Archivierter Artikel vom 30.03.2012, 19:02 Uhr
Buenos Aires

Malvinas – das „verlorene Schwesterchen“ Argentiniens

Jedes Schulkind in Argentinien lernt es von klein auf: „Las Malvinas son argentinas“, die Falkland-Inseln sind argentinisch. Auf der Landkarte ist der Archipel im Atlantik vielen geläufiger als die gegenüberliegende Provinz Santa Cruz auf dem Festland. Dagewesen sind jedoch nur die wenigsten – ausgenommen die Soldaten, die 1982 gegen Großbritannien in den Krieg geschickt wurden.

Buenos Aires – Jedes Schulkind in Argentinien lernt es von klein auf: „Las Malvinas son argentinas“, die Falkland-Inseln sind argentinisch. Auf der Landkarte ist der Archipel im Atlantik vielen geläufiger als die gegenüberliegende Provinz Santa Cruz auf dem Festland. Dagewesen sind jedoch nur die wenigsten – ausgenommen die Soldaten, die 1982 gegen Großbritannien in den Krieg geschickt wurden.

Mit der ersten Militärregierung 1930 fing es an, dass den Argentiniern der Hoheitsanspruch auf die knapp 12 000 Quadratkilometer große Inselgruppe eingepaukt wurde, die ein Jahrhundert zuvor von den Briten eingenommen worden war. Seitdem wurde dieser Anspruch von den Regierenden nicht mehr infrage gestellt – egal ob Militär- oder Zivilregierung.

Als „La hermanita perdida“, das verlorene Schwesterchen, werden die Inseln in einem Lied der renommierten Künstler Atahualpa Yupanqui und Ariel Ramírez besungen. Die Strophen sind auf der Website des argentinischen Erziehungsministeriums zu finden – neben anderen Liedern und Gedichten zum 30. Jahrestag der Invasion, die zum Krieg mit Großbritannien führte.

Damals, am 2. April 1982, konnte sich die Militärdiktatur unter General Leopoldo Galtieri einer breiten Unterstützung, egal welcher politischen Couleur, sicher sein – bis hin zu der linksperonistischen Guerilla der Montoneros und den Trotzkisten. In der Bevölkerung, so ergaben Meinungsumfragen, lag die Zustimmung zum Krieg bei 90 Prozent.

Die Kriegsführung mutete zum Teil abenteuerlich an. So wurden etwa zwei Dutzend Zivilpiloten einberufen, die in beschlagnahmten Privatflugzeugen die Küstenüberwachung des argentinischen Festlands zu übernehmen hatten. Sobald sie ein Schiff sahen, mussten sie nah heranfliegen, Aufzeichnungen machen und die Skizze nach Rückkehr den Offizieren der Luftwaffe übergeben. Diese primitive Aufklärungsarbeit hatte ihre Tücken.

So wurde ein Angriff auf ein eigenes U-Boot erst in letzter Minute abgebrochen, ebenso der Angriff auf einen Alleinsegler, der – hoch erschrocken – eine deutsche Fahne schwenkte, wie einer der „Aufklärer“, heute Flugkapitän einer größeren Fluggesellschaft, der Nachrichtenagentur dpa erzählte. Obwohl eigentlich keine Militärs, waren fast alle Teilnehmer dieses Geschwaders bereit, ihr Leben in dem patriotischen Vorhaben zu opfern.

Der Krieg ist lange vorbei. Doch die Einsicht wächst nur langsam. „Es wird ein langer Weg, aber früher oder später wird es zu diplomatischen Verhandlungen kommen müssen“, erklärte Eduardo Sguiglia der Nachrichtenagentur dpa. „Der Krieg hätte nie stattfinden dürfen“, sagt Sguiglia, der in den ersten Jahren der Regierung Néstor Kirchners (2003-2007) als Staatssekretär für Lateinamerika verantwortlich für die Falkland-Frage war. „Die Tragweite und die symbolische Last der Falkland/Malvinas-Frage verdient eine Debatte der verschiedenen Positionen in Argentinien“.

Nach Kriegsende unterzeichnete der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges die Erklärungen einer kleinen Friedensgruppe, die als Gesprächspartner in London die Bertrand Russell Peace Foundation fand. Doch niemand beachtete damals abweichende Stellungnahmen. Erst jetzt, 30 Jahre später, finden kritische Stimmen nicht nur zur Kriegsführung, sondern allgemein zu Sinn und Perspektive des argentinischen Anspruchs auf die Inseln, ein größeres Echo.

Mehrere Sozialwissenschaftler und Journalisten warfen im Februar in den Medien die Frage auf: „Sind die Malvinas wirklich argentinisch?“ Auch Argentinien sei aus einer kolonialen Besetzung (Spaniens) hervorgegangen, heißt es in der Erklärung. Der Versuch, nationale Grenzen auf eine geopolitische Situation von vor fast 200 Jahren zurückzuführen, könne keinen Frieden bringen.

„Unsere größten Probleme als Argentinier und unsere schlimmsten Tragödien ergeben sich nicht aus Gebietsverlusten oder fehlenden Ressourcen, sondern aus unserer Nichtachtung der Menschenrechte, der Freiheit und der Selbstbestimmung“, heißt es in der Erklärung. Vorwürfe des Landesverrats ließen nicht lange auf sich warten. Der 2. April, Jahrestag der Invasion der Falkland-Inseln, ist noch heute Nationalfeiertag in Argentinien.