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Koblenz

Fall Schemmer: Familie lebte in Angst

Henrike Schemmer (46) soll eine Doppelmörderin sein – und ihre Schwiegereltern heimtückisch erstochen haben. Aber: Sie bestreitet dies. In den Monaten nach der Bluttat von Koblenz-Horchheim schilderte sie mehrfach, dass sie Angst vor dem Täter habe, unter Panikattacken litt und deshalb sogar den Beerdigungstermin ihrer Schwiegereltern geheim hielt.

Die Angeklagte mit ihrem Anwalt
Die Angeklagte mit ihrem Anwalt
Foto: dpa

Die 46-Jährige muss sich wegen Doppelmordes vor dem Landgericht Koblenz verantworten. Laut Anklage fuhr sie am 7. Juli 2011 von ihrem Wohnort Haren (Niedersachsen) 350 Kilometer nach Koblenz, drang ins Haus von Waltraud (68) und Heinrich (75) Schemmer ein – und erstach beide. Sie soll die Tat verübt haben, um Zugriff auf deren beträchtliches Erbe zu erhalten.

Am 16. Prozesstag wirkte die 46-Jährige niedergeschlagen, ihr Blick war traurig, ihr Gesicht eingefallen. Die Ehefrau und Mutter dreier Töchter sitzt seit gut zehn Monaten hinter Gittern – und muss befürchten, zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt zu werden.

Das Gericht spielte am Dienstag erneut gut 30 Telefonate von Henrike Schemmer und deren Mann ab, die von der Polizei bis zur Festnahme der Angeklagten heimlich aufgezeichnet wurden. Es ging um Fahrten in die Schweiz, ein überzogenes Konto sowie Reinigung und Verkauf des Tatorthauses. In Telefonaten mit einer Freundin und einem Polizisten erzählte Henrike Schemmer, ihre Familie habe befürchtet, der Täter sei ein Psychopath. Darum habe sie die Beerdigung der Schwiegereltern nicht öffentlich gemacht. Sie habe Angst gehabt, dass der Täter bei der Beisetzung auftaucht und sich daran "aufgeilt". Auch nach ihrer Festnahme sagte die Angeklagte bei der Polizei, sie habe Panik gehabt, weil der Täter noch frei herumlaufe.

In Gesprächen mit Bekannten beklagte die 46-Jährige: Das Schlimmste sei, dass die Polizei zu wenig Einblick in ihre Ermittlungen gebe. "Weißt du, wenn du davon was hörst, hast du das Gefühl, die machen was." Die Angeklagte schimpfte auch über die Zeitung in ihrem Wohnort: "Über jeden Pups steht da was drin, wenn jemand mal einen Dackel überfährt ..." – aber nichts über die Koblenzer Bluttat.

Mit der Arbeit der Polizei war die Angeklagte gar nicht zufrieden. Sie berichtete am Telefon von einem Spezialisten, der die Polizeiakten analysierte. Sein Fazit: Der Täter muss sich von den Opfern massiv in seiner Existenz bedroht gefühlt haben. Dazu die Angeklagte: "Absoluter Blödsinn!" Ihre Schwiegereltern hätten keine Existenz bedroht.

Nach der Bluttat renovierte Henrike Schemmer mit ihrer Familie ihr ganzes Haus. Neues Esszimmer, neues Wohnzimmer, neue Kinderzimmer. "Kein Raum ist mehr so, wie er mal war", sagte sie am Telefon. Es sollte ein Neuanfang sein, der die Trauer erträglicher mache. Der Prozess geht am Freitag weiter.

Von unserem Redakteur Hartmut Wagner

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