Archivierter Artikel vom 24.04.2021, 09:00 Uhr

Wie es um die Immunisierung steht – und was danach kommt

Nach Inkrafttreten der Corona-Notbremse in Deutschland rücken nun mehr Freiheiten für Geimpfte in den Fokus – oder besser gesagt: Sie sollen Stück für Stück Grundrechte zurückerhalten. Darüber soll auf einer Bund-Länder-Spitzenrunde am Montag in Berlin debattiert werden, wie Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ankündigte. Zugleich gab es am Freitag gute Nachrichten für Impfwillige. Die oberste deutsche Impfbehörde stuft die Nebenwirkungen der Präparate von Astrazeneca und Johnson & Johnson als sehr gering ein. Eine Übersicht:

Beim Vakzin von Johnson & Johnson sieht die Impfkommission nach aktuellem Stand keine Altersbeschränkung vor.
Beim Vakzin von Johnson & Johnson sieht die Impfkommission nach aktuellem Stand keine Altersbeschränkung vor.
Foto: picture alliance/dpa/EUROPA PRESS

Impfungen und Nebenwirkungen

Hinsichtlich der Nebenwirkungen erläuterte der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), Klaus Cichutek, den aktuellen Stand. So kam in Deutschland auf 100.000 Impfungen mit Astrazeneca ein gemeldeter Fall eines Blutgerinnsels. Auch eine erneuerte Untersuchung in Großbritannien habe gezeigt, dass die Thrombosefälle in Zusammenhang mit Astrazeneca sehr selten seien. Bei dem Impfstoff von Johnson & Johnson sei das Verhältnis nach US-Daten sogar eins zu einer Million.

Cichutek begrüßte eine Freigabe des Astrazeneca-Impfstoffs auch für unter 60-Jährige nach der Abwägung mit einer Ärztin oder einem Arzt. Zuletzt sollte das Astrazeneca-Präparat nur bei Menschen ab 60 Jahren eingesetzt werden. Laut der neuen Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) sollen Impfwillige unter 60 Jahren vor einer Verabreichung ausführlich beraten werden. Bayern, Berlin, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern haben bereits mitgeteilt, dass Praxen den Astrazeneca-Impfstoff allen Altersgruppen spritzen können.

Bei Johnson & Johnson sieht die Impfkommission nach aktuellem Stand keine Altersbeschränkung vor, wie Cituchek nach einer Sitzung des Gremiums vom Vortag mitteilte. Die EU-Arzneimittelbehörde (EMA) hatte schon grünes Licht für Johnson & Johnson gegeben. Spahn hatte eine zeitnahe Auslieferung angekündigt.

Mehr Rechte für Geimpfte

Welche Beschränkungen fallen für Geimpfte weg? Diese ethisch heikle Frage soll laut Spahn bei der geplanten Ministerpräsidentenkonferenz an diesem Montag mit im Zentrum stehen. Laut Spahn könne ein voller Impfschutz einem negativen Testergebnis gleichgestellt werden. Das betrifft laut Spahn etwa den Wegfall der Quarantänepflicht nach einem Kontakt zu einem Infizierten, Regeln bei Einreiseverordnungen und bei Öffnungsschritten etwa für Geschäfte.

Diskutiert werden soll auch, ob einer vollständig geimpften Person noch Kontaktbeschränkungen auferlegt werden können. Laut Spahn müssen die im Grundgesetz geschützten Interessen des Einzelnen und die gleichzeitig hoch zu wertenden Schutzbedürfnisse insgesamt abgewogen werden. Die Regierung bereitet für die Runde der Länderchefs eine Übersicht zu den Rechtsfragen vor.

Die Impfkampagne

Ein Großteil der EU-Bürger kann nach Einschätzung der EU deutlich früher gegen das Coronavirus geimpft werden als ursprünglich gedacht. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen äußerte sich zuversichtlich, dass es im Juli genügend Impfstoff gebe, um 70 Prozent der Erwachsenen in der EU zu impfen. Bislang war dieses Ziel für den 21. September angepeilt.

Spahn bekräftigte einmal mehr, dass auf Basis der Lieferprognosen im Juni mit einem Ende der bisherigen festen Impfreihenfolge in Deutschland zu rechnen sei. Das bedeute aber nicht, dass allen gleich ein Termin gegeben werden kann. Spahn zeigte sich insgesamt optimistisch. „Was mich zuversichtlich macht, ist, dass unser Hauptlieferant Biontech sehr zuverlässig liefert.“ Von rund 80 Millionen Dosen kommen 50 Millionen von diesem Hersteller. Auch Astrazeneca und Johnson & Johnson wollten ihre Quartalszusagen einhalten. Im Juni kämen zudem die Impfungen durch die Betriebsärzte hinzu.

Ein Leben ohne Corona?

Durch die Impfungen kann Corona nach Einschätzung des RKI absehbar nicht ausgelöscht werden. Corona werde sich als Virus etablieren, mit dem man umgehen könne. Eventuell werde es sich saisonal immer wieder stärker verbreiten, aber insgesamt weit milder auswirken als derzeit. RKI-Vize Lars Schaade meinte, es sei besser, statt von „Herdenimmunität“ von „Grundimmunität“ der Bevölkerung zu sprechen. Es werde auch Gruppen geben, die nicht geimpft werden könnten oder wollten oder bei denen Impfungen wegen Vorerkrankungen nicht so stark anschlagen. Impfungen für Kinder sind noch nicht möglich. Das Präparat von Biontech/Pfizer ist ab 16 zugelassen. Ergebnisse einer Studie mit Kindern werden Ende 2020/2021 erwartet. Basil Wegener, Sascha Meyer und Gisela Gross