Archivierter Artikel vom 06.08.2011, 11:52 Uhr
Koblenz/Altendiez

Geschichte: Als der Koblenzer OB Westberliner Roller-Fans einbürgern wollte

Wenn die Festung Ehrenbreitstein am Samstagabend bei „Rhein in Flammen“ im Glanz der Feuerwerkskörper erstrahlt, dann wird dies bei Gerd Grundmann aus Altendiez nicht nur Freude auslösen. Er wird zurückdenken an den Abend des 12. August 1961, der am Deutschen Eck so fröhlich begann und so traurig endete.

Da war die Welt für die am Deutschen Eck versammelten Heinkel-Fans  noch in Ordnung: Eine Gruppe aus Konstanz testet die Belastbarkeit des  Rollers.
Da war die Welt für die am Deutschen Eck versammelten Heinkel-Fans noch in Ordnung: Eine Gruppe aus Konstanz testet die Belastbarkeit des Rollers.
Koblenz/Altendiez – Wenn die Festung Ehrenbreitstein am Samstagabend bei „Rhein in Flammen“ im Glanz der Feuerwerkskörper erstrahlt, dann wird dies bei Gerd Grundmann aus Altendiez nicht nur Freude auslösen. Er wird zurückdenken an den Abend des 12. August 1961, der am Deutschen Eck so fröhlich begann und so traurig endete.
Gastgeschenk der Westberliner Heinkel-Staffel: Dem Koblenzer Klub um  Gerd Grundmann brachten sie am  12. August 1961 ein Straßenschild vom  Kurfürstendamm und einen Stein aus der Gedächtniskirche mit.
Gastgeschenk der Westberliner Heinkel-Staffel: Dem Koblenzer Klub um Gerd Grundmann brachten sie am 12. August 1961 ein Straßenschild vom Kurfürstendamm und einen Stein aus der Gedächtniskirche mit.
Foto: Uli Pohl

Damals, an diesem lauen Sommerabend, hatten sich Hunderte Fans des legendären Rollers Heinkel-Tourist am Deutschen Eck versammelt. Grundmann, der Sohn des Chefs der Koblenzer Heinkel-Gruppe, war natürlich dabei. Wie in jedem Jahr seit 1958 startete das Treffen von Heinkel-Fans aus ganz Deutschland mit einem Geschicklichkeitsturnier am Deutschen Eck.

Die Stimmung war ausgelassen. Staunend schauten die Zuschauer der Gruppe aus Konstanz zu, wie sie mit sieben Personen auf dem kleinen Roller eine Pyramide bildete. Sie jubelten, wenn einer der Fahrer den Parcours erfolgreich umkurvt hatte. Und natürlich wurden die äußerst robusten Viertakter inspiziert: 175 Kubik, 9,5 Pferdestärken, Elektrostarter, die im Ölbad schlagende Kette, wie sie heutige BMW-Maschinen haben, die glatt gewienerten Edelblechkarossen und natürlich das Geheimfach hinter dem Nummernschild, in dem sogar eine ganzes Zelt Platz fand. „Das war das Nonplusultra“, schwärmt Gerd Grundmann noch heute.

Als kleiner Junge in den 50er-Jahren hat der heute 67-Jährige das erste Mal eine Heinkel-Tourist gesehen – im Schaufenster der Koblenzer Autofirma Josef Barz, Ecke Bahnhofs- und Rizzastraße. Sein Vater war in der Goliath-und-Lloyd-Filiale Hauptgeschäftsführer. Die Heinkel-Roller lieferte er persönlich in einem Goliath- Express, einem kleinen Bus, aus. Und Sohn Gerd saß meist auf dem Beifahrersitz, half beim Ausliefern.

Für ihn war der Heinkel-Tourist ein Teil der glitzernden Welt des Westens, in die er 1954 zusammen mit seiner Mutter aus dem Osten floh. Zuvor hatte der Vater in einer Nacht-und-Nebelaktion in Berlin mit dem Fahrrad rübergemacht. Mutter und Sohn und Tochter folgten ihm wenig später mit dem Zug.

Tausendsassa beißt sich durch

Grundmann senior war ein Tausendsassa. Im Heimatort der Familie in Oschatz nahe Dresden hatte er ein Fotografengeschäft. Später war er Direktor der Konzert- und Gastspieldirektion in Frankfurt/Oder, betreute Varietékünstler und Sänger auch in Westberlin. Nach der Flucht landeten er und seine Familie zunächst im Obdachlosenasyl. Doch Stehaufmännchen Grundmann will in den Westen, nach Bayern. Sie landen im Aufnahmezwischenlager Osthofen bei Worms. Von dort geht es an den Rhein. Sein Sohn ist von der Landschaft verzückt: „Vater, bleiben wir hier? Es ist ja so schön hier.“ Schließlich kommen sie als Flüchtlinge zu einer Bauernfamilie nach Himmighofen (Rhein-Lahn-Kreis). Ochsengespanne, Acker, Kühe: Das Landleben ist für die Grundmanns aus der Stadt Oschatz ein kleiner Kulturschock.

Doch der findige Vater geht seinen Weg: In der Nacht arbeitet er als Filmvorführer in Niederlahnstein, am Tag verkauft er Autos und frönt seiner Leidenschaft: den Heinkel-Rollern. Am 1. Mai 1958 gründet Vater Grundmann die Heinkel-Staffel Koblenz. Fortan reist der Klub durch ganz Deutschland. Mit 90 Sachen flitzen die Tourist-Fahrer über die Autobahn. Selbst nach Belgien und in die Niederlande führen die Touren.

Am 12. August 1961 besuchen viele der auswärtigen Klubs den Koblenzer Traditionsverein. Mit von der Partie sind auch zahlreiche Heinkel-Fans aus Westberlin. Höhepunkt des Abends ist wie in jedem Jahr in den Mitternachtsstunden das Feuerwerk „Rhein in Flammen“ auf der Festung Ehrenbreitstein. Als die letzten Raketen über dem Nachthimmel verglüht sind und die Schiffe wieder am Deutschen Eck vor Anker gegangen sind, kehren die Rollerfahrer zu ihren Zelten zurück und schalten das Kofferradio an. Es ist für viele ein Schock, als sie hören, dass die DDR Ostberlin mit Stacheldraht und einer Mauer abriegelt.

Im Juli auf der Transitstrecke

Besonders geschockt sind die Gäste aus Westberlin: „Sie ließen die Köpfe hängen. Aber sie wollten nach Hause. Doch keiner wusste, ob er nach Westberlin zurückkehren konnte“, erinnert sich Grundmann. Er hätte etwas ahnen können. Denn wenige Wochen zuvor, am 22. Juli, waren er und seine Mutter das erste Mal wieder in der DDR – zur Hochzeit seiner Cousine nahe Dresden. Auf der Rückreise sahen sie auf der Transitstrecke außergewöhnlich viele Militärfahrzeuge und Laster. Doch wie so viele Deutsche war das, was am 13. August 1961 geschah, auch für die Grundmanns undenkbar. Die Heinkel-Fans am Deutschen Eck ließen sich ihr Fest an diesem warmen Augustsonntag von den DDR-Machthabern nicht verderben. Stolz, fast trotzig fuhren sie mit ihren im Sonnenlicht glänzenden Rollern in einem Korso durch Koblenz. Den völlig verzweifelten Gästen aus Westberlin machten sie ein ganz besonderes Geschenk: Auf Initiative von Grundmann senior, dem Boss der Koblenzer Staffel, bot ihnen Oberbürgermeister Willi Werner Macke an, sie einzubürgern. Asyl in der Rhein-Mosel-Stadt.

Aber die Gäste aus Westberlin wollten nicht in Koblenz bleiben. Am nächsten Tag reisten sie mit ihren Rollern voller Angst zurück in ihre Heimat. Am Abend klingelte in Koblenz das Telefon: Es war alles gut gegangen.

Von unserem Redakteur Christian Kunst