Archivierter Artikel vom 30.01.2014, 06:00 Uhr
Cuxhaven

Küste: Offshore-Branche schlittert in eine gewaltige Krise

Ein eisiger Wind pfeift von der Elbe her über die leere Betonfläche und bringt die Abspannseile des riesigen Bockkrans zum Singen. Hier wurden bis vor knapp einem Jahr noch mächtige Fundamente für Offshore-Windkraftanlagen auf Transportschiffe verladen.

Von Andreas Kölling

Die Energiewende an der Küste gerät ins Stocken: Es gibt keine Investoren für neue Windparks auf hoher See. Firmen machen pleite, Hunderte Menschen verlieren ihre Arbeitsplätze.
Die Energiewende an der Küste gerät ins Stocken: Es gibt keine Investoren für neue Windparks auf hoher See. Firmen machen pleite, Hunderte Menschen verlieren ihre Arbeitsplätze.

Dann ging es im Schleppzug gut 200 Kilometer hinaus auf die Nordsee. Insgesamt 40-mal seit Frühjahr 2010. Immer zwei strahlend gelbe Dreibeine pro Tour, jedes knapp 500 Tonnen schwer. Jetzt läuft hier gar nichts mehr. Die neu gebaute Fertigungshalle steht leer.

Ein grau-blauer Klotz, fast 60 Meter hoch und rund 250 Meter lang. Mehr als 300 Mitarbeiter des Stahlbauunternehmens haben ihren Job verloren. Es gibt keine Investoren für weitere Windparks auf hoher See, keinen Anschlussauftrag für die Cuxhaven Steel Construction GmbH. Das Aus kam nur sechs Jahre nach der Gründung der mittelständischen Firma im wirtschaftlich schwachen Elbe-Weser-Dreieck.

Viele Größen aus der Landes- und Bundespolitik sind damals zu Besuch gewesen, beschworen die Zukunftsbranche „Offshore“ und prophezeiten Tausende Arbeitsplätze. Fototermine vor den gelben Giganten. Jetzt war schon lange keiner mehr da. Die Hoffnungen sind geplatzt. Die Offshore-Branche schlittert in eine dramatische Krise.

Windstrom von See ist zu teuer, die Installation aufwendig, die Investitionen immens, sagen die Kritiker und fordern eine Strompreisbremse. Die hochfliegenden Pläne von gigantischen Windparks in Nord- und Ostsee liegen auf Eis. Trotz der Reduzierung der Ausbauziele auf nur noch 6500 Megawatt Gesamtleistung bis zum Jahr 2020 hält das Land Bremen tapfer am geplanten Bau eines neuen Offshore-Terminals fest.

Es fällt in der strukturschwachen Küstenregion eben schwer, die Realitäten zu erkennen, wenn man jahrelang vom großen Offshore- Boom geschwärmt hat. Kaum Aufträge für neue Windräder, heißt es. Potenzielle Investoren sind zurückhaltend. Immerhin kostet ein 80-Anlagen-Windpark auf hoher See rund 100 Kilometer vor der Küste mindestens 2 Milliarden Euro.

Solange nicht klar ist, auf wie viel Cent Einspeisevergütung pro Kilowattstunde sich eine schwarz-rote Regierungskoalition in Berlin tatsächlich festlegen will, so lange wird sicher keine neue Bauentscheidung getroffen, sagen Experten. „Verheerend“ nennt die IG Metall die Offshore-Kürzungspläne von Energieminister Sigmar Gabriel (SPD).

Mehr als 2000 Arbeitsplätze sind allein im vergangenen Jahr in der Offshore- Branche verloren gegangen, rechnen die Gewerkschafter vor und befürchten, dass weitere 1000 in diesem Jahr abgebaut werden. Insgesamt 30 Projekte sind genehmigt; keine Handvoll ist im Bau. Dass es auf See mächtig hakt in Sachen Energiewende, zeigt sich am Windpark Riffgat in der Emsmündung.

Da stehen in Sichtweite der ostfriesischen Ferieninsel Borkum seit vergangenem Sommer insgesamt 30 riesige Windräder still vor sich hin: Das Anschlusskabel an Land ist noch nicht komplett verlegt. Für die seitdem nicht eingespeisten Kilowattstunden wird der regionale Energieversorger EWE vom säumigen Netzbetreiber entschädigt. Und dass sich die Windräder ab und an tatsächlich drehen, liegt an kleinen Dieselaggregaten unten im Turm.

Sie erzeugen Strom für Antriebsmotoren, damit die Rotorlager nicht Schaden nehmen. Energiewende paradox!