte die Schule in Unterfranken. Seinen leiblichen Vater lernte er nie kennen. Mit 15 trank er zum ersten Mal Alkohol, wenig später kamen Cannabis und Amphetamine hinzu. Die „Neigungen, solche Substanzen zu nehmen, sind verstärkt worden in der Musikszene“, dort agierte er als DJ, stellte selbst Musik ins Internet. 2009 schloss der Angeklagte eine Lehre als Binnenschiffer ab. Im Alter zwischen 21 und 24 erreichte der Drogenkonsum seine Hochphase. Dann lernte der Matrose seine Freundin kennen. „Sie hat mich besser gemacht“, sagte der Angeklagte. Phasenweise gelang es ihm, von Alkohol und Drogen loszukommen.

In der Tatnacht: ein Rückfall. Amphetamine, gekauft in einer Altstadtkneipe, haben ihn „schwer gepusht“, unheimlich stark gewirkt, so der Matrose. Hinzu kam Alkohol. Per Handy suchte er nach Prostituierten in Cochem. Doch der Akku streikte vorzeitig. Nahe dem Campingplatz rauchte er einen Joint zu Ende, der ihn runterbringen sollte. Dann hörte er angeblich Hilferufe aus einer Toilettenanlage. In seiner Erinnerung will er der Verprügelten und Genötigten zur Hilfe gekommen sein und einen anderen Mann, den eigentlichen Täter, in die Flucht geschlagen haben. Von dem fehlt jedoch jede Spur, auch jede DNA-Spur. Das Opfer und ihr Lebensgefährte, der den Täter in die Flucht schlug, hatten die Sache ebenfalls anders geschildert.

Psychiater Dr. Lang sagt, es sei vermutlich ein „Abspaltungsphänomen“, dass der Angeklagte an seiner Erinnerung festhalte. „Weil er Schwierigkeiten hat, das Geschehen in seine Persönlichkeit zu integrieren.“ Täter hätten gerade bei solch schweren Taten mitunter das Gefühl, „dass sie das gar nicht gewesen sein können“. Die Verteidiger des Matrosen, Stefan Schmidt und Mark Neugebauer, sehen sehr wohl Anhaltspunkte für eine verminderte Schuldfähigkeit ihres Mandanten. Sie sprachen sich für ein Gegengutachten aus. Die Vorsitzende Richterin, Anke Schenkelberg indes machte deutlich, sie sehe darin wenig Sinn. Letztlich werde die Beurteilung dieser Frage im Ermessen des Gerichts liegen.

Am 6. Juni um 9 Uhr soll der Prozess mit den Plädoyers fortgesetzt werden.

Von unserem Redakteur David Ditzer

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