Archivierter Artikel vom 14.06.2011, 08:47 Uhr
Rheinland-Pfalz

Ortskerne beleben, ehe der Letzte das Licht ausmacht

Geisterstädte sind im Wilden Westen bei Touristen beliebt. Dass wir in unseren Breiten ausgestorbene Dörfer sehen wollen, darf angezweifelt werden. Ob solche Einöden in den kommenden Jahrzehnten verhindert werden können, ist keineswegs ausgemacht.

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Rheinland-Pfalz. Geisterstädte sind im Wilden Westen bei Touristen beliebt. Dass wir in unseren Breiten ausgestorbene Dörfer sehen wollen, darf angezweifelt werden.

Ob solche Einöden in den kommenden Jahrzehnten verhindert werden können, ist keineswegs ausgemacht.

Sven Stadtmüller, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungszentrum Demografischer Wandel der Fachhochschule Frankfurt, sagt: „Dass strukturschwache Dörfer aussterben, ist nicht auszuschließen.“

Heute bereits leidet manch stark ländlich geprägte Region darunter, dass junge Menschen in die Ballungsräume abwandern, eine zunehmend älter werdende Bevölkerung zurückbleibt und mittelfristig schrumpft. Solche Regionen altern schneller als andere, ihre Wirtschaftskraft lässt nach, Unternehmen bleiben fern oder verschwinden – und mit ihnen die Arbeitsplätze. Ein Teufelskreis: Denn der Exodus der Jungen und Gebildeten verstärkt sich dadurch noch mehr. Es ist abzusehen, dass ganze Landstriche zunehmend entvölkert werden, Häuser und Wohnungen leer stehen.

Kommunen, die Einwohner verlieren, verlieren zwangsläufig auch finanzielle Zuweisungen und damit an Finanzkraft. Um dem entgegenzusteuern und vor allem junge Familien neu anzusiedeln, legen Gemeinden und Städte teure Programme auf – vom „Kopfgeld“ bis zum Neubaugebiet. Ein Wettbewerb unter den Kommunen ist die Folge. „Das ist nicht der richtige Weg“, erklärt Sven Stadtmüller. „Die Wahrscheinlichkeit, dass viele Kommunen Wanderungsgewinne erzielen, ist eher gering, denn der Pool an jungen Familien ist begrenzt. So führen die Investitionen eher zu einer höheren Verschuldung, in deren Folge wiederum Infrastrukturangebote zurückgefahren werden müssen.“

Viele Bürgermeister wollen kurzfristige Erfolge für sich verbuchen

Die Alternative zur Konkurrenz unter Kommunen ist nach Ansicht des Experten eine stärkere Kooperation – vom Schwimmbad bis zur Schule, von der Feuerwehr bis zum Gerätepool. „Dies stößt leider häufig an die Grenzen politischer Logik“, schränkt Stadtmüller ein, „denn immer noch wollen viele Bürgermeister kurzfristige Erfolge für sich verbuchen, erkennen die Grenzen des Wachstums nicht.“

Welche Chancen aber haben Dörfer, die heute schon mit den Problemen von morgen kämpfen? „Es sollte der Versuch unternommen werden, Mindeststandards an Daseinsfürsorge vorzuhalten – aber zum Beispiel in zentralen Orten, um die sich mehrere Dörfer gruppieren. Und man sollte auf die Potenziale einer wachsenden Zahl älterer, noch aktiver Menschen zurückgreifen, die im Sinne bürgerschaftlichen Engagements viel in ihrem Ort tun können.“

Innenentwicklung hat Vorrang vor der Außenentwicklung

Neubaugebiet oder Ortskern – das ist für Stadtmüller keine Frage: Die Innenentwicklung hat Vorrang vor der Außenentwicklung. Baugebiete müssen sorgfältig geprüft werden, sagt Stadtmüller, lieber sollen Verwaltungen dafür sorgen, dass die Ortskerne belebt werden.

Und doch ist es absehbar, dass es in manchen Dörfern einen Letzten geben wird, der in 20, 30 Jahren das Licht hinter sich ausknipst. Verwaltungen werden entscheiden müssen, ob sie solche Orte noch fördern. Und sie werden sich schon bald damit beschäftigen müssen, wie man Dörfer geplant schrumpft.

Von unserem Redakteur Michael Stoll