Archivierter Artikel vom 25.06.2010, 07:52 Uhr
Seoul

Südkorea gedenkt Beginn des Korea-Kriegs vor 60 Jahren

Wie kein anderes Ereignis wandelte der Korea-Krieg den Kalten Krieg von einem ideologischen in einen militärischen Konflikt. Beide Länder stehen sich noch immer feindselig gegenüber. Das Eskalationsrisiko ist durch die jüngsten Spannungen wieder größer geworden.

25. Juni 1950: „Um 4.00 Uhr an diesem Morgen starteten nordkoreanische Truppen an verschiedenen Punkten entlang des 38. Breitengrads einen unprovozierten Angriff gegen Südkoreas Verteidigungspositionen.“ Mit diesen Worten informierte damals die US-Botschaft in Seoul in einem Telegramm das Außenministerium in Washington über die Kampfhandlungen auf der geteilten koreanischen Halbinsel. Zunächst konnte die Botschaft nicht einschätzen, ob das der Beginn eines umfassenden Kriegs war.

Schon bald wurde jedoch klar, dass Südkorea in Gefahr war, vollständig überrollt zu werden. Doch nicht nur die Eroberung Südkoreas drohte, sondern der Weltfrieden insgesamt wurde durch den Krieg auf der geostrategisch wichtigen Halbinsel bedroht. Verbände des kommunistischen Nordkorea fielen unerwartet über den künstlich gezogenen Trennungsstreifen am 38. Breitengrad in den westlich orientierten Süden der Halbinsel ein. Erst durch massiven Einsatz von UN-Truppen aus 16 Ländern, die von den USA angeführt wurden, konnten die nordkoreanischen Verbände später zurückgeschlagen werden.

Seoul, im Juni 2010: Das War Memorial, eine Gedenkstätte für gefallene Soldaten und ein Museum zur Kriegsgeschichte, zieht in diesen Tagen zahlreiche Koreaner und ausländische Touristen an. An diesem Freitag jährt sich der Ausbruch des dreijährigen Korea-Kriegs zum 60. Mal. „6.25. – Inside the DMZ“, heißt eine Sonderausstellung zu diesem Ereignis. DMZ oder demilitarisierte Zone wird die militärische Pufferzone genannt, die die Halbinsel als Folge des Kriegs noch heute auf einer Länge von rund 240 Kilometern trennt. Es ist die am besten bewachte Grenze der Welt. Auf beiden Seiten stehen sich mehr als eine Million Soldaten gegenüber. „Das Gefühl eines unterbrochenen Kriegs ist noch immer präsent“, heißt es in der Ausstellung.

Und während in Südkorea die Vorbereitungen auf die Gedenkveranstaltungen, darunter Simulationen damaliger Kämpfe, zum 25.6. und darüber hinaus auf Hochtouren laufen, befindet sich die Halbinsel wieder in einer prekären Situation. Die Spannungen haben sich durch die Versenkung eines südkoreanischen Militärschiffes im März deutlich verschärft. Seoul macht den Norden dafür verantwortlich. Nordkorea bestreitet die Vorwürfe und droht für den Fall von Sanktionen mit Krieg. Südkoreas Präsident Lee Myung Bak betonte, dass sein Land auf jede neue „Provokation“ mit scharfen militärischen Mitteln antworten werde.

Noch herrscht – wie schon oft zuvor – Säbelrasseln vor. Doch halten Beobachter es für möglich, ein begrenztes See- oder Grenzgefecht könnte einen neuen Krieg entfesseln. Die Ausgangslage unterscheidet sich dabei allerdings von der Situation vor 60 Jahren. Am 30. Juni 1950 stellte US-General Douglas MacArthur, der den Oberbefehl über die UN-Truppen erhielt, noch nüchtern fest, dass die südkoreanischen Truppen „für eine Verteidigung unvorbereitet“ seien.

Ein Angriff Nordkoreas auf Südkorea käme dagegen nach heutiger Einschätzung von Militärexperten einer Selbstmordmission gleich. Die Südkoreaner wären diesmal nicht nur besser vorbereitet, ihre Streitkräfte wären der nordkoreanischen Volksarmee auch technisch weit überlegen. Keinen Zweifel gibt es jedoch an der Gefahr, die durch nordkoreanische Raketen ausgehen, die ganz Südkorea treffen können. Zudem sind Tausende von Artilleriegeschützen auf Seoul gerichtet, das nur etwa 50 Kilometer von der Grenze entfernt liegt. Dass am 15. Juni 2010 auch der 10. Jahrestag der gemeinsamen Erklärung des ersten innerkoreanischen Gipfels im Juni 2000 stattfand, geriet derweil in Südkorea fast in Vergessenheit. Hoffnungen auf ein Klima des Vertrauens, die durch das Treffen damals ausgelöst wurden, haben sich bis heute nicht erfüllt.

Von Dirk Godder