Archivierter Artikel vom 15.09.2012, 09:22 Uhr
Florence

Hass-Attacke stürzt Amerikaner in ein Dilemma

Im konservativen South Carolina schwanken Bürger zwischen Wunsch nach Vergeltung und Angst vor neuen Konflikten.

Lesezeit: 5 Minuten
Vor der Stadtbibliothek von Florence (South Carolina) weht die US-Flagge wie an allen öffentlichen Gebäuden in diesen Tagen auf Halbmast.
Vor der Stadtbibliothek von Florence (South Carolina) weht die US-Flagge wie an allen öffentlichen Gebäuden in diesen Tagen auf Halbmast.
Foto: Christian Kunst

Florence – Der 11. September bringt Cody Simpson immer noch durcheinander.

Als er hörte, dass ausgerechnet an diesem Tag aufgebrachte Menschen in Bengasi den US-Botschafter in Libyen und drei seiner Mitarbeiter umgebracht haben, machte das den 21-jährigen College-Studenten sehr wütend: „Es kommt mir so vor, als ob an jedem 11. September etwas passiert. Diesen Tag können wir Amerikaner einfach nicht vergessen. Wenn an diesem Tag etwas wie in Libyen geschieht, ist es für mich als Amerikaner schwer, meine Gefühle unter Kontrolle zu halten.“ Und sein Gefühl sagt ihm, dass die USA jetzt Härte zeigen sollten. „Wir Amerikaner nehmen solch ein Attentat persönlich und wollen diejenigen, die dafür verantwortlich sind, bestrafen“, sagt Cody, der an der Francis-Marion-Universität in Florence (South Carolina) Politik studiert. South Carolina ist das Partnerland von Rheinland-Pfalz.

Doch wenn Cody seine Gefühle beiseitelässt und mehr auf seinen Kopf hört, dann sagt er: „Präsident Obama sollte auch berücksichtigen, was in den USA passieren könnte, wenn wir in Libyen militärisch zurückschlagen. Denn wenn das eine religiös motivierte Tat war, besteht die Gefahr, dass wir mit unserem militärischen Eingreifen einen religiösen Krieg auch in den USA auslösen.“ Aber dann sind da wieder seine Gefühle: „Als wahrer Amerikaner fällt es mir schwer, nichts machen zu können. Du darfst Amerika nicht dafür verantwortlich machen, dass ein Einzelner ein Video dreht.“

Das sieht sein Kommilitone Andrew Seirs aus Columbia, der Hauptstadt von South Carolina, ähnlich: „Die Botschaftsangehörigen wurden für die Ansichten und Taten eines anderen verantwortlich gemacht.“ Für Andrew, dessen Brüder und Cousins alle bei der US-Army oder der Navy sind, steht fest: „Obama wird militärisch eingreifen müssen, weil es das ist, was Amerika will.“

Vielleicht nicht alle Amerikaner. Der Englisch-Student Justin McGee hält wenig davon, denn „es gibt keinen Gegner“. Justin, der sich selbst einen Liberalen nennt – im stockkonservativen South Carolina eher eine Ausnahme –, sieht den wesentlichen Grund für die Konflikte mit der arabischen Welt darin, dass die USA immer wieder versuchen, ihre Werte anderen Nationen aufzudrängen. Auch die 21-jährige Susan Altman, die sich als Pazifistin bezeichnet, glaubt nicht, dass eine Intervention die richtige Antwort auf die Anschläge wäre. Für sie ist aber auch unbegreiflich, warum ausgerechnet der Botschafter in Bengasi, Christopher Stevens, der schon seit Jahren in der arabischen Welt gelebt hat und den Menschen in Libyen sehr nah gewesen ist, einem solchen Anschlag zum Opfer gefallen ist.

Der 22-jährige Joshua Dover hat eine einfache Lösung: „Wir haben in diesen Staaten nichts zu tun. That is not our business.“ Einen Anschlag mit einem militärischen Eingreifen zu vergelten, würde die Lage aus seiner Sicht nur noch schlimmer machen. Damit erntet er in seiner Klasse heftigen Widerspruch. Viele wollen diese Tat nicht ungesühnt lassen. „Du attackierst einen Amerikaner. Okay. Wir werden herausfinden, wer du bist und dich zur Rechenschaft ziehen“, ruft Cody in der Manier des Ex-US-Präsidenten George W. Bush.

„Doch was würde passieren, wenn ein fremdes Land einfach in die USA einmarschieren würde, weil hier einer seiner Staatsbürger getötet wurde?“, fragt Politik-Professor Rick Almeida seine Studenten. Cody antwortet prompt: „Das wäre nicht nötig, weil wir uns darum kümmern würden. Wir würden den Täter zur Rechenschaft ziehen.“ Joshua ist entsetzt: „Das ist solch eine Doppelmoral. Nur weil wir Amerikaner sind, glauben wir, dass wir unsere Werte mit Gewalt durchsetzen dürfen.“ Die Reaktion seiner Kommilitonen folgt auf den Fuß: „But we are America“, schallt es aus einem Dutzend Mündern.

Wenige Meilen weiter in Downtown Florence, einer 31.000-Einwohner-Stadt im Nordosten South Carolinas, gerät vor allem Präsident Barack Obama ins Kreuzfeuer der Kritik. John Sweeney, Absolvent der Francis Marion University und jetzt politischer Reporter der Lokalzeitung „Florence Morning News“, schreibt gerade an seiner Kolumne für die Sonntagsausgabe. Das Thema: die Reaktion Obamas auf die Geschehnisse in Libyen und Ägypten. Sweenys Tenor: „weich, weich, weich“. Als Erstes habe sich der Präsident für sein eigenes Land entschuldigt, für das Video eines Einzelnen. „Er hat sich aber nicht für die Meinungsfreiheit eingesetzt, die eine der Grundfesten unserer Demokratie ist.“ Stattdessen, meint Sweeney, hätte Obama sagen müssen: „Das ist Amerika, das ist das, wofür wir stehen.“ Darauf habe sein Herausforderer von den Republikanern, Mitt Romney, zu Recht hingewiesen.

Viele wünschen sich von Obama eine deutlichere Reaktion

Sweeney drückt die Meinung vieler aus, die in Florence leben. „Du tötest doch niemanden, nur weil ein anderer ein Video gedreht hat“, sagt Curtis Godwin, der in der Stadtbibliothek nach Büchern sucht. Er ist zwar gegen ein militärisches Vorgehen, aber für ein selbstbewussteres Auftreten seiner Regierung. „In anderen Ländern sieht man uns nicht mehr als starke Macht.“ Auch der 45-jährige Jeff Worthington, der mehrere Jahre als Soldat im Irak war, will von einem militärischen Eingreifen nichts wissen. Aufgrund seiner Erfahrungen mit den Konflikten im Nahen Osten ist er überzeugt, dass nur Zusammenarbeit und Verständnis für die Interessen des anderen Landes und seines Volks weiterhelfen. Er versteht daher nicht, warum ein Amerikaner ein anti-islamisches Hassvideo drehen konnte.

Es ist ein Krieg der Bilder und Symbole, in den die USA tief verwickelt sind. Tyler Mitchell, Chef der „Florence Morning News“, hält es für einen Kampf der Kulturen. Der 56-jährige Journalist, der Mitglied der größten Methodistenkirche im Ort ist, glaubt, dass der Anschlag in Bengasi in den Köpfen vieler Amerikaner die Bilder des 11. September wiederkehren lässt. Aus seiner Sicht wird Obama dies besonders im Präsidentschaftswahlkampf dazu zwingen, irgendwann Härte zu zeigen. „Er wird nicht sofort zurückschlagen. Aber er wird versuchen, die zu finden, die verantwortlich für das Attentat sind, und sie dann zur Rechenschaft ziehen.“ Auge um Auge, Zahn um Zahn – im tief religiösen South Carolina und in vielen anderen Orten in den USA ist das biblische Motiv noch stark verankert. Christian Kunst