Archivierter Artikel vom 20.08.2010, 00:00 Uhr

Pressestimmen zu Google Street View

Die deutschen Zeitungen zeigen eher wenig Verständnis für die oft drastische Ablehnung von Googles Straßenbilderdienst – Blogger noch viel weniger.

Die deutschen Zeitungen zeigen eher wenig Verständnis für die oft drastische Ablehnung von Googles Straßenbilderdienst – Blogger noch viel weniger.

Thomas Knüwer: Google-Streetview-Argumentationshilfe für Volksvertreter

Die Debatte rund um Google Streetview ist kaum zu ertragen. Mit welcher medialen Unkenntnis – oder aber bewusster Verlogenheit – Deutschlands Volksvertreter in diesem Sommerloch so um sich werfen ist kaum zu fassen. Allen voran dilettiert da der Hamburger Datenschutzbeauftrage Johannes Caspar vor sich hin. “Die Leute wissen gar nicht, was sie da erwartet“, sagt er. Ich weiß nicht, in welchem Internet Herr Caspar so unterwegs ist. Vielleicht ist seine Äußerung ein Beweis für die dramatische Unterversorgung der Universität Hamburg, an der er Honorarprofessor ist, mit Computern. In meinem Internet weiß ich aber seit Jahren was Google Streetview ist – und kann es mir anschauen. [zum Blog]

Mario Sixtus: Erst Dienste wie Street View machen den öffentlichen Raum wirklich öffentlich.

Mit Ängstlichen kann man schlecht sachlich diskutieren. Wer unter Flugangst leidet, dem helfen Statistiken über die Absturzsicherheit von Passagiermaschinen nicht weiter – er wird trotzdem Angst vor dem Fliegen haben. Soll man diese Angst also ernst nehmen? Klar! Soll der Gesetzgeber sich daran orientieren? Bloß nicht! Wenn wir anfangen, auf Phobiker zu hören, können wir die freiheitliche Gesellschaft ganz schnell in die Tonne kloppen. [zum Blog]

„Wetzlarer Neue Zeitung“

All diejenigen, die der Datenkrake in den kommenden Tagen ihre volle Adresse und Wohnungslage mitteilen, um zu verhindern, dass eine öffentliche Fassade auch im Internet steht, sollten noch einmal innehalten. Was macht Google denn wohl mit diesen Adressen? Die Politiker sollte sich um Gesetze kümmern, die sich gegen Datenmissbrauch und die systematische Verletzung der Urheberrrechte im Internet wenden. Dort liegen die eigentlichen Probleme. Stattdessen führen sie eine oberflächliche, populistische Diskussion um Straßenbilder, die nur deshalb als Problem taugen, weil Google sie macht. Street View wo auch immer muss erlaubt sein. So wie bisher auch.

„Westfälische Nachrichten“ (Münster)

Die Debatte um Street View ist typisch deutsch. Die Privatsphäre beginnt hinter der Hauswand. Street View zeigt wie der Name schon sagt Straßenbilder, die ohnehin für jedermann sichtbar sind. Und Google überträgt keine Live-Bilder, sondern Momentaufnahmen, die Monate oder Jahre zurückliegen. Immerhin debattiert Deutschland nun endlich über Datenschutz. Vielleicht steht am Ende ein dringend notwendiger Schutz von persönlichen Daten in sozialen Netzwerken oder Hilfe gegen unseriöse Anrufer und Adresshändler. Der öffentliche Raum muss hingegen nicht geschützt werden.

„Volksstimme“ (Magdeburg)

Bundesinnenminister de Maizière will auf Nummer sicher gehen. Statt einer Lex Google fordert er ein Gesetz, das die datenschutzrechtlichen Verpflichtungen aller Geodienstleister regelt. Das ist eine überzeugende Idee. Denn Google-Street-View ist nur die Speerspitze einer viel größeren Entwicklung. Die Frage ist, wie im Internet grundsätzlich mit persönlichen Daten umgegangen werden soll. Genauso wie im echten Leben? Das ist zu kurz gedacht. Gerade Google- Street-View zeigt ja, dass sich im Zeitalter des Internets völlig neue Datenschutzprobleme stellen. Zwar haben wir in den vergangenen Jahren eine Kommunikationsrevolution erlebt. Der deutsche Datenschutz hat mit dieser Entwicklung aber nicht schrittgehalten und bedarf dringend der Modernisierung. Man muss Google geradezu dankbar sein dafür, dass der Konzern die Debatte mit seiner Street-View-Idee endlich anschiebt.

„Augsburger Allgemeine“

Viele Deutsche quält in diesem Sommer ein diffuses Unbehagen. Und das richtet sich nur vordergründig gegen Kamera-Autos und Häuser- Fotos. Google Street View macht den Menschen deutlich, dass die digitale Welt eine Kehrseite hat: Sie ist eine grelle, öffentliche Welt. Die Privatheit siecht dahin. Die verbissene Diskussion dieser Tage hat auf jeden Fall etwas Gutes. Sie ist eine Art Weckruf für die Menschen in der digitalen Welt. Vielleicht wird uns nun bewusster, wie weit unsere eigene Selbstentblößung vor den datenwütigen Weltkonzernen bereits vorangeschritten ist.

„Märkische Allgemeine“ (Potsdam)

Die Kritik an Google Street View nimmt geradezu hysterische Züge an. Den Dienst, bei dem die Straßen aller deutschen Städte abfotografiert werden, gibt es längst in anderen Ländern. Ohne dass es dort vermehrt zu Einbrüchen oder Stalker-Attacken gekommen wäre, wie uns Politiker glauben machen wollen. Fakten wie etwa, dass Google keine Live-Bilder liefert, sondern Monate alte Fotos, auf denen Gesichter unkenntlich sind, dringen oft gar nicht mehr durch das Gequassel. Typisch deutsch, an jeder Ecke eine Gefahr.

„Nürnberger Nachrichten“

Die gegenwärtige politische Debatte erweckt den Eindruck, als wären Internet-Geodienste wie Google Earth und Street View aus dem Nichts über uns gekommen. Auf einmal ist die Aufregung groß, aus allen Parteien werden Forderungen laut, es müsse nun wirklich etwas getan werden, um die Privatsphäre der Bürger zu schützen. Die Regierung kommt auf die originelle Idee, die Datenschutz-Gesetzgebung solle auf das Internet-Zeitalter angepasst werden. Dieses hat bekanntlich schon vor längerer Zeit begonnen, aber die Politik offenbar nicht besonders interessiert. Deshalb jetzt auch das Herumgeeiere. Die Politik wird vermutlich der Internet-Entwicklung immer hinterherhinken. Aber sie darf sich nicht mehr so abhängen lassen wie beim jüngsten Google-Coup.