Archivierter Artikel vom 10.11.2011, 06:00 Uhr
Rheinland-Pfalz

Analyse: Wie am Nürburgring die Risiken unterschätzt wurden

Stefan Winkel schüttelt den Kopf. „Am Nürburgring jagte wohl jeder seinem eigenen Luftschloss hinterher“, sagt er. Und zieht zugleich Bilanz nach einem intensiven Studium von Fakten und Prognosen, Grafiken und Schaubildern. Der diplomierte Volkswirt hat sich mit unserer Zeitung das fast schon legendäre Gutachten von Ernst & Young angesehen.

Rheinland-Pfalz – Stefan Winkel schüttelt den Kopf. „Am Nürburgring jagte wohl jeder seinem eigenen Luftschloss hinterher“, sagt er. Und zieht zugleich Bilanz nach einem intensiven Studium von Fakten und Prognosen, Grafiken und Schaubildern.

Der diplomierte Volkswirt, in Rheinland-Pfalz als Geschäftsführer des Steuerzahlerbundes bekannt, hat sich mit unserer Zeitung das fast schon legendäre Gutachten von Ernst & Young angesehen.

Die knapp 40 Seiten umfassende Expertise datiert vom 10. September 2010. Monate zuvor diente der Entwurf der renommierten Wirtschaftsprüfungsgesellschaft dem Land und der nahezu landeseigenen Nürburgring GmbH als Entscheidungsbasis für die Neuordnung des Rings. Aber auch die künftigen Pächter, der Hotelier Jörg Lindner und der Geschäftsmann Kai Richter, waren über die wesentlichen Eckpunkte informiert, bevor sie den Pachtvertrag am 25. März 2010 unterzeichneten. Das erklärte jedenfalls der frühere Wirtschaftsminister und Verhandlungsführer des Landes, Hendrik Hering (SPD), gegenüber unserer Zeitung. Richters damalige Firmen lieferten zum Teil Daten zu.

Pachthöhe schien sehr ambitioniert

„Dass der Betrieb von Freizeitpark und Rennstrecke ein wirtschaftliches Risiko bedeutete, war aus dem Gutachten von Ernst & Young klar ersichtlich“, analysiert Volkswirt Winkel. „Und an eine jährliche Pacht von 15 Millionen Euro zu glauben, war auf jeden Fall ambitioniert“, sagt der Geschäftsführer des rheinland-pfälzischen Steuerzahlerbundes weiter.

Am Freizeitpark am Nürburgring geht am Mittwoch die Sonne unter. Die Betreiber des Nürburgrings wollen den schlecht laufenden Freizeitpark im Winter meist geschlossen halten.

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Dies geht aus einem Papier hervor, das die Geschäftsführer der Nürburgring Automotive GmbH am Mittwoch der Belegschaft vorstellten.

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Der Freizeitpark „Ringwerk“ verspricht „Abenteuer für die ganze Familie“.

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Der Freizeitpark „Ringwerk“ sollte Besucher zum neuen Nürburgring locken. Doch die Massen blieben aus.

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Jörg Lindner, Geschäftsführer der Nürburgring Automotive GmbH, sprach am Mittwoch in einer Personalversammlung zu seinen Mitarbeitern.

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Auch hier musste die Öffentlichkeit draußen bleiben. Den Fotografen blieb nur der Blick durchs Fenster.

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Die Analyse von Ernst & Young enthält mit Blick auf frühere Planungen und Prognosen eine Fülle kritischer Aussagen. „Die Margen- und Umsatzsteigerungen im Geschäftsbereich Kerngeschäft sind ambitioniert geplant“, heißt es. Gemeint sind die Rennsportveranstaltungen. An anderer Stelle ist davon die Rede, dass die Bedeutung der Achterbahn für die Attraktivität des Nürburgrings überschätzt wird. Damals wusste man noch nicht, dass der Ring-Racer bis heute nicht fahren würde.

Generell wird die Anziehungskraft des Ring-Werks bestritten, das die Wirtschaftsprüfer eher als modernes Museum denn als Freizeitpark empfinden. Ihr Urteil: im Vergleich zu den Technikmuseen in Speyer und Sinsheim zu teuer und zu unattraktiv. Und weiter: Ernst & Young hielt den Freizeitpark für Familien nicht interessant genug. Zudem wurde die Lage in der Eifel moniert: zu abgelegen.

In dem Gutachten ist zudem nachzulesen, wie sehr Landesregierung und Nürburgring GmbH sich verrechnet haben. Am 19. November 2007 ging man im Planungszeitraum von 2009 bis 2020 noch von einem positiven Jahresergebnis von 40 Millionen Euro aus. Am 30. Oktober 2009 rechnete man im günstigsten Szenario für denselben Zeitraum mit einem Minus von 139 Millionen Euro. Die ungünstigste Prognose („worst case“) bezifferte das negative Jahresergebnis mit 220 Millionen Euro. Die ersten Erhebungen waren ungenau. Anpassung erfolgten sträflich spät. Die Baukosten explodierten. Umsätze blieben aus. Dass da die konzeptionelle Notbremse gezogen werden musste, ist selbstredend.

Was alles nicht bedeutet, dass am Ring nach Ansicht der Wirtschaftsprüfer kein Geld zu verdienen ist. Im besagten Zeitraum von 2009 bis 2020 wurde für das Kerngeschäft (aufaddiert) ein operatives Ergebnis von 108,6 Millionen Euro errechnet und für den Freizeitpark von immerhin noch 74,9 Millionen Euro. Zins und Tilgung sind nicht eingerechnet. Das alles sind immerhin 183,5 Millionen. Pro Jahr kämen 15,29 Millionen Euro zusammen. Nach diesen Zahlen hätte die Höhe des Pachtvertrags durchaus im Bereich des Machbaren gelegen. Zumal die geplante Trennung von Besitz und Betrieb sowie die Zusammenfassung aller Firmen zusätzliche Einnahmen erschließen sollte. Weiteres Entgegenkommen für die Betreiber: Die Formel 1, die hier noch im Topf ist, wurde später herausgelöst und von den Pachtzahlungen ausgenommen.

Datenbasis ist fraglich

Entscheidend ist die Frage: Stimmte die Datenbasis? Ernst & Young legen Wert darauf, Zahlen analysiert und nicht erhoben zu haben. Wer die Expertise studiert, kommt auch hier zu einer ernüchternden Erkenntnis: Die ohnehin mehrfach nach unten korrigierten Szenarien wurden von der Realität noch unterboten. Für das Ring-Werk mit Kino, Ausstellung und Rennsimulatoren rechnete man für 2010 noch mit 372 000 Besuchern. Jörg Lindner und Kai Richter zählten aber nur rund 100 000. In diesem Jahr dürften es sogar nur noch 80 000 werden. In der Veranstaltungsarena kalkulierte man laut Expertise mit 125 Veranstaltungen. Die Pächter verbuchten 2010 aber nur magere 8 Veranstaltungen. Ähnlich verheerend ist die Auslastung des Parkhauses, das Millionen einspielen sollte. Wo kaum einer parkt, zahlt kaum einer Tickets. Dazu kommen Planungsfehler wie der Bau des Boulevards ohne Heizung.

Die jetzigen Betreiber hätten das Desaster aufgrund all der Warnungen in dem Gutachten vielleicht erahnen können, aber verantwortlich für die Markterhebung ist die Landesregierung. Von daher schließen Juristen nicht aus, dass Lindner und Richter versuchen könnten, eine verminderte Pacht juristisch einzuklagen. Das Land beruft sich vorsorglich schon mal darauf, dass die künftigen Pächter im Bilde waren. Zudem kalkulieren die Regelungen des Pachtvertrags wirtschaftliche Risiken ein. Eine Konsequenz: Die Pacht wurde in der Anlaufphase (Einschwungphase) bis auf null heruntergefahren. Stefan Winkel vom Steuerzahlerbund indes zieht ein düsteres Fazit: „Am Ring hat man sich mächtig verrechnet.“

Von unserem Redakteur Dietmar Brück