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Koblenz

Geschäftsleute sauer über Chaos am Koblenzer Bahnhofplatz: Alarmierende Appelle an die Stadt

Katharina Demleitner

Seit Monaten steht der Bahnhofplatz im Fokus: Lärm und Dreck, Urin und Kot nerven Passanten und Anlieger. Im Stadtrat wird diskutiert, ob eine Toilette aufgestellt werden soll: Eklige Hinterlassenschaften hatten dazu geführt, dass ansässige Geschäfte reagierten. So hat die Sparkasse ihre Filiale im März geschlossen. Andere Unternehmen würden den Standort am Bahnhof nicht wieder wählen und berichten der RZ von weiteren Kritikpunkten, sehen aber auch Potenzial für Verbesserungen.

Autos, die hier nicht hingehören, Urin, Kot, Dreck: Für viele Geschäftsleute ist die Situation am Bahnhofplatz fast unerträglich geworden.  Foto: Katharina Demleitner
Autos, die hier nicht hingehören, Urin, Kot, Dreck: Für viele Geschäftsleute ist die Situation am Bahnhofplatz fast unerträglich geworden.
Foto: Katharina Demleitner

Montag, später Vormittag. Der Bahnhofplatz ist belebt. Vor der ehemaligen Sparkassen-Filiale sitzen mehrere Personen an den Bäumen. Bei Baristaz genießen Leute in der Sonne Kaffee. An der benachbarten Postfiliale herrscht reger Betrieb, viele Kunden fahren mit dem Auto bis direkt vor den Eingang. „Das ist eigentlich verboten“, sagt Stephan Schunk.

Der Baristaz-Geschäftsführer ärgert sich über den Verkehr, der trotz Verbot über den Platz und häufig mitten durch die Außenbestuhlung seines Cafés fährt. „Der Bereich hier ist Fußgängerzone, bis 11 Uhr darf angeliefert werden, danach ist Schluss“, schimpft Schunk. Autos und Lieferwagen, aber auch Lkw scheint das nicht zu stören: „Oft geben die auch ganz schön Gas, dabei sind hier viele Ältere, Rollstuhlfahrer und Kinder unterwegs.“ Zu schaffen macht dem Gastronom zudem das Hygieneproblem. Neben den Stufen vor dem Café müssen die Mitarbeiter jeden Tag sauber machen. „Das stinkt, vor allem im Sommer, dann kann hier niemand sitzen“, berichtet Schunk.

Unter Fäkalien in Durch- und Eingängen leidet auch die Firma Active Logistics. „In den letzten Jahren hat sich der Bahnhofsvorplatz zum Schlechten entwickelt“, findet die Gruppenleiterin Teamassistenz, Ursula Trapp. Dreck, Lärm, Gestank, hupende Busse, das Gebrüll und die Streitereien von Mitmenschen, deren Alkoholpegel stündlich steige, erschwere die Arbeit: „Manchmal kann man kaum mit Kunden telefonieren.“ Für das Software-Unternehmen ist klar: Wäre die Lage bei der Anmietung ähnlich gewesen, „hätten wir sicherlich vom Bahnhofplatz Abstand genommen“.

Eine erneute Anmietung am Bahnhof stellt auch Harald Bendig, Geschäftsführer von Kieser Training Koblenz, stark in Frage. „Unser Hauseingang ist verschlossen, weil dort uriniert und ähnliches wurde, die Kunden müssen klingeln. Eine solche Situation gibt es in keiner anderen der 114 Kieser Training Filialen in Deutschland “, erklärt Bendig, der immer mehr Drogensüchtige und Alkoholkranke am Bahnhof registriert. Im Winter seien die Treppenaufgänge in der Tiefgarage voll mit Obdachlosen. „Die Entwicklung sollte keinesfalls auf die leichte Schulter genommen werden“, warnt er.

Die Toiletten-Frage ist auch für das GHotel das größte Problem. „Die Leute kommen herein, um unsere WCs zu nutzen, gehen oft einfach durch“, empört sich Hoteldirektorin Annika Kailing. Die Mitarbeiter sprechen die Personen an, „aber manche pöbeln, dann ist es zu gefährlich einzuschreiten“, meint Kailing. Viele weichen hinter das Hotelgebäude aus – kein schöner Anblick für Gäste, die dort ihre Fahrräder abstellen. Zwischen den Blumen landen auch Spritzen. In der Tiefgarage, die direkten Zugang zum GHotel hat, finden sich unappetitliche Hinterlassenschaften, „dafür werden wir dann schlecht bewertet“, ärgert sich Kailing.

In erster Linie öffentliche Toiletten und mehr Kontrollen von Ordnungsamt und Polizei – das ist der Wunsch der Gewerbetreibenden. Außerdem halten viele eine Tourist-Information am Bahnhof für erforderlich. „Das ist unmöglich. Häufig stehen Touristen suchend rum, versuchen, sich zu orientieren“, kritisiert Trapp. Baristaz hat Abriss-Stadtpläne vorrätig, weil in dem Café auffallend oft danach gefragt wird.

Die Stadt will am Montag ein Gesamtkonzept für den Bahnhofplatz vorstellen. Schunk bedauert, dass die Gewerbetreibenden bislang nicht eingebunden wurden. Er plädiert für mehr Begrünung und könnte sich eine stärkere Nutzung der Spiegelfläche vorstellen, etwa mit einem Markt. Insgesamt hält der Gastronom eine positive Veränderung unter Einbeziehung aller Beteiligten für möglich: „Ich bin überzeugt, dass gemeinsam der Bahnhofbereich verbessert und noch attraktiver gestaltet werden kann.“ Auch Bendig meint: „Der Bahnhof Koblenz ist noch zu retten!“

Von unserer Mitarbeiterin Katharina Demleitner

Polizei: Kein Sicherheitsproblem am Bahnhof

Die Koblenzer Polizei sieht kein Sicherheitsproblem rund um den Bahnhof. Nach ihren Erkenntnissen gibt es eine Gruppe von durchschnittlich 20 Personen, die sich etwa von 9 bis 19 Uhr auf dem Bahnhofsvorplatz aufhalten. Die zum größten Teil männlichen Mitglieder sind zwischen 21 und 65 Jahren alt, haben zu 80 Prozent keinen festen Wohnsitz, sind alle suchtkrank und alle in einer prekären, sozialen Lage. Drei Viertel von ihnen sind Koblenzer.

„Die Gruppe will unter sich bleiben, sucht keine öffentliche Aufmerksamkeit und belästigt grundsätzlich auch keine Dritten“, berichtet Manuel Wehrmann, Leiter der Polizeiinspektion Koblenz 1. Lautstarke Kommentare könnten allenfalls fallen, wenn die Personen angesprochen werden. Körperverletzungen und Beleidigungen gäbe es aber ausschließlich innerhalb der Gruppe. „Die Meldungen erreichen uns immer über Dritte, vor Ort stellt während der Anzeigenaufnahme niemand Strafantrag, das regeln sie unter sich“, sagt Wehrmann. Im Durchschnitt ist die Polizei etwa ein Mal täglich am Bahnhofsvorplatz im Einsatz, 2017 insgesamt 308 Mal, 2016 waren es 279 Einsätze. Davon entfielen in beiden Jahren rund 40 auf Verkehrsunfälle. Neben der Polizeiinspektion 1 kontrolliert die Bundespolizei und das Ordnungsamt, außerdem beobachten zivile Kräfte verdeckt. „Es gibt kein belegbares Sicherheitsproblem am Bahnhof, das ist kein Hotspot“, betont Wehrmann. Die Identität der Personen sei bekannt. Auch von einer offenen Drogenszene könne keine Rede sein, vielmehr von einer Drogenkontaktszene. „Allerdings ist das Sicherheitsempfinden ein anderes“, erklärt der Polizeidirektor. Es sei nicht hinnehmbar, dass Passanten sich nicht trauten, an der Gruppe vorbei zu gehen. „Wenn wir einen Angst-Raum erkennen, müssen wir das ernst nehmen, auch wenn keine einzige Straftat begangen wird“, bekräftigt Wehrmann. Niemand solle sich scheuen, die Polizei zu rufen: „Wir gehen jedem Hinweis nach und bewerten vor Ort“. 

Das deutlich größere Problem, was Straftaten angeht, hat die Koblenzer Polizei mit Gruppen junger Betrunkener in den Nächten am Wochenende in der Altstadt. Wehrmanns Überzeugung nach könne nur ein ganzheitliches Herangehen zu einer Lösung rund um den Bahnhof führen. Stadt und soziale Berufe seien gefragt: „Es muss ein konzertiertes Vorgehen geben, an dem auch die Polizei beteiligt ist.“

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