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Bad Kreuznach

89 Verfahren zu Dieselgate in Bad Kreuznach: Autofahrer klagen gegen VW

Christine Jäckel

Das hätte sich Herbert Gilbert aus Gebroth nicht träumen lassen, als er vor viereinhalb Jahren seinen VW Sharan TDI erstand. Damals handelte er im guten Glauben, mit dem Dieselmotor der Euro-5-Norm einen umweltfreundlichen Antrieb gewählt zu haben. Jetzt muss er damit rechnen, dass er mit seinem Auto, auf das er wegen einer chronischen Erkrankung angewiesen ist, möglicherweise nicht mehr nach Mainz zur Uniklinik fahren kann.

Herbert Gilbert aus Gebroth ist einer von vielen Geschädigten der VW-Dieselaffäre, die eine Klage gegen den Autokonzern angestrengt haben.  Foto: Christine Jäckel
Herbert Gilbert aus Gebroth ist einer von vielen Geschädigten der VW-Dieselaffäre, die eine Klage gegen den Autokonzern angestrengt haben.
Foto: Christine Jäckel

Der 64-Jährige ist an diesem Tag nicht der erste und nicht der einzige Kläger gegen den Autokonzern Volkswagen vor der Zivilkammer des Landgerichts Bad Kreuznach. Vor dem Güte- und anschließenden Haupttermin Gilberts hat Richterin Nora Fernis an diesem Mittwochnachmittag bereits zwei Klageanträge von VW- und Audi-Kunden verhandelt. Im halbstündigen Takt sind die Prozesstermine angesetzt – ein Hinweis darauf, dass mit einer kurzen Verfahrensdauer gerechnet werden kann.

Und tatsächlich ist nach zehn Minuten alles gesagt, jedenfalls für den Moment. Denn der rechtliche Vertreter des Wolfsburger Autobauers hat die Anfrage der Richterin nach einer Bereitschaft zum Vergleich kurz und knapp verneint. Nachdem die gütliche Einigung geplatzt ist, gibt die Richterin Kläger Gilbert Gelegenheit, seine Motivation für den Kauf des Fahrzeugs darzulegen. Es war für ihn eine bewusste Entscheidung für das Auto mit Dieselmotor, weil er die Diskussion um den CO2-Ausstoß mitverfolgt hatte. „Ich wollte ein umweltfreundlicheres Auto kaufen“, so Gilbert, der bis dahin immer Fahrzeuge mit Benzinmotor fuhr. Über das Thema Stickstoffdioxid habe er sich beim Kauf keine Gedanken gemacht, erklärt er auf Nachfrage der Richterin. Damit ist die Beweiserhebung für heute abgeschlossen. Richterin Fernis räumt dem Sitzungsvertreter des VW-Konzerns noch eine Frist für eine Entgegnung auf einen Vortrag des Klägers ein und gibt einen Termin zur Urteilsverkündung am 5. Oktober bekannt.

„Ich werde auf jeden Fall in die nächste Instanz gehen, mir bleibt keine andere Option“, sagt Herbert Gilbert dem „Oeffentlichen Anzeiger“ im Anschluss an die Sitzung. Für den Fall, dass das Landgericht seine Klage abweist, sieht auch sein Rechtsanwalt Timo Berneit gute Chancen für den Antrag Gilberts auf Rücknahme des Fahrzeugs und Erstattung des vollen Kaufpreises beim Oberlandesgericht (OLG) Koblenz. Mit dem Sharan, den er als Vorführwagen gekauft hat und der jetzt einen Tachostand von 66 557 Kilometer aufweist, ist er – abgesehen von dem großen Manko Stickoxidausstoß – sehr zufrieden. Nur nutzt das wenig, wenn er trotz Euro-5-Norm und Softwareupdate bei einem nicht unwahrscheinlichen Fahrverbot damit nicht mehr zur Behandlung nach Mainz in die Uniklinik fahren kann. Wie viele andere Dieselbesitzer hat sich Gilbert mit dem Thema Softwareupdate beschäftigen müssen. „Es ist erwiesenermaßen nutzlos, der Stickoxidausstoß wird damit zwar reduziert, ist aber immer noch zu hoch“, fasst Gilbert zusammen.

Der Aufforderung, das umstrittene Update machen zu lassen, verleihen Kraftfahrtbundesamt und Zulassungsstellen regelmäßig Nachdruck, mit der Androhung, das Auto andernfalls stillzulegen. Wie Mediensprecher und Richter Daniel Wahn mitteilt, sind am Landgericht Bad Kreuznach aktuell 89 laufende Verfahren in Sachen VW-Abgasaffäre anhängig. Bisher konnten elf Verfahren durch eine Entscheidung abgeschlossen werden.

Von unserer Reporterin Christine Jäckel

Christine Jäckel zu Dieselgate: Verbraucher sind schlichtweg angeschmiert

Das einstige Flaggschiff deutscher Wertarbeit – der Volkswagenkonzern – ist tief gesunken, zumindest im Ansehen getäuschter Käufer von vermeintlich voll verkehrsfähigen Autos mit Dieselmotor.

Christine Jäckel
Christine Jäckel
Foto: Dominic Schreiner
Wer sich auf die Auskünfte der Verkäufer verlassen hat, findet sich unter Umständen an der Bushaltestelle oder am Bahnhof wieder, weil der fahrbare Untersatz als „Stinkstiefel“ in diversen städtischen Räumen Platzverweis hat. Längst hat Dieselgate auch den Kreis Bad Kreuznach erreicht.

Die dreisten Abgasmanipulationen und der Betrug am Kunden sind das Eine. Wer darauf vertraut hat, dass das schöne neue Dieselfahrzeug alle Umweltanforderungen erfüllt, ist jetzt schlichtweg angeschmiert, muss sogar damit rechnen, dass die Behörde die Stilllegung verfügt. Dagegen wehren kann sich nur, wer entweder einen Goldesel in der Hinterhand oder eine Rechtsschutzversicherung hat. Denn der Gang vor Gericht kostet Geld, und es gibt keine Garantie, dass man in der ersten Instanz Erfolg hat. Volkswagen scheint darauf zu setzen, den Klägern erst einmal den Wind aus den Segeln zu nehmen – wohl in der Hoffnung, dass die finanziellen Reserven für eine zweite Instanz nicht ausreichen.

Dabei stünde den Wolfsburger Autobauern – wenn schon nicht das Büßerhemd – Kulanz eindeutig besser. Schließlich betrifft der VW-Abgasskandal nicht nur zahllose Unternehmen oder Behörden, sondern vor allem Privatleute, die ihr Fahrzeug Tag für Tag benötigen. Und wie das nebenstehende Beispiel zeigt, trifft es Land- und Stadtbewohner gleichermaßen.

E-Mail: christine.jäckel@rhein-zeitung.net

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