Archivierter Artikel vom 27.02.2012, 11:26 Uhr

Strengster Schulleiter Deutschlands: „Wer zu spät kommt, fegt den Hof“

Der strengste Schulleiter Deutschlands ist sehr höflich. Er lächelt verbindlich zur Begrüßung, sagt laut und deutlich „Guten Morgen“. Es ist 7 Uhr, draußen wacht Berlin gerade auf. Es ist noch dunkel, Michael Rudolph aber ist schon lange wach. Um 4.15 Uhr nimmt der 58-Jährige jeden Morgen die S-Bahn zur Friedrich-Bergius-Schule, einer Realschule im Süden Berlins. „Ich kann nicht von anderen Disziplin erwarten, wenn ich selbst kein Vorbild bin“, sagt er. Wer bei ihm zu spät kommt, muss am nächsten Tag vor Schulbeginn kommen und den Hof fegen.

Das Leitmotiv der Schule: Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Das Leitmotiv der Schule: Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Foto: Rena Lehmann

Der strengste Schulleiter Deutschlands ist sehr höflich. Er lächelt verbindlich zur Begrüßung, sagt laut und deutlich „Guten Morgen“. Es ist 7 Uhr, draußen wacht Berlin gerade auf. Es ist noch dunkel, Michael Rudolph aber ist schon lange wach. Um 4.15 Uhr nimmt der 58-Jährige jeden Morgen die S-Bahn zur Friedrich-Bergius-Schule, einer Realschule im Süden Berlins. „Ich kann nicht von anderen Disziplin erwarten, wenn ich selbst kein Vorbild bin“, sagt er. Wer bei ihm zu spät kommt, muss am nächsten Tag vor Schulbeginn kommen und den Hof fegen.

Abschreckend wirkt das offenbar nicht: Heute hat die Schule fast viermal so viele Anmeldungen wie zu ihren schlechtesten Zeiten. 2005 noch stand die mehr als 100 Jahre alte Schule kurz vor der Schließung. Dann kam Rudolph.

Er ist seit 33 Jahren Lehrer, die meiste Zeit davon war er in eher problematischen Gegenden wie Kreuzberg im Einsatz. Rudolph hat schon alles gesehen, wie er sagt, und steht heute auf dem Standpunkt: Antiautoritäre Erziehung hilft niemandem, am wenigsten dem Schüler. „Neumodische Lernbüfetts“, wo der Schüler selbst entscheiden darf, was er als Nächstes lernt, und „jahrgangsübergreifendes Lernen“, wo Ältere und Jüngere in einer Klasse sind, hält er für „nicht ganz das Richtige“. Er bleibt stets höflich. Seine Methoden sind alt, und dazu steht er. „Der Erfolg gibt mir doch recht“, sagt er achselzuckend. Ein Reformer wollte er nie werden. Nur ein guter Lehrer.

„Wir diskutieren seit Jahrzenten über das richtige Bildungssystem. Für mich zählt aber nur der Erfolg des Schülers. Kann er rechnen und lesen, oder kann er es nicht?“

Schulleiter Michael Rudolph

Den Titel „strengster Schulleiter“ haben ihm die Berliner Boulevardblätter verliehen. Eine Schülerin hatte in der Cafeteria der Schule einen Müsliriegel gestohlen. Rudolph zeigte sie an und bestrafte sie außerdem mit einem mehrwöchigen Cafeteria-Verbot. Der Vater wandte sich empört an die Presse. Rudolph fragt sich bis heute, „wie man seinem Kind so etwas antun kann“. Das Mädchen habe in aller Öffentlichkeit als Diebin dagestanden. Und er als knallharter Rektor.

Damit kann er leben. Es ist seine Überzeugung, dass Strenge und Disziplin vor allem jenen Schülern helfen, über die sich Experten in hitzigen Talkshow-Runden die Köpfe heiß diskutieren und die offenbar immer zahlreicher werden. Den Unkonzentrierten, den Aggressiven, den Unbelehrbaren, wegen derer Lehrer andernorts irgendwann Brandbriefe an die Schulbehörden schreiben.

Rudolph ist überzeugt, dass es so weit nicht kommen muss. Vor seinem Büro, das mit dem penibel aufgeräumten Schreibtisch, der riesigen Bücherwand, der Europa-, Berlin- und der Nationalflagge in der Ecke die Autorität einer Amtsstube hat, wartet ein Neuntklässler. Er hat einen Tag unentschuldigt bei seinem Praktikumsplatz, einem Sportgeschäft, gefehlt. Der Chef hat ihn sofort entlassen. Der Junge wirkt ziemlich zerknirscht. Rudolph hört ihm aufmerksam zu. „Du weißt, dass du einen großen Fehler gemacht hast, oder?“, fragt er dann. Der Junge nickt. Er musste aufschreiben, was passiert ist. Damit er darüber nachdenkt. Der Brief kommt in seine Akte. „Das wird ihm nicht noch einmal passieren“, sagt Rudolph, als der Junge gegangen ist. „Er bekommt seine zweite Chance. Aber er hat auch gespürt, dass sein Handeln Konsequenzen hat“, meint er. Später im Leben, da werde es die zweite Chance vielleicht nicht geben. Da warte die Agentur für Arbeit.

„Was kann ein Lehrer mehr erreichen, als dass er seine Schüler in die Lage versetzt, ein eigenständiges Leben zu führen?“

Konrektorin Andrea Schellenberg

Von seinen Schülern fordert Rudolph deshalb Disziplin ein, von seinem Kollegium die Konsequenz, sie einzufordern. Es gibt für Rudolph kein hochtrabendes pädagogisches Konzept, es gibt nur einfache klare Regeln: pünktlich sein, grüßen, Bitte und Danke sagen, im Unterricht nicht stören, das Schulgebäude in Ordnung halten, gehorchen, wenn der Lehrer etwas sagt. „Die Schüler sollen vor uns keine Angst haben. Aber wir sind für sie berechenbar. Sie wissen genau, was von ihnen erwartet wird.“ 2005 war die Friedrich-Bergius-Schule in Berlin ähnlich verrufen wie die Neuköllner Rütli-Schule wenige Jahre später. Die Anmeldungen waren auf 29 Schüler für das Schuljahr zurückgegangen. Rudolph fing mit dem an, was für ihn das Fundament für erfolgreiches Lernen ist. „Jeden Morgen kamen bis zu 40 von mehr als 400 Schülern zu spät“, erinnert er sich. Der Schulleiter ließ die Schüler, die nicht um 7.30 Uhr im Klassenraum saßen, kurzerhand vor der Tür stehen. Und wer mehrmals zu spät kam, musste eine Woche lang dem Hausmeister noch vor Schulbeginn zur Hand gehen. „Wer nicht pünktlich kommt, missachtet alle anderen“, sagt Rudolph. „Er stört ihre Konzentration, wenn er später hineinplatzt. Das ist respektlos.“

Während des Unterrichts ist es im ganzen Schulgebäude still. Für Konrektorin Andrea Schellenberg ist völlig unverständlich, dass das Besuchern immer wieder auffällt. „Wie sonst wollen sie denn an einer Schule etwas lernen? Wie soll ein Kind sich auf eine Aufgabe konzentrieren, wenn drumherum alle reden und lärmen?“ Der Lernerfolg der Schüler gebe ihnen recht. Im Vergleich der Berliner Schulen schneiden die Bergius-Schüler etwa in Mathe überdurchschnittlich gut ab.

Jede Stunde verläuft hier nach dem gleichen Schema. Der Unterricht beginnt mit Anwesenheits- und Hausaufgabenkontrolle. Es wird viel wiederholt, bereits Erlerntes geübt und wieder geübt. „Die Schulinspekteure sind oft nicht begeistert“, berichtet Schellenberg. „Wir gelten bei denen als unmodern und streng.“ Im Kollegium aber ist man sich einig, dass es ohne Disziplin nicht geht. „Kein Meister möchte einen Lehrling haben, der sich frei entfalten kann“, ist Rudolphs Überzeugung. „Er möchte einen Lehrling, der zuverlässig ist und der sich anstrengt.“

Dass für alle gleiche, klare Regeln gelten, bedeute nicht, dass alle die gleichen Lernziele erreichen müssen. „Aber jeder soll ermutigt werden, das ihm Mögliche zu schaffen“, erklärt Rudolph. Zu den Prinzipien der strengen Schule gehört, viel zu loben, wenn ein Schüler Fortschritte macht. Rudolph ist überzeugt, dass ihre Methoden die eigentlich menschenfreundlichen sind. Es sei viel anstrengender, ständig Disziplin einzufordern als alles irgendwie laufen zu lassen. Die Folgen des Laissez-faire würden sie zur Genüge an ihren Schülern sehen, wenn sie von der Grundschule kommen. „Viele schreiben so schlecht, dass ich ihre Schrift nicht einmal lesen kann“, sagt Schultenberg. „Sie hatten noch nie einen Füller in der Hand und wissen nicht, wie man ein Lineal benutzt.“ Die Lehrerin schüttelt den Kopf. Das macht sie wütend.

Sie schließt die Tür zur Klasse 10b auf, die Jugendlichen lassen sich nicht stören. Die Deutschstunde läuft, es ist still im Raum, nur der spricht, der dran ist.

Eine ehemalige Schülerin, die heute Hotelfachfrau ist, hat ihrer alten Schule kürzlich geschrieben. Sie hat sich überschwänglich bedankt. Dafür, dass man so streng zu ihr gewesen ist.

Rena Lehmann