Archivierter Artikel vom 14.12.2010, 12:03 Uhr

Vom Mut, aus der Reihe zu tanzen

Skeptische, ängstliche, aber auch euphorische Augen blicken durch den Raum: Acht Teilnehmer und der Leiter des Workshops Regie sitzen auf den internationalen Videofilmtagen in Koblenz beisammen.

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Jeder aus seiner Perspektive, haben beim Dreh alle ein Ziel vor Augen.
Jeder aus seiner Perspektive, haben beim Dreh alle ein Ziel vor Augen.

Skeptische, ängstliche, aber auch euphorische Augen blicken durch den Raum: Acht Teilnehmer und der Leiter des Workshops Regie sitzen auf den internationalen Videofilmtagen in Koblenz beisammen.

„Was soll ich machen?“, fragen sie sich. Ich selbst hatte glücklicherweise am Abend zuvor noch ein selbst geschriebenes Gedicht eingepackt. Nun quälte mich die Frage, ob ich es wagen sollte, eine Gedichtvisualisierung auf die Beine zu stellen, und vor allem: Welche Reaktion habe ich als Regisseurin, dazu ohne Kameraerfahrung, zu erwarten

Nachdem die Teilnehmer ihr jeweiliges Projekt vorgestellt und mit geballtem Fachwörterwissen um sich geworfen hatten, stotterte ich mein Vorhaben zusammen. Workshopleiter Gordian Maugg reagierte interessiert und versuchte, mir mit seinen Fragen Hilfestellung zu leisten. Von nun an hielt ich an meiner Idee fest. Ja, ich werde aus der Reihe tanzen – besser gesagt: filmen -, werde weder Liebesdrama noch eine Daily-Soap-Szene verfilmen, sondern mein Gedicht!

Als die Filmteams mit Fachleuten für Kamera, Ton und Schnitt zusammengestellt wurden, ging ich als Regisseurin und Hauptverantwortliche der Idee mit schlottrigen Knien in die Offensive und stellte mein Projekt vor. Ich war erleichtert, auf meinen Sitzplatz zurückkehren zu können. Gordian Maugg hob beide Daumen, signalisierte mir: „Gut gemacht!“ Und schon kurz darauf sprachen mich die ersten Leute an und äußerten Interesse. Mir kribbelten die Finger vor Tatendrang.

Der nächste Tag ist ganz dem Dreh gewidmet. Zunächst suche ich mit meiner Kamerafrau geeignete Drehorte, die das Gefühl, welches mein Gedicht vermitteln soll, am besten darstellen kann. Druck machte sich bemerkbar – heute muss das Ding im Kasten sein. Als das Team eintrifft, lässt die Motivation rasant nach. Nichts klappt. Kein Ton. Wackelnde Kamerabilder. Na, hoffentlich können später wenigstens alle drüber lachen. Doch mit den ersten zufriedenstellenden Aufnahmen hat uns die Euphorie wieder. „Wir brauchen Dämmerung!“, kommt plötzlich noch eine Idee auf. Begeistert beschließen wir, bei Sonnenaufgang zu drehen. Müde Gesichter um sieben Uhr morgens, es ist bibberkalt, aber wir wollen das Bild! Im Kasten – geschafft!

Nein, falsch gedacht. Der Schnitt: Weitere 16 Stunden werkeln wir nonstop. Zu kleinlich ist mir die Arbeit, gegen 0 Uhr verlasse ich meine Leute und erfahre am nächsten Morgen, dass sie noch weitere vier Stunde gearbeitet und den Filmfertig gestellt haben. Schlechtes Gewissen und große Dankbarkeit toben in mir. Endlich ist es fabriziert.

Als die Dämmerung, idyllisch und romantisch, vor knapp 100 Menschen in der Aula erleuchtet, blicke ich in aufmerksame Gesichter, die sich nicht abwenden. Stolz erfüllt mich. Unsere Arbeit, unsere Zeit, unsere Kunst und mein Gedicht.

Von Inna Bischoff