Archivierter Artikel vom 20.08.2010, 00:00 Uhr

Sascha Lobo: Der Begriff der Öffentlichkeit muss neu definiert werden

Von Sascha Lobo

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Von Sascha Lobo

Das Verhältnis der Deutschen zur Öffentlichkeit erscheint merkwürdig. Ein nicht geringer Teil der Menschen glaubt, dass ihr privater Einflussbereich uneingeschränkt wichtiger ist als öffentliche Interessen – eine klassisch spießbürgerliche Mentalität.

Dieses Wort stammt aus dem Mittelalter, als mit Spießen erbittert das Territorium verteidigt wurde.

So lässt sich erklären, dass Kinderspielplätze geschlossen werden, weil ein Nachbar fünf Häuser weiter ungestört in seinem Bastelkeller meditieren möchte. So lässt sich erklären, dass praktisch jedes größere öffentliche Bauprojekt von Anwohner-Klagen überzogen wird. So lässt sich auch erklären, weshalb über Google Street View so überemotional diskutiert wird. Natürlich trägt auch die Medienlandschaft dazu bei, wie etwa die „Bild“-Zeitung, die sich in hysterischen Tönen zum Mahner für die Privatsphäre aufspielt und ein paar Seiten weiter eine vom Lkw überfahrene, sterbende Frau in Großaufnahme zeigt.

Der neue Dienst Google Street View digitalisiert eine Momentaufnahme der Öffentlichkeit – alles, was auf den Straßen für jedermann zu sehen ist, wandert so auch ins Netz.

Das ist deshalb gut, weil so öffentlich verfügbare Informationen noch leichter zugänglich werden. Der Nutzen lässt sich an einem simplen Beispiel verdeutlichen: Wer eine Ferienwohnung mieten möchte, ist bisher auf die in der Regel geschönten Fotos des Anbieters selbst angewiesen.

Mit Street View lässt sich einfach nachsehen, wie die Umgebung aussieht, ob gegenüber eine Müllkippe ist oder wie gut der Strand tatsächlich zu erreichen ist. Aber diese Vorteile sind nicht allein der Grund, weshalb Google Street View eine sinnvolle Anwendung ist. Es geht um mehr – nämlich um die digitale Öffentlichkeit.

Nachdem das Internet immer tiefer in das Leben vieler Menschen eingedrungen und inzwischen damit untrennbar verwoben ist, ergibt sich ein neuer Begriff davon, was öffentlich sein sollte und was nicht – zum Beispiel, wo in Zeiten von Facebook die viel diskutierte Privatsphäre anfängt.

Diese Diskussion muss zur Abgrenzung zwischen digitaler Privatsphäre und digitaler Öffentlichkeit geführt werden. Und wer an dieser Stelle behauptet, die Fassade eines Hauses gehöre zur Privatsphäre, der verwässert nicht nur diesen wichtigen Begriff. Er trägt auch noch dazu bei, das Bild des Spießbürgers, der sich ständig bedroht wähnt und glaubt, sein Eigentum verbissen verteidigen zu müssen, ins digitale Zeitalter zu transportieren.

M Sascha Lobo ist Buchautor, Blogger, Journalist und Werbeautor. Er beschäftigt sich hauptsächlich mit Internet-Themen. Der 35-Jährige lebt in Berlin und gilt als Vertreter der „digitalen Bohème“. So lautet auch einer seiner Buchtitel: „Wir nennen es Arbeit – die digitale Bohème“. Lobo war im Mai dieses Jahres „Chefredakteur für einen Tag“ unserer Zeitung. Auf seiner Internetseite dokumentiert er ständig, wo er sich gerade befindet. Sogar seine Telefonnummer ist dort zu finden.