Archivierter Artikel vom 10.06.2011, 07:42 Uhr
Berlin

Zivis werden jetzt schon schmerzlich vermisst

Wenn zum 1. Juli der Wehrdienst wegfällt, wird es auch keine Zivildienstleistenden mehr geben in sozialen und anderen Einrichtungen für das Gemeinwesen. „Zivis“ kümmern sich um alte Menschen, sie arbeiten im Rettungsdienst. Der neue Bundesfreiwilligendienst, den Familienministerin Kristina Schröder (CDU) im Eilverfahren auf den Weg brachte, wird die Lücke, die sie hinterlassen, nicht schließen.

Berlin. Wenn zum 1. Juli der Wehrdienst wegfällt, wird es auch keine Zivildienstleistenden mehr geben.

Der sogenannte Ersatzdienst jedoch ist in den vergangenen Jahrzehnten zu einer festen Größe bei der Nachwuchsgewinnung für die sozialen und anderen Einrichtungen für das Gemeinwesen geworden. „Zivis“ kümmern sich um alte Menschen, sie arbeiten im Rettungsdienst. Der neue Bundesfreiwilligendienst, den Familienministerin Kristina Schröder (CDU) im Eilverfahren auf den Weg brachte und seit Wochen kräftig bewirbt, wird die Lücke, die sie hinterlassen, nicht schließen.

Knapp 20 000 Zivildienstleistende sind zurzeit noch im Einsatz, im Schnitt waren es jährlich 90 000 Männer, die zuletzt sechs Monate Dienst taten. Zielmarke für den neuen Bundesfreiwilligendienst, der künftig Frauen wie Männern jedes Alters offensteht, sind 35 000 Freiwillige für ein ganzes Jahr. Die ersten Verträge sind laut Familienministerium bereits Mitte Mai unterzeichnet worden. Eine seriöse Aussage darüber, wie viele am 1. Juli ihren Dienst aufnehmen, sei derzeit aber noch nicht zu treffen. Schröder habe zu „jeder Zeit unterstrichen, dass eine vollständige Kompensation des Zivildienstes durch den Bundesfreiwilligendienst nicht möglich sein wird“.

Insbesondere beim Technischen Hilfswerk (THW) sieht man der Neuordnung skeptisch entgegen. Für junge Männer war ein ehrenamtliches Engagement hier attraktiv, weil für sie nach vier Jahren der Wehrdienst komplett entfiel. Diese Art von Ersatzdienst leisteten immerhin 8000 der insgesamt 40 000 aktiven Einsatzkräfte des THW. Zwei Drittel von ihnen blieben dem Werk auch nach den vier Jahren als Mitglieder erhalten. „Künftig kommen junge Männer nicht mehr ,automatisch' zum THW“, meint Sprecherin Georgia Pfleiderer. Der neue Bundesfreiwilligendienst jedoch passe nicht „in unsere Gegebenheiten“. Die Ehrenamtlichen treffen sich am Abend und wochenends, Vollzeitstellen sind da nicht praktikabel. Das THW will sich deshalb jetzt neuen Zielgruppen öffnen, mehr Frauen und Migranten für das Ehrenamt begeistern.

Beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) will man auf lange Sicht 7000 Plätze mit den neuen „Bundesfreiwilligen“ besetzen. Obwohl bisher 9000 Zivildienstleistende den Dienst verstärkten, sieht man dem 1. Juli noch gelassen entgegen. Es habe jedes Jahr mehr Bewerber als Plätze für das freiwillige soziale Jahr gegeben, das das DRK ebenfalls anbietet. Man hofft, diese Interessenten für den Freiwilligendienst gewinnen zu können. „Es wird sich nach der Attraktivität der Angebote richten, ob das gelingt“, sagt DRK-Sprecherin Svenja Koch.

Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, kritisiert, dass sowohl die Aufhebung des Wehr- als auch die Einrichtung des neuen Freiwilligendienstes im „Hoppla-hopp-Verfahren“ beschlossen worden seien. „Zum 1. Juli wird man zahlenmäßig weit hinter den Erwartungen zurückbleiben“, sagt Schneider. Der Wegfall des Zivildienstes führt seiner Ansicht nach dazu, „dass ganze Projekte ersatzlos gestrichen werden müssen“. Dies löse „kleine menschliche Katastrophen aus“. Zeit für ein Gespräch oder einen Spaziergang mit einem alten Menschen hätten examinierte Pflegekräfte schlicht nicht. Zivildienstleistende aber schon. „Der Sozialstaat wird nun nicht zusammenbrechen, menschlich aber ist das ein großer Verlust.“

Der Sprecher der Gewerkschaft Verdi, Jan Jurczyk, befürchtet unterdessen, dass der neue Dienst stärker noch als der Zivildienst reguläre Arbeitsverhältnisse bedroht, weil er über den sozialen Bereich hinaus auch in kulturellen und Bildungseinrichtungen geleistet werden kann. Bei den Pflegeberufen könne sich der Freiwilligendienst außerdem als Lohndrücker erweisen. Durch kostenlose Arbeit werde reguläre Beschäftigung „entwertet“. Verdi fordert deshalb, dass ein Kontrollsystem eingeführt wird. Kein Bundesfreiwilliger dürfe einen regulären Arbeitsplatz ersetzen.

Mit genau diesem Argument allerdings weist auch das Bundesfamilienministerium Klagen von Einrichtungen zurück. „An Einrichtungen, die jetzt im Wegfall des Zivildienstes ein existenzielles Problem sehen, sind kritische Rückfragen zu stellen“, heißt es dort.

Von unserer Berliner Korrespondentin Rena Lehmann