Archivierter Artikel vom 08.10.2012, 10:51 Uhr
Rheinland-Pfalz

Prozess rollt groteske und teure Geschichte auf: Der Fall des Finanzministers Deubel

Der größte Flop in der Regierungszeit von Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) wird vom 16. Oktober an vor dem Landgericht Koblenz aufgerollt, womöglich auch pikante Details. Als Hasardeure, die Staatsgeld verzockten, lässt der Ankläger nun Becks Ex-Finanzminister Ingolf Deubel (SPD), Ex-Nürburgring-Manager Walter Kafitz (SPD) und andere Manager aufmarschieren.

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Packt Ingolf Deubel vor Gericht aus, oder schweigt er wie bei der Staatsanwaltschaft? Im Landtag (Foto) sagte er stundenlang aus – auch, dass er mit privatem Geld noch länger gewartet hätte, ob Millionen fließen.
Packt Ingolf Deubel vor Gericht aus, oder schweigt er wie bei der Staatsanwaltschaft? Im Landtag (Foto) sagte er stundenlang aus – auch, dass er mit privatem Geld noch länger gewartet hätte, ob Millionen fließen.

Rheinland-Pfalz. Der größte Flop in der Regierungszeit von Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) wird vom 16. Oktober an vor dem Landgericht Koblenz aufgerollt, womöglich auch pikante Details.

Herzlich Willkommen!? Der Eingang des 15.000 Quadratmeter großen Freizeitparks „ring werk“. Diese Fotos wurden kurz vor der Eröffnung gemacht, als dort noch Handwerker unter Hochdruck arbeiteten. Oft war danach aber auch nicht mehr los.

„Was als Kaffeefahrt beginnt, endet als spannendes Abenteur – es ruckelt und fühlt sich an wie eine Achterbahnfahrt“: So wird die Fahrt im Nürbus angekündigt. Wie sich eine Fahrt in der Achterbahn wirklich anfühlt, konnten Besucher nicht ermessen.

Der RingRacer führt auch durch den Ring-Boulevard.

Im Boulevard lief aber nicht nur die Achterbahn nicht.

Blick vom Lindner-Hotel auf die Rennstrecke und den Eingang zum Boulevard. Vor der Eröffnung fotografiert – wie alle Bilder in dieser Galerie.

Er gab sich enstpannt vor der Eröffnung: Der damalige Geschäftsführer Walter Kafitz, hier beim Rundgang mit Uli Adams, Leiter der Redaktion in Bad Neuenahr-Ahrweiler.

Walter Kafitz legte letzte Hand an. „Der Motor muss erst warm laufen“, erklärte er da.

Da war Schumi noch in Folie.

Ein weiterer Ring-Meister wurde zur Eröffnung aus seiner staubfreien Verpackung geholt.

Die Ring-Meister warteten gut verpackt auf den Ansturm der erwarteten zahlreichen Besucher. Die Erwartungen wurden dann – etwas – enttäuscht...

Der Wartebereich zum 4-D-Kino zeichnet die Nürburgring-Geschichte nach.

Einstieg: In der Motor Mania wurden die kleinen Kugeln bereitgestellt, um viele Gäste durch die Motorsport-Welt im XXL-Format zu fahren.

Die fahrenden Kugeln bewegen sich wie von selbst durch die Motor Mania.

Das 24-h-Rennen erleben Besucher in diesem Kino in vier Dimensionen.

Die Nürburgring Automative GmbH hat am Mittwoch angekündigt, Ringwerk, Kart-Bahn und Ringboulevard “vorübergehend„ zu schließen. In einer Betriebsversammlung wurde dann den Mitarbeitern erklärt, dass die Anlagen über den Winter an Wochenenden und Ferientagen öffnen sollen.

Boxen-Stopp: Hier kann gegessen werden. Auf dem Foto aus der Aufbauphase sind Mitarbeiter und Handwerker zu sehen.

Das Kinderparadies – in dem dann oft kein Kinderlachen zu hören ist.

Motorsportlegenden inmitten des Ring-Werks zwischen Motor-Mania, “Nürbus" und begehbarem Motor.

Mehrere Fahrsimulatoren, wie hier der Truck-Grand-Prix-Simulator, sollen zum Spielen einladen.

Die Ring-Akademie, an der Besucher auch mit Buzzern ihr Wissen testen können.

Der zentrale Raum des Ring-Werks: Hier stehen Wagen, mit denen Renngeschichte am Ring geschrieben wurde.

Renngeschichte an den Wänden.

Ein Ersatz für die gute alte Carrera-Bahn? Auf dem Foto sind letzte Tests zu sehen, ob die Rennen am Digitaltisch laufen.

Technik zum Anschauen.

Eine alte Werkstatt soll zum Staunen einladen – und zieht auch viel Staub an.

Auf dem Boulevard direkt gegenüber des Ring-Werks ging es selten hoch hinaus.

Der 330 Millionen Euro teure Nürburgring-Skandal bietet alles – schillernde Projektemacher, Millionentransfers nach Liechtenstein, Züricher Rotlicht, Märchen aus Dubai und einen falschen US-Milliardär. Aber im Untreueprozess stehen keine dubiosen Finanzberater vor Gericht.

Großes wurde zum Start des neuen Nürburgsrings angekündigt.

Jens Weber

Strahlende Gesichter bei der offiziellen Eröffnung...

Jens Weber

... und ein Star-Aufgebot.

Jens Weber

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Jens Weber

Jens Weber

Jens Weber

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Viele Besucher interessierten sich für das neue Erlebnis-Zentrum.

Jens Weber

Jens Weber

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Der Eifel-Stadl.

Jens Weber

Einblicke: im Freizeitpark Ringwerk.

Jens Weber

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Der frühere Nürburgring-Geschäftsführer Walter Kafitz feierte auch mit.

Jens Weber

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Als Hasardeure, die Staatsgeld verzockten, lässt der Ankläger nun Becks Ex-Finanzminister Ingolf Deubel (SPD), Ex-Nürburgring-Manager Walter Kafitz (SPD) und andere Manager aufmarschieren. Im Prozess sollen sie erklären, warum sie sich an Versprechen einer „Wundervermögensgesellschaft“ klammerten, die Gigantisches in der Eifel bezahlt.

Das Eingeständnis des Landes findet sich auch in den EU-Papieren: Die millionenschwere Investition in den Freizeit- und Themenpark hat sich nicht gelohnt und macht allenfalls 5 Prozent der „Geschäftstätigkeit“ aus. An der legendären Rennstrecke funktioniert eben nur Motorsport.

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Mit einer Rettungsspritze im Mai war die Überschuldung längst nicht abgewendet. Denn es ist ohne detaillierte Prüfung unklar, ob die Ring-Immobilien überhaupt noch einen Verkehrswert von 98 bis 126 Millionen Euro haben. Deshalb drohte eine erneute Überschuldungssituation.

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Ein Auszug aus einem internen Zwischenstand einer Abschlussbilanz für 2012: Danach hatte die Nürburgring-Gesellschaft allein von Januar bis April 2012 ein Minus von 9,2 Millionen Euro eingefahren. Der nicht mehr durch Eigenkapital gedeckte Fehlbetrag hatte sich auf 36,6 Millionen Euro erhöht.

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Ein Professor und die bizzare Lachnummer

Die Akten beschreiben eine groteske Lachnummer. Im Gerichtssaal wird abseits von politischem Getöse vielleicht klarer, wer welche Rolle in dem Stück hatte, das je nach Geschmack Stoff für Krimi, Drama oder Komödie liefert. Im Mittelpunkt steht Becks Professor Deubel, der früher Finanzströme so kreativ steuerte und schon als Staatssekretär in Becks Ministerrunden saß, wenn es finanziell knifflig war. Plötzlich sehen alle nicht mehr den kühlen Rechner, sondern einen Politiker, der Blendern mit schillernden Karrieren aufsaß. Einen, der sich rotz Warnungen von Beamten, Experten und Innenminister leimen lässt.

Die für Beck und die SPD so peinliche Geschichte beginnt, als sie 2006 allein regieren können und die am Ring zuletzt bremsende FDP in der Opposition landet. Ob Beck glaubt, Deubel und die SPD können nun auch schier Unmögliches möglich machen? Dass sich das Projekt rechnen kann, bestätigen Wirtschaftsprüfer – nur mit der gern verschwiegenen Fußnote, dass Prognosen auf den Daten von Kafitz basieren. Die aber waren stets schöner als die wahre Tristesse. Alle auf der Anklagebank hätten wissen müssen, dass fern von Autobahnen Investoren nicht Schlange stehen und ähnliche Pläne schon vorher krachend auf dem Markt durchgefallen sind. Das vorläufige Ende ist bekannt: Die Ring GmbH ist inzwischen endgültig pleite.

Die Anklageschrift macht auf 188 Seiten noch einmal deutlich: Auch Deubel und Co. können keine Investoren, sondern nur Leute ohne Geld und Referenzen auftreiben. Ihr Trumpf: großspurige Versprechen, Investoren zu finden, die den Ring und den SPD-Plan retten. Vernebelte Versessenheit die Vernunft? Vielleicht liefert der Prozess ein Erklärungsmuster, wenn es um einen Schaden in sechsstelliger Euro-Höhe, aber auch um eine Gefährdung von Steuergeld in achtstelliger Höhe geht.

Als erste Geschäftspartner treten Michael Merten und Norman Böhm mit der Briefkastenfirma Pinebeck in Usingen/Hessen auf die Bühne – präsentiert von Kafitz (interner Spitzname: Dr. Kann-Nix). Das Duo kann sich mit einem Monatshonorar von 20 000 Euro und mehr auf die Geldgebersuche machen. Dass es mehr Erfahrung mit Konkursen als in der internationalen Finanzwelt hat, stört offenbar nicht. Zu fixiert sind die Macher auf den Plan: mit 135 Millionen Euro – 50 Prozent öffentlich gefördert – einen Freizeitpark samt Boulevard und Eventarena hochziehen. Für diesen ersten Komplex suchte das Land einen Investor. Daneben sollen mit 95 Millionen Euro rein privat Hotel- und Gastronomiebauten entstehen. Dafür erhält der Düsseldorfer Geschäftsmann Kai Richter den Zuschlag, der aber schon bald vom Land gepäppelt werden muss.

Die ersten Finanzkonstrukte, die Merten und Böhm auftischen, sind so abstrus, dass sich Deubels Fachleute nur noch wundern. Eines, mit amerikanischen Lebensversicherungen gestrickt, gilt einfach als zu schön, um wahr zu sein. Die interne Ironie, dass womöglich noch Schenkungsteuer fällig werden könnte, löst wohl keinen Alarm aus. Aber das Modell zerplatzt ohnehin wie eine Seifenblase, weil Merten und Böhm keine Geldgeber finden. Die Zeit drängt aber immer mehr, weil der pompöse Ring-Ausbau bis zum Formel-1-Rennen im Juli 2009 fertig sein soll. Da tritt der Schweizer Geschäftsmann Urs Ba-randun auf, ein angeblich in Dubai erfolgreicher Geschäftsmann. Belegt ist aber nur, dass er dort zeitweise im Knast gelandet ist, aber dies blumig mit einer Falle erklärt. Sein Glück: Deubel steht unter Druck und soll zu dieser Zeit als Aufsichtsratsboss das Heft des Handelns immer mehr in die Hand genommen haben.

In Deubels Umfeld hält man von Barandun nicht viel. Aber Deubel vertraut der Mär, dass ein Unbekannter die komplette Ring-Immobilie kauft und günstig vermietet. Nur: In immer kürzeren Abständen springen Finanziers ab. Barandun kann Deubel aber trotz geplatzter Deals überreden, 95 Millionen Euro in die Schweiz zu transferieren. Das Geld wandert aus dem Liquiditätsfonds des Landes in die Alpen, um sich in frischer Luft wundersam zu vermehren. Für welche Geschäfte Barandun dieses „Schaufenster-Konto“ aber eigentlich braucht, ist ungeklärt. Immerhin kommt er nicht allein an die Millionen ran.

Zuletzt präsentiert er den vermeintlichen Milliardenerben Pierre S. du Pont, der das Betongebirge am Ring kaufen soll. Als Beleg dafür genügt in Mainz die Kopie eines Kontoauszugs der Wells Fargo Bank über 138 Millionen Dollar vom 31. Mai 2009. Ein Beweis, dass das Papier echt ist, fehlt. Es gibt nur die E-Mail an Barandun. Darin erklärt der vermeintliche Millionär am 8. Juni 2009: 138 148 303,17 Dollar stünden auf dem Konto der Miracle Asset Management (MAM), also auf gut Deutsch einer Wundervermögensgesellschaft, bereit. Dass es sich um einen Witz handeln könnte und schon die Addition auf dem Auszug faul ist, darauf kommt keiner. Dies schließen die Herren vom Ring noch aus, als zwei von ihnen Ende Juni mit Barandun im Züricher Hotel Dolder Grand im Luxus schwelgen und den Schweizer mit hübscher Dame bei Laune halten.

Das politisch Unvorstellbare darf wohl einfach nicht sein: Denn am 16. Juni hat Deubel stolz verkündet, dass die Bauten komplett privat finanziert sind. Das genervte Kabinett hatte ihm das Ultimatum gesetzt: Entweder fließt jetzt Geld, oder es hat sich ausgewundert.

Wunderfirma hatte nur gut 50 Dollar auf dem Konto

Handfestes hat der Minister nicht in der Hand, als Beck aufatmet. Immerhin liegt am 1. Juli ein erster Scheck über 67 Millionen Dollar vor. Ist der aber echt? Deubel ist sicher. In seiner Welt ist niemand so verrückt, einen ungedeckten Scheck über eine solche Summe zu unterschreiben. Er soll sich täuschen und muss am 7. Juli 2009, zwei Tage vor der Eröffnung von „Nürburgring 2009“, seinen Hut nehmen. Später stellt sich heraus: Die Wundervermögensgesellschaft hatte nur 57,18 Dollar auf dem Konto. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass hinter den Fälschungen Barandun steckte. Dass Merten und Böhm nicht auch noch 4 Millionen Euro Erfolgshonorar kassieren, ist Kontrollen der Kreissparkasse Ahrweiler zu verdanken.

Wen wundert's noch: Auch mit dem Privatinvestor Kai Richter mit seiner Düsseldorfer Firma Mediinvest, gegen den die Staatsanwaltschaft noch ermittelt, gab es Ärger beim Bau der Hotel- und Gastronomiebauten am Ring. Der musste über stille Einlagen heimlich mit 85,5 Millionen Euro von einer Tochter der landeseigenen Investitions- und Strukturbank gestützt werden. Die Bank-Manager ließen sich dies aber zu 100 Prozent vom Land absichern. Nun sind sie wegen hohen Ausfallrisikos und Gefährdung von Landesvermögen durch Deubel wegen Behilfe angeklagt – ein für manche Juristen auch interessantes Konstrukt.

Wenn vor dem Koblenzer Gericht die ganze Realsatire auflebt, dürfte dem Publikum beim Gedanken, dass die ganze Chose den Steuerzahler womöglich noch eine halbe Milliarde Euro an EU-Strafe kostet, das Lachen im Halse stecken bleiben.

Von unserer Redakteurin Ursula Samary