Archivierter Artikel vom 24.04.2013, 07:00 Uhr
Diethardt

Spurensuche: Jüdin überlebt, weil ein Dorf schweigt

Die genaue Zahl weiß keiner: Vielleicht 6000 Juden waren es, die in Deutschland die Nazi-Zeit überlebten, weil sie versteckt und geschützt wurden. Einer der vielleicht außergewöhnlichsten Fälle spielte sich im Taunusörtchen Diethardt ab: Das ganze Dorf deckte Einwohnerin Anna Johanna Krämer, die sich auch in der dunkelsten Nazi-Zeit frei bewegen konnte.

Von unserer Chefreporterin Ursula Samary

Es ist eine Recherche, die auch bei der Gedenkstätte deutscher Widerstand größtes Interesse weckt. Der Berliner Buchautor und Unternehmer Hubertus Hoffmann sucht in Rheinland-Pfalz nach den Wurzeln von Fritz Kraemer, der mit mit jüdischer Herkunft über Jahrzehnte „graue Eminenz“ im US-Verteidigungsministerium, war. Kraemers Mutter lebte – obwohl Jüdin – unbehelligt in der Nazizeit im Taunusdorf Diethardt.

Im „Hubertushaus“ von Diethardt überlebte Anna Johanna Krämer. „Das ist ein großes Wunder“, sagt Enkelin Madeleine dankbar.
Im „Hubertushaus“ von Diethardt überlebte Anna Johanna Krämer. „Das ist ein großes Wunder“, sagt Enkelin Madeleine dankbar.
Der Kontrast zwischen Koblenz und Diethardt, dem kleinen Dorf im Taunus, könnte beim Nachforschen nicht greller sein: In Koblenz wurde der Vater des Deutschamerikaners, der Erste Staatsanwalt Georg Krämer, als Jude 1942 ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, wo er auch umkam. In Diethardt dagegen überlebte dessen Ex-Frau das mörderische NS-Regime unbehelligt.

Die Frau, die nach nationalsozsizialistischer Doktrin gar nicht mehr hätte leben dürfen, konnte bei Kriegsende ihren früh ausgewanderten Sohn als US-Soldaten in die Arme schließen. Frotz Kramer fuhr als amerikanischer Befreier im Jeep vor – begleitet von Henry Kissinger, dem späteren US-Außenminister.

Spurensuche im Ort

Kennt Diethardt (Rhein-Lahn- Kreis) diese filmreife Familiensaga? Wir begleiten Hoffmann und den in der Gedenkarbeit engagierten Richter Joachim Hennig bei der Suche nach stillen wie unbekannten Helden, die eine Jüdin schützten. Erfahren die beiden, wie und warum dies damals auch in einer Gegend mit vielen Hitler- Anhängern möglich war?

Diethardt (257 Einwohner) liegt im Sonnenlicht. Die evangelische Kirche des Dorfes im Rhein-Lahn-Kreis thront grüßend auf einem Hügel. Am Ortsende steht das wuchtige, einst hochherrschaftliche „Hubertushaus“, in dem Johanna Krämer wohnte. Buchautor Hoffmann kennt es nur von einer im Internet ersteigerten Ansichtskarte.

1912 – die noch vereinte Familie: Georg Krämer mit Frau Anna Johanna und den Söhnen Fritz (4) und Wilhelm
1912 – die noch vereinte Familie: Georg Krämer mit Frau Anna Johanna und den Söhnen Fritz (4) und Wilhelm
Foto: Hubertus Hoffman
Der Treffpunkt in der alten Schule lässt sich an der kurzen Hauptstraße nicht verfehlen. Hoffmann und Hennig haben sich dort mit dem Bürgermeister der Verbandsgemeinde Nastätten, Raimund Friesenhahn, und Ortsbürgermeister Dieter Schlemann verabredet. Sie sind gespannt, was sie von Senioren, einem ehemaligen Ingenieur und einem früheren Rektor, noch erfahren. Friesenhahn blättert in einer Ortschronik. Die erwähnt die Krämers mit keiner Silbe. Warum nur schrieben die Dorflehrer nichts auf? Aus Angst, eine Frau zu verraten, die als gebürtige Jüdin dem Tod geweiht war?

Vermögende Frau bezog ein abgelegenes Jagdhaus

Hoffmann bricht redegewandt das Eis und hilft Erinnerungen auf die Sprünge: Anna Johanna Krämer, Tochter des Düsseldorfer Industriellen Goldschmidt, kam 1914 nach Diethardt, frisch geschieden und mit den Söhnen Fritz und Wilhelm. Sie war wie ihr Mann in der Studentenzeit zum evangelischen Glauben konvertiert. Schutz vor dem Rassenwahn der Nazis bot das damals aber in keiner Weise.

Das Bild aus Diethardt zeigt Fritz Kraemer (Mitte oben) unter den Dorfkindern, zu denen er 1914 gekommen war. Das Interesse an dem für die US-Außenpolitik so wichtigen Mann brachte das ungewöhnliche Schicksal seiner Mutter im Taunus ans Licht.
Das Bild aus Diethardt zeigt Fritz Kraemer (Mitte oben) unter den Dorfkindern, zu denen er 1914 gekommen war. Das Interesse an dem für die US-Außenpolitik so wichtigen Mann brachte das ungewöhnliche Schicksal seiner Mutter im Taunus ans Licht.
Foto: privat
Die vermögende, viel gereiste und selbstbewusste Frau wohnte plötzlich im abgelegenen Jagdhaus eines Konsuls Hagedorn aus Essen, der hier mit seiner Familie und illustren Jagdgesellschaften schon lange die gesunde Luft genoss.

Er brachte weltläufigen Flair ins Dorf und noch wichtiger: Arbeitsplätze für Hausmädchen, Kutscher oder Wildhüter. Ein Foto geht von Hand zu Hand, es zeigt Angestellte mit weißen Schürzen. Günther Bauer (84) und Paul Carl (85) erinnern sich, dass die Damen Hagedorn und Krämer auch ein fortschrittliches Internat für Mädchen und Jungen eröffneten– wohl auch als Überlebensrefugium für jüdische Kinder. „Die Hagedorns waren großzügig, auch zu den Dorfkindern an Weihnachten“, heißt es. Und: „Frau Krämer war beliebt.

Wohnhaus wird gerade renoviert

Ihr „feiner Charakter“ wird gelobt. Sie musste sich auch zwischen 1933 und 1945 nicht verstecken, sagt Bauer. Die beiden Männer erinnern sich aber nicht an ihren Sohn Fritz (Jahrgang 1908). Als sie heranwuchsen, hatte Fritz Kraemer Diethardt schon verlassen und bereits den ersten Doktortitel. Aber: Die Gebrüder Schleicher, die das inzwischen marode „Hubertushaus“ renovieren wollen, bergen in einem Telefonat mit einer Seniorin doch noch einen Erinnerungsfundus.

vEs sind Fakten, die Hoffmann aus Gesprächen mit Fritz Kraemer kennt, der 1943 in die US-Armee eingezogen wurde: Er fuhr 1945 im Jeep mit Henry Kissinger nach Diethardt, wo seine Mutter, seit 1939 aber auch seine vom Kriegsbeginn überraschte Frau Britta mit dem siebenjährigen Sohn Sven lebten. Kurz vor seinem Auftauchen waren noch Granaten in der Nähe eingeschlagen. Der kleine Sven lernt „in der Uniform des Feindes“ den Vater kennen.

Die Frauen hatten dem Kind nichts von dem Vater erzählt, damit es „sich nicht verplappert“, berichtet Hoffmann. Fritz Kraemer schenkte den Dorfkindern Schokolade und fuhr sie im Jeep herum. Die alte Dame gibt im Telefongespräch aber auch noch Unbekanntes preis: „Henry Kissinger hat in Diethardt auch gefensterlt ...“ Wo, ist unbekannt oder wird auch noch nach Jahrzehnten diskret verschwiegen. „Nancy dürfte nicht amüsiert sein“, lacht Hoffmann und meint Kissingers Ehefrau.

Im Alter von 60 Jahren wanderte Johanna Anna Krämer zu ihrem Sohn in die USA aus. Zuvor hatte die gebürtige Jüdin die Nazizeit über unbehelligt im Taunsdorf Diethardt gewohnt. Keiner hatte sie verraten.
Im Alter von 60 Jahren wanderte Johanna Anna Krämer zu ihrem Sohn in die USA aus. Zuvor hatte die gebürtige Jüdin die Nazizeit über unbehelligt im Taunsdorf Diethardt gewohnt. Keiner hatte sie verraten.
Wie und warum schützte aber das ganze Dorf die Jüdin? „Darüber sprach man nicht“, sagt der 84-jährige Günther Bauer bestimmt. Alle wussten um ihre Herkunft. „Aber die war tabu.“ Die beiden Männer wissen, dass keiner der eingesetzten NSDAP-Leute seine Informationen weitergab. Das schier Unglaubliche war hier möglich: Die Jüdin konnte sich frei bewegen, Nachbarn besuchen oder beim Bauern Eier holen. Nur das Internat musste 1938 schließen.

Hatte Anna Johanna Krämer ihr Leben der selbstverständlichen Mitmenschlichkeit im Dorf zu verdanken – aus Dankbarkeit für Arbeit? Die Generation, die es wissen könnte, lebt nicht mehr und hat nichts überliefert. Dabei gehörte Anna Johanna Krämer zu den wenigen Juden, die in Deutschland den Gaskammern entgingen. Etwa 6000 Fälle sind bekannt, heißt es von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Immer wieder werden noch Fälle bekannt. Eine Anna Johanna Krämer findet sich in der Datenbank bisher nicht, die Historiker dort wirken elektrisiert von dem Fall.

Bei dem Gespräch im Ort hört auch Hilde Schlemann gespannt zu, die Frau des Ortsbürgermeisters. Sie hat mit den Fragen schon ihre Mutter „gelöchert“, aber auch früher nichts Genaues über dieses Ortskapitel erfahren, auf das Diethardt stolz sein kann: Das große Schweigen schützte Anna Johanna Krämer. „Dies wirft ein noch mieseres Licht auf Denunzianten. Denn die Gestapo hat eben doch nicht alles gewusst“, stellt Richter Joachim Hennig anerkennend fest.

Von Diethardt im Taunus zum Berater im Pentagon

1972: Fritz Kraemer, Sohn eines als Jude verfolgten Koblenzer Staatsanwalts, sitzt mit dem damaligen US-Präsidenten Richard Nixon und Henry Kissinger im Weißen Haus.
1972: Fritz Kraemer, Sohn eines als Jude verfolgten Koblenzer Staatsanwalts, sitzt mit dem damaligen US-Präsidenten Richard Nixon und Henry Kissinger im Weißen Haus.
Von Kraemer-Bewunderer Hoffmann erfährt die kleine Runde von der Karriere jenes Fritz Kraemer, der als Kind nach Diethardt kam und von 1948 bis 1978 als Geostratege und Berater für Sicherheitspolitik im US-Verteidigungsministerium großen Einfluss auf die amerikanische Außenpolitik nahm.

Dieser Ruhm ist hier unbekannt. Das soll sich ändern: Hoffmann verschenkt sein Buch über Fritz Kraemer, den „kaisertreuen“ Preußen im Pentagon. Er verspricht auch Fotos für den Gemeindesaal und die Finanzierung einer Gedenktafel am „Hubertushaus“. Das will er auch unbedingt sehen. „Es ist eine Baustelle“, sagt Werner Schleicher entschuldigend. Bei allem Staub: Das Kaminzimmer und repräsentative Treppenhaus lassen noch den alten Luxus des reichen Konsuls mit großem, bis nach Kaub reichendem Jagdrevier erahnen.

„Wenn ich hier aufgewachsen wäre, hätte ich auch Ihr Selbstbewusstsein!“, soll Kissinger zu Kraemer 1945 gesagt haben, wie Hoffmann zu erzählen weiß. In den Nachkriegsjahren war das Gebäude bis 1957 noch Urlaubsdomizil für Sommerfrischler aus dem Ruhrgebiet. Die Zeiten sind längst vorbei – in Diethardt gibt es allenfalls noch einen Stammtisch in der alten Schule. Aber da gibt es nun vielleicht viel zu erzählen.