Archivierter Artikel vom 24.12.2011, 07:00 Uhr
Hamburg

Seeleute sind an Heiligabend gemeinsam einsam

Nicht nur in Norddeutschland, sondern auf allen sieben Weltmeeren gehört eine Radiosendung des NDR zu Weihnachten wie Tannenbaum, Forelle oder Gänsebraten: „Gruß an Bord“ läuft seit 58 Jahren über den Äther, früher über Kurzwelle von Norddeich Radio, heute über das Internet. Jedes Jahr lauschen Millionen Zuhörer der Stimme des NDR-Urgesteins Helmut Fricke. Wir haben uns mit d e r norddeutschen Stimme der Seefahrer unterhalten:

Hamburg – Nicht nur in Norddeutschland, sondern auf allen sieben Weltmeeren gehört eine Radiosendung des NDR zu Weihnachten wie Tannenbaum, Forelle oder Gänsebraten: „Gruß an Bord“ läuft seit 58 Jahren über den Äther, früher über Kurzwelle von Norddeich Radio, heute über das Internet. Jedes Jahr lauschen Millionen Zuhörer der Stimme des NDR-Urgesteins Helmut Fricke. Wir haben uns mit d e r norddeutschen Stimme der Seefahrer unterhalten:

Sie sind Anfang der 50er-Jahre zur See gefahren. Haben Sie damals einmal einen Weihnachtsgruß an Bord bekommen?

Für viele Seeleute ist das Radio 
an den Festtagen die einzige Verbindung in die Heimat. Sehnsüchtig erwarten sie die Grüße vom 
Festland.
Für viele Seeleute ist das Radio 
an den Festtagen die einzige Verbindung in die Heimat. Sehnsüchtig erwarten sie die Grüße vom 
Festland.
Foto: Montage: Svenja Wolf
Nein. Aber ich habe die Sendung mehrfach gehört. Und ich weiß, wie sehr sie den Seeleuten damals noch mehr als heute zu Herzen gegangen ist. Denn in den 50er-Jahren gab es ja noch keine andere technische Verbindung nach Hause. Norddeich Radio hat diese Sendung lange Zeit weltweit mehrmals an Heiligabend ausgestrahlt. Heutzutage haben wir den großen Vorteil, dass wir über das Internet übertragen können.

Wie hat es sich angefühlt, wenn man die Sendung irgendwo auf den Weltmeeren hörte?

Es ist einem sehr zu Herzen gegangen, weil man oft allein an Bord war. Man kann eben auch gemeinsam einsam sein. Das gilt heute noch viel mehr, weil nur noch wenige der Seeleute Deutsche sind. Die Mannschaftsgrade sind fast alle aus anderen Ländern. Dieses Gefühl des Verlassenseins, der Einsamkeit ist an einem Tag wie Heiligabend merkwürdigerweise besonders groß. Denn man weiß, dass alle anderen aus der Familie im Warmen um den Tannenbaum sitzen und an der Gänsekeule knabbern. Und man selbst ist bei Sturm, Regen und Schnee irgendwo auf dem Nordatlantik.

Die Sendung verbindet die Kulturen und Religionen?

Stimme des Nordens: Herbert Fricke
Stimme des Nordens: Herbert Fricke
Foto: NDR
Ja. Deshalb nehmen wir unsere Grüße auch in vielen Sprachen auf. Wir haben Grüße auf Takalog – das sprechen die Philippiner. Daneben grüßen wir natürlich viel auf Englisch. Wir hatten schon russische, chinesische oder eine persische Familie. Es gibt aber auch viele deutsche Offiziere, die auf ausländischen Schiffen fahren. Die freuen sich besonders, wenn sie Grüße auf Deutsch hören. Es gibt solche Sendungen aus vielen Ländern, etwa aus den USA oder aus Holland. Doch unsere ist die älteste.

Warum hat „Gruß an Bord“ im Zeitalter von E-Mail und Satellitentelefon noch so viele Zuhörer?

Weil die Angehörigen in der Heimat zuhören, wie wir die Seeleute interviewen. Im vergangenen Jahr haben wir zum Beispiel eine ganze Abordnung auf einer deutschen Fregatte vor Somalia gerufen. Bei vielen Familien gehört diese Sendung zum Ritual am Heiligabend – wie der Kirchgang, der Gänsebraten, die Forelle oder die Würstchen mit Kartoffelsalat. Hinzu kommt die Eigenart vieler Deutscher, dass sie an Heiligabend kaum fernsehen, sondern Radio hören. Das hat sich so überliefert.

Wie reagieren die Angehörigen auf die Sendung?

Viele brechen in Tränen aus. Das ist der Trennungsschmerz. Man wird sich bewusst, dass man an einem wichtigen Abend im Jahr von dem Lieben oder der Lieben getrennt ist. Diesmal hatten wir sogar mehrere Paare, die gemeinsam zur See fahren, aber auf getrennten Schiffen. Er ist vor Kanada, sie im Suezkanal.

Die Tränen vieler Zuhörer sind Ausdruck für die große Empathie und Sympathie mit den Seeleuten und ihren Familien. Viele hören zu, obwohl sie keinen Seemann an Bord haben. Aber sie mögen die Atmosphäre und das Zusammengehörigkeitsgefühl. Deshalb bauen wir diese Brücke über Ätherwellen – von Bord an Land und von Land an Bord.

Kritiker werfen Ihnen vor, eine Tränenshow zu inszenieren.

Das Gegenteil ist der Fall. Wir versuchen, Tränen nicht zurückzuhalten. Aber wir provozieren keine Gefühlsausbrüche. Die modernere Musikauswahl trägt dazu bei. Wir sind weg von Freddy Quinn und haben Stefan Gwildis und Jazzmusiker wie Eddy Winkelmann im Programm. Aber wenn Mahalia Jackson „Stille Nacht, heilige Nacht“ so ganz anders singt, dann rührt das selbst junge Menschen. Das hat nichts mit Rührseligkeit zu tun. Nein, das sind echte Gefühle, die jemanden übermannen.

Welcher Gruß ist Ihnen am schwersten gefallen?

Das war im Jahr 1956, als während der Suezkrise 14 internationale Schiffe acht Jahre lang eingekesselt im Großen Bittersee lagen. Da kam in einer unserer Sendungen ein etwa zehnjähriger Junge auf die Bühne und wollte seinen Bruder grüßen. Und er sagte: „Lieber Horst. Übrigens, unser Papa ist gestern Abend gestorben.“ Das war für uns ein Schock. Da hat es mir für einen Moment die Kehle zugezogen. Wir haben in der Redaktion beraten, ob wir diesen Gruß in seiner ganzen Brutalität senden können. Wir haben es getan, weil der Seemann an Bord der „Nordwind“ diese Nachricht auf anderem Wege nicht bekommen konnte. Er hat sich dafür später bei uns bedankt. Also haben wir es richtig gemacht.

Gab es auch einen lustigen Gruß?

Wir sind einmal mit dem Mikro in eine Frauenklinik gegangen und haben den ersten Schrei des Neugeborenen eines Seemanns übertragen, der im Mittelmeer unterwegs war. Der hat den ersten Schrei seines Sohnes über Ätherwellen gehört. Er war zwar gerührt, es war aber auch die teuerste Nacht seines Lebens. Denn er musste die gesamte Besatzung freihalten.

Was war der ergreifendste Moment in diesem Jahr?

Ein Thema sorgt für fortlaufende Anspannung: Piraterie. Das kommt in jedem zweiten Gruß vor. Die Besorgnisse der Angehörigen sind sehr groß. Es ist ja auch ein zweifelhaftes Vergnügen, durch das Rote Meer, die Straße von Aden und um das Horn von Afrika zu fahren. Denn man weiß, dass die UN-Hilfsaktion Atalanta kaum etwas bewirkt. Die Inder, die Russen, auch die Engländer setzen private Schutzkommandos an Bord ein. Diese Schiffe werden auch nicht mehr von Piraten angegriffen. Auf vielen deutschen Schiffen ist das noch anders.

Welche Reaktionen bekommen Sie von Bord?

Gerade eben haben wir Kapitän Jürgen Wiese auf der „Oberon“ im Hafen von Isla Margarita in Venezuela gerufen. Er hat erzählt, dass er unsere Sendung seit fast 60 Jahren ständig verfolgt und dass sie ein Muss für ihn ist. Das Eigenartige ist, dass wir auch auf polnischen und amerikanischen Schiffen gehört werden. Diese Seeleute verstehen zwar nicht alles, aber sie fühlen den Geist und die Stimmung der Sendung – „the mood“, wie die Engländer sagen.

Das Gespräch führte unser Redakteur Christian Kunst