Archivierter Artikel vom 06.08.2010, 09:00 Uhr
Berlin

Güllner: „Die SPD muss jetzt mit den Grünen konkurrieren“

Die Grünen sind in allen Umfragen deutlich im Aufwind. Was heißt das für die SPD und für künftige Regierungsbildungen? Darüber sprach unser Berliner Korrespondent Stefan Vetter mit dem Chef des Umfrage-Instituts Forsa, Manfred Güllner.

Berlin – Die Grünen sind in allen Umfragen deutlich im Aufwind. Was heißt das für die SPD und für künftige Regierungsbildungen? Darüber sprach unser Berliner Korrespondent Stefan Vetter mit dem Chef des Umfrage-Instituts Forsa, Manfred Güllner.

Herr Güllner, Ihr Institut sieht die Grünen bundesweit bei 18 Prozent und in Berlin sogar gleichauf mit der SPD. Wird aus Rot-Grün jetzt Grün-Rot?

Antwort: Wenn man Berlin als Bundesland betrachtet, dann ist es bei der nächsten Wahl im kommenden Jahr durchaus denkbar, dass die Grünen hier stärkste Partei werden und damit den ersten Ministerpräsidenten ihrer Geschichte stellen können.

Ist das ein genereller Trend?

Berlin hat insofern keine Sonderstellung, als das grüne Hoch auch in anderen großen Städten schon länger anhält. Bei den Kommunalwahlen in Stuttgart sind die Grünen stärkste Partei geworden. In Köln-Mitte kamen die Grünen zuletzt auf sagenhafte 40 Prozent, während die SPD dort in ihrer einstigen Hochburg auf 20 Prozent absackte. Überall, wo großstädtisches Bildungsbürgertum im Dunstkreis des öffentlichen Dienstes präsent ist, sind die Grünen extrem stark.

Wäre es für die SPD ein Kulturschock, Juniorpartner der Grünen zu sein?

Ja, sicher. Wenn man bedenkt, dass die SPD einst eine stolze Volkspartei war und jetzt mit den Grünen konkurrieren muss, dann ist das auch ein Indiz für den Niedergang der Sozialdemokraten.

Woher rührt der Boom für die Grünen?

Ihr Erscheinungsbild hat sich grundlegend gewandelt. Früher wuchsen ihre Bärte scheinbar bis in den Keller des Bundestages. Heute kommen sie im dreiteiligen Anzug daher. Das macht sie zu einer akzeptierten und kompetent wirkenden Kraft. Die 18 bis 19 Prozent Wähler-Zustimmung für die Grünen werden gespeist von potenziellen früheren SPD-Wählern.

Und das ist keine vorüber gehende Mode-Erscheinung?

Sicher sind frustrierte ehemalige SPD-Wähler kein Stammwähler der Grünen. Aber sie sind für sie wählbar geworden. Und je mehr die Sozialdemokraten, aber auch die Union glauben, einem vermeintlich grünen Zeitgeist hinterher hecheln zu müssen, desto mehr machen sie das grüne Original stark. Das geht übrigens auch durch Stimmenenthaltung. In Stuttgart haben nur zwölf von 100 Wahlberechtigten Grün gewählt. Der Rest war zum großen Teil daheim geblieben. Auch das zeugt vom Unmut gegenüber den Volksparteien.

Zur Klientel der Grünen gehören ähnlich wie bei der FDP die Besserverdiener. Die Liberalen scheinen aber ein politisches Auslaufmodell zu sein. Woran liegt das?

Von der sozialen Struktur her ähneln sich die FDP- und Grünen-Anhänger. Beide sind gut ausgebildet und nicht gerade in den unteren Berufsgruppen tätig. Der Unterschied besteht etwas flapsig gesagt darin, dass, wer in die freie Wirtschaft geht, FDP wählt, und wer im Dunstkreis des öffentlichen Dienstes ist, die Grünen bevorzugt. Nach unseren Erhebungen sind bundesweit ein Drittel der höheren Beamten Anhänger der Grünen. In Berlin sind es sogar mehr als die Hälfte.

Und die FDP?

Die FDP hat ihre Attraktivität seit der Bundestagswahl verloren. Das hat mit vielen enttäuschten Erwartungen zu tun. Ob sie da wieder rauskommt, ist offen.

Nach den Umfragen könnten SPD und Grüne im Bund eine Regierung bilden. War es voreilig, den klassischen „kleinen“ Koalitionen bereits das Totenglöckchen zu läuten?

Das war in der Tat ein voreiliges Urteil vieler Beobachter. Das Fünf-Parteien-System besteht ja praktisch schon seit 1990, als die PDS in den Bundestag kam. Trotzdem sind große Koalitionen oder gar Dreierbündnisse eher die Ausnahme in Bund und Ländern geblieben. Wenn sich SPD und Union auf ihre alten Tugenden besinnen, für die große Mehrheit der arbeitenden Klasse da zu sein, dann können sie eine Renaissance erleben.

Das Gespräch führte Stefan Vetter