Archivierter Artikel vom 15.03.2013, 07:00 Uhr

RZ-Kommentar: Franziskus und der Wiederaufbau der Kirche

Der Papstname ist Programm, so will es die katholische Tradition. Wenn Jorge Mario Bergoglio sich seinen Namen Franziskus wohl überlegt hat – und davon darf man ausgehen –, dann steht der katholischen Kirche und womöglich auch der säkularen Welt ein spannendes Pontifikat ins Haus.

Michael Defrancesco zum neuen Papst
Michael Defrancesco zum neuen Papst

Der Papstname ist Programm, so will es die katholische Tradition. Wenn Jorge Mario Bergoglio sich seinen Namen Franziskus wohl überlegt hat – und davon darf man ausgehen –, dann steht der katholischen Kirche und womöglich auch der säkularen Welt ein spannendes Pontifikat ins Haus.

Bergoglio nennt sich nach dem heiligen Franz von Assisi. Es lohnt sich also zunächst ein Blick auf einen der populärsten Heiligen Italiens. Francesco Bernadone wird um 1181 in Assisi geboren, als Sohn eines Tuchhändlers. Er wächst in Reichtum auf, fröhlich, sorglos. Partys, er ist der umschwärmte Anführer der Jugend von Assisi, er träumt davon, ein berühmter Ritter zu werden.

Dann der Wandel: Er gerät nach einer Schlacht erst in Gefangenschaft und dann in eine Sinnkrise. Er beginnt zu beten und hört während des Gebets in der zerfallenen Kirche San Damiano Gottes Stimme: „Baue meine Kirche wieder auf!“

Franziskus nimmt dies wörtlich und repariert die Kirche, aber dann erkennt er, dass es mit bloßem Reparieren nicht getan ist. Eine innere Erneuerung muss her. Also trennt er sich von seinem Vater und dessen Reichtümern, wirft alles Geld weg und lebt in Armut. Er kümmert sich um die Armen, betet, lebt einfach, nennt Menschen und Tiere Geschwister. Er achtet die Schöpfung und schreibt seinen berühmten Sonnengesang.

Zunächst wird er verlacht, doch dann schließen sich ihm immer mehr Menschen an, meist ebenfalls Reiche, die ihren Lebenssinn nicht länger im Materiellen finden können. Kardinal Bergoglio nennt sich in Zukunft Franziskus.

„Baue meine Kirche wieder auf!“ – Die Wahl dieses Namens scheint den unbedingten Willen des neuen Papstes auszudrücken, sich der Verantwortung zu stellen. Denn die Kirche Gottes liegt wahrhaftig an vielen Stellen in Trümmern oder ist zumindest beschädigt.

„Baue meine Kirche wieder auf“ – wie tat Franz von Assisi dies? Nicht materiell, sondern vor allem spirituell. Er wandte sich vom Reichtum und von der weltlichen Macht ab. Kein Gedanke mehr an Partys und Ritter-Ruhm, sondern eine Rückkehr in die Stille, ins Gebet.

Bergoglio, gerade frisch zum Papst gewählt, betete zunächst im Stillen und ließ die Millionen Neugierigen warten. Dann – auf der Loggia des Petersdoms – betete er mit ihnen gemeinsam. Ein Vaterunser und ein Ave Maria. Die Kraft des Gebets und der Stille. Dann der Satz „Wir wollen den Weg gemeinsam gehen“ und die Bitte, für ihn zu beten.

Bergoglio weiß, dass er allein niemals die Kirche wiederaufbauen kann. So etwas kann kein Mensch. Aber er kann an die Millionen da draußen appellieren, sich an Franz von Assisi zu erinnern. Bescheiden zu leben, Menschen und Tiere als Geschwister zu betrachten. Die Stille und das Gebet wieder neu zu entdecken. Franz von Assisi ließ sich von den Kirchenoberen nicht einschüchtern.

Auch der neue Papst wird zeigen müssen, dass er keine Angst vor den gefestigten Machtstrukturen innerhalb der Kirche hat. Wenn eine innere Erneuerung der Gläubigen mit einer strukturellen Erneuerung der Kirche Hand in Hand geht, dann ist es schaffbar. Dann können die Katholiken mit ihrem Papst die Kirche wieder neu aufbauen.


Von Michael Defrancesco