Archivierter Artikel vom 14.06.2011, 08:34 Uhr
Rheinland-Pfalz

Wie stoppen wir das Sterben unserer Dörfer?

Sterben unsere Dörfer in den kommenden Jahrzehnten aus? Klingt wie ein Horrorszenario, hat aber in vielen kleinen Kommunen auf dem Land längst begonnen. Bürgermeister der 2258 Ortsgemeinden im Land können meist konkret sagen, welches Haus entlang der Hauptstraße oder in der Dorfmitte bereits leer steht, wo ältere Menschen leben und ob es Interessenten für solche Anwesen gibt. Häufig ist die Bilanz niederschmetternd: Junge Leute ziehen in Ballungsräume, wo die Jobs sind. Bleiben sie im Dorf, möchten sie im Neubau wohnen. Eine Entwicklung, die sich noch verschärfen wird: Es gibt immer weniger junge Menschen, insgesamt altert und schwindet die Bevölkerung.

Dörfer, die aus dieser Situation das Beste gemacht haben – auch die gibt es. Zum Beispiel Duchroth im Kreis Bad Kreuznach. Sandra Dupont (links) und Gabi Dupont-Biesalski vor ihrem 1998/1999  an Duchroths Wassergasse restaurierten Gebäude. In zwei Wohnungen leben  heute zwei Familien.
Dörfer, die aus dieser Situation das Beste gemacht haben – auch die gibt es. Zum Beispiel Duchroth im Kreis Bad Kreuznach. Sandra Dupont (links) und Gabi Dupont-Biesalski vor ihrem 1998/1999 an Duchroths Wassergasse restaurierten Gebäude. In zwei Wohnungen leben heute zwei Familien.
Foto: Stefan Munzlinger

Rheinland-Pfalz. Sterben unsere Dörfer in den kommenden Jahrzehnten aus? Klingt wie ein Horrorszenario, hat aber in vielen kleinen Kommunen auf dem Land längst begonnen.

Bürgermeister der 2258 Ortsgemeinden im Land können meist konkret sagen, welches Haus entlang der Hauptstraße oder in der Dorfmitte bereits leer steht, wo ältere Menschen leben und ob es Interessenten für solche Anwesen gibt. Häufig ist die Bilanz niederschmetternd: Junge Leute ziehen in Ballungsräume, wo die Jobs sind. Bleiben sie im Dorf, möchten sie im Neubau wohnen. Eine Entwicklung, die sich noch verschärfen wird: Es gibt immer weniger junge Menschen, insgesamt altert und schwindet die Bevölkerung.

Wenn die Dörfer weiter an Anziehungskraft verlieren, dann hat das dramatische Auswirkungen: Häuser und Wohnungen stehen leer, Bausubstanzen bröckeln, es kommt zum Werteverlust, die Dorfmitte wird zunehmend unattraktiv für nachfolgende Generationen. Ein Teufelskreis mit fatalen Folgen: Durch den Bevölkerungsrückgang ist die technische Infrastruktur wie Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung nicht ausgelastet – es bedarf hoher Investitionen, um Leitungen und Rohre frei zu halten. Einzelhandel, Gastronomie und Betriebe geben auf.

Lewentz will Pilotprojekte

Um etwas gegen das Dörfersterben zu tun, gibt es laut Innen- und In-frastrukturminister Roger Lewentz „eine Reihe von Programmen und Fördermöglichkeiten, die wir enger verzahnen möchten“. Neben der Dorferneuerung will er die Breitbandverkabelung, den öffentlichen Personenverkehr sowie Pilotprojekte wie Bürgerbus und Rufbus vorantreiben. Seit 1991 wurden im Rahmen der Dorferneuerung rund 439,3 Millionen Euro in den ländlichen Raum investiert. Damit konnten mehr als 24 400 private und gut 4000 öffentliche Projekte unterstützt werden. Von den rund 90 Prozent der Gemeinden im Land mit weniger als 2000 Einwohnern haben mittlerweile etwa 80 Prozent ein Dorferneuerungskonzept erarbeitet. 2011 werden weitere 20 Kommunen als sogenannte Schwerpunktgemeinden anerkannt; insgesamt profitieren in diesem Jahr 135 Dörfer von 16 Millionen Euro.

Umstrittene Neubaugebiete

Landesweit wurden im 2010 unter dem Stichwort „Raum+“ die innerorts vorhandenen Baugrundstücke erfasst. 8500 Bauflächen mit insgesamt mehr als 5000 Hektar stehen demnach in den rheinland-pfälzischen Ortslagen zur Verfügung. Innen vor außen, Dorfkern statt Neubaugebiet ist das Ziel, das bereits im Landesentwicklungsprogramm (LEP IV) als erster Schritt definiert wurde. Und dennoch, erklärt ein Bürgermeister, gibt es immer noch Gemeinderäte, die das Problem leugnen und Neubaugebiete erschließen wollen, ohne dass ein Bedarf erkennbar ist.

Gleichwohl: Alle gut gemeinten Projekte trüben nicht den Blick auf die Realitäten. Im Konkurrenzkampf der Kommunen um junge Leute und junge Familien haben die Dörfer entlang der Ballungsräume oder der schnellen Verkehrsverbindungen wie Autobahnen die Nase vorn. Und die Klientel, die bereit ist, in den überalterten Dorfkern zu investieren, bleibt vermutlich auch in Zukunft eine Minderheit. Junge Familien mit wenig Geld zählen ebenso dazu wie Dorfbewohner, die diesen Schritt aus ökologischen oder anderen Gründen unternehmen, sowie der eine oder andere Städter, den der Wunsch nach einem ruhigen Alterssitz aufs Land zieht.

Von unserem Redakteur Michael Stoll