Archivierter Artikel vom 12.02.2012, 19:50 Uhr
Rheinland-Pfalz

RZ-Serie Energie: Der Ökostrom verheddert sich im Netz

Alle Räder stehen still, wenn das Netz nicht will – auf diese Formel kann die Effektivität der Windkraftanlagen begrenzt werden, wenn das Netz überlastet ist. Es ist ein großes Problem der Energiewende, das politisch selten fokussiert wird. 150 verlorene Gigawattstunden

Rheinland-Pfalz. Alle Räder stehen still, wenn das Netz nicht will – auf diese Formel kann die Effektivität der Windkraftanlagen begrenzt werden, wenn das Netz überlastet ist. Es ist ein großes Problem der Energiewende, das politisch selten fokussiert wird.

150 verlorene Gigawattstunden

Im November 2011 veröffentlichte der Bundesverband Windenergie (BWE) eine Studie, die aufrüttelte: Im Jahr 2010 gingen bis zu 150 Gigawattstunden Windstrom verloren. „In Teilen der Netzgebiete von sieben Netzbetreibern in Nord- und Ostdeutschland“ und auch im Saarland wurden Anlagen abgeregelt – in einem Jahr, das als „sehr schlechtes Windjahr“ galt.

Immer mehr Windkraftanlagen gehen in Deutschland an ein Stromnetz, dessen Kapazität nicht für den massiven Ausbau geeignet ist, zudem fehlen nach wie vor geeignete Speichermöglichkeiten für diesen Strom. Das gilt besonders für die Windkraft. Im Vergleich zu 2009 war der Verlust an Energie im Jahr 2010 um 69 Prozent gestiegen. „Hier geht CO2-freier Strom verloren, nur weil der Netzausbau seit Jahren verschleppt wird“, erklärt BWE-Präsident Hermann Albers.

Immer häufiger geht das Netz in Nord- und Ostdeutschland in die Knie. „In Rheinland-Pfalz kennen wir das Phänomen noch nicht“, sagt Alexander Koffka von der Firma Abo-Wind aus Wiesbaden, „hier ist das Netz stark genug.“ Aber es gibt die ersten Schwierigkeiten: In einigen Bereichen des Landes ist das regionale 20-Kilovolt-Mittelspannungsnetz, in das Windstrom gebracht wird, bereits „dicht“.

Netzexperte Joachim Pestka von der RWE-Tochter Rhein-Ruhr Verteilnetz GmbH erläutert: „Wenn man berücksichtigt, dass der Hunsrück in guten Windzeiten die Leistung eines Kernkraftwerks ersetzt, dann sieht man die Herausforderung.“ An 25 Übertragungsknoten im Land wird der erzeugte Strom vom regionalen – und laut RWE stabilen Verteilnetz – in das nationale Übertragungsnetz eingespeist. Problematisch wird es, wenn in dieses Netz aus mehreren Regionen gleichzeitig massiv Strom eingespeist wird, weil beispielsweise der Wind günstig ist. „In den Zeiten, in denen wir einen Überschuss haben, haben andere Bundesländer ja auch einen Ertrag“, erläutert Pestka das Problem.

In Zukunft wird die Entwicklung von Langzeitspeichern eine entscheidende Rolle spielen – die von ihrer Marktreife aber noch weit entfernt sind. Da derzeit keine geeigneten Modelle zur Verfügung stehen, besteht laut Pestka „die Aufgabe für uns darin, die Netze auszubauen und an die Anforderungen der schnell wachsenden dezentralen Einspeisung anzupassen“. In einem Memorandum mit der Landesregierung hat die RWE dafür Kosten von 150 Millionen Euro genannt. „Sehr viel wird von der Genehmigung unserer geplanten etwa 14 Kilometer langen 110-Kilovolt-Hochleistungsleitung Thalfang – Osburg abhängen“, weist Pestka auf eine mögliche neue Überlandleitung hin.

In Nord- und Ostdeutschland ist die Lage kompliziert: Die Netzbetreiber müssen immer häufiger Anlagen vom Netz nehmen, weil die Kapazitätsgrenze erreicht ist. Allein im Jahr 2010 ging Strom verloren, der rund 40 000 Haushalte ein Jahr lang versorgt hätte. 1085-mal mussten 2010 bundesweit Anlagen abgeschaltet werden – obwohl Ökostrom im Netz Vorrang hat. „Einige Energieparks hatten Ausfälle von nahezu einem Viertel ihres Jahresenergieertrags“, zog BWE-Chef Albers eine Bilanz zum Jahr 2010.

Der Dezember 2011 war mit 8,5 Millionen Kilowattstunden zuletzt der stärkste Windstrommonat aller Zeiten. Da die Übertragungsnetze nicht genügend ausgebaut sind, musste der Strom in den Osten Europas abfließen. Dort ist die Begeisterung aber gering, denn immer wieder muss durch stark schwankende Zulieferungen der Stromfluss reguliert werden. Dies kostet viel Geld, außerdem kann dadurch das Preisniveau für Kraftwerksstrom in Ländern wie Polen und Tschechien durcheinandergeraten. Experten befürchten künftige Stromsperren an den ostdeutschen Grenzen.

Dringender Optimierungsbedarf

Bereits im Jahr 2007 warf das Bremer Energie-Intitut die Frage auf, wie die Einspeisung von regenerativ gewonnenem Strom ins Netz optimiert werden kann. Seine Analyse befasste sich mit Norddeutschland, gab aber Einblicke in eine bundesweit verfahrene Situation: „Bereits 2005 ist in der Untersuchungsregion eine Überproduktion von Strom in Höhe von circa 21 Prozent zu verzeichnen. Diese steigt bis 2020 auf 102 Prozent an. Wenn zusätzlich eine Verbrauchsreduktion (...) berücksichtigt wird, dann beträgt sie sogar 148 Prozent.“ Die Forscher skizzierten, dass Norddeutschland unter anderem durch Offshore-Anlagen, also Windmühlen auf See, künftig massiv Strom exportiert und stabile Netze und Speicher benötigt werden. Heute sind fertige Offshore-Parks startbereit – können aber nicht ans Netz gehen.

Durch den zunehmenden regionalen Stromexport nimmt die Netzproblematik zu. Zudem wird durch das Abschalten von Atomkraftwerken gerade in Baden-Württemberg und Bayern ein massiver Ausbau im Bereich erneuerbarer Energien erwartet. Das Fazit ist simpel: Die Politik muss den Netzausbau forcieren, sonst bleibt die Energiewende eine Worthülse.

Von unserem Redakteur Volker Boch