Archivierter Artikel vom 27.02.2015, 06:00 Uhr
Mainz

Feuersturm vor 70 Jahren: Als das alte Mainz in Flammen aufging

Am Nachmittag des 27. Februar 1945 hetzen die Mainzer panisch zu den Luftschutzkellern. 435 britische Bomber nähern sich der Stadt. Viel zu spät wird Alarm ausgelöst. Als die Menschen auf die Straßen stürzen, ist das unheilvolle Dröhnen der Maschinen schon deutlich zu hören. Gegen 16.20 Uhr werden die ersten Bomben ausgeklinkt.

Herbert Bonewitz überlebte den Angriff als Kind.
Herbert Bonewitz überlebte den Angriff als Kind.
Foto: Privat

Von unserem Redakteur Dirk Eberz

Der Stadtrand wird von Detonationen erschüttert. Die Erde beginnt zu zittern. Auch Herbert Bonewitz und seine Mutter rennen jetzt um ihr Leben. Ihr Ziel sind die Gewölbe des Neubrunnenhofs. „Zusammen mit Dutzenden panikerfüllten Menschen zwängten wir uns durch den engen Eingang die Treppen hinunter“, erinnert sich Bonewitz an diesen schicksalhaften Tag. „Die Explosionen und Erschütterungen draußen wurden heftiger.“

Immer mehr Menschen drängen in den Raum. Bald ist er vollkommen überfüllt. Die Luftschutzwartin drückt die schwere Stahltür zu und schiebt den Riegel vor. Für viele Mainzer ist das das Todesurteil. Verzweifelt hämmern die Ausgesperrten gegen die Tür. „Draußen hörte man dumpfe Schreie“, erzählt Bonewitz. „Dann brach die Hölle los.“ Wenige Meter über ihnen spielt sich ein Inferno ab. Das Goldene Mainz erbebt im Todeskampf. Der Lärm ist ohrenbetäubend. „Der Boden schwankte wie ein zitterndes Schiff“, sagt der heute 81-Jährige. Von der Decke rieselt der Kalk. „Das Licht flackerte und zuckte“ – nach dem nächsten Einschlag erlischt es.

Es ist der Moment, in dem viele durchzudrehen drohen. „Die Menschen wimmerten, stöhnten und schrien“ – meist Frauen, Kinder und alte Leute. „In der fahlen Notbeleuchtung sah man schreckensbleiche Gesichter“, erinnert sich Bonewitz. „Die Ohren schmerzten von den ständigen Explosionen über uns.“ Halten die Mauern? Es sind gerade mal 20 Minuten, in denen die Stadt in Schutt und Asche gelegt wird. Doch für die Menschen, die zitternd in den Kellern kauern, ist es eine Ewigkeit. „Mir kam es vor, als dauere das Nerven zerfetzende Bombardement schon mehrere Stunden.“

Kaum vorstellbar, dass die Welt des Elfjährigen nur wenige Stunden zuvor noch in Ordnung ist. Fast schon unbeschwert. Der 27. Februar 1945 ist ein trüber Wintertag. Herbert Bonewitz wohnt in einem Eckhaus am Neubrunnenplatz. „Vom Fenster aus blickte ich auf den Neubrunnen und auf die Große Bleiche“, sagt der 81-Jährige. Herbert lauscht per Drahtfunk Meldungen über feindliche Bomberverbände. „Auf einer Karte mit Planquadraten konnte ich die aktuelle Lage immer genau verfolgen.“ Eine schrecklich-normale Kriegskindheit. Denn in Mainz schrillen regelmäßig die Sirenen. Die Stadt hat bereits mehrere Großangriffe erlebt. Im Sommer 1942 schlägt eine Fünf-Zentner-Bombe nur knapp zwei Meter neben dem Kellerfenster ein, hinter dem Familie Bonewitz Schutz gesucht hat – zum Glück nur ein Blindgänger.

Auch mit 81 lassen Bonewitz die Erinnerungen nicht los.
Auch mit 81 lassen Bonewitz die Erinnerungen nicht los.
Foto: picture-alliance

Der Mainzer Bub wächst also mit der ständigen Angst vor den Bomben auf. Eine Angst, die die Sinne schärft. Koffer, Decken und Taschen sind immer griffbereit. Auch am 27. Februar 1945. Schon am Vormittag gibt's Alarm. Bis zu vier Stunden lang hocken viele Mainzer in den Schutzräumen. Dann heißt es: Entwarnung. Ein folgenschwerer Irrtum.

Gegen 16 Uhr hört Bonewitz, dass ein britischer Bomberverband im Anflug auf die Stadt ist. Viele Mainzer sind da gerade auf dem Heimweg aus ihren Schutzräumen. Der Junge zögert nicht lange, zieht seinen Mantel über und rennt zu seiner Mutter, die unten im Tabakgeschäft arbeitet. „Sie wollte mich beruhigen und glaubte, dass die Flieger über uns hinwegfliegen“, erinnert sich Bonewitz. Dann heulen schon die Sirenen: Hauptalarm. Die beiden schaffen es gerade noch rechtzeitig in den Bunker, bevor ihre geliebte Heimatstadt im Bombenhagel untergeht. Gerettet durch den Überlebensinstinkt eines Elfjährigen.

Plötzlich verebbt der Lärm. „Draußen wurde es gespenstisch still“, erinnert sich Bonewitz. Die Luft im Keller ist stickig, Staub legt sich auf die Lungen. „Das Atmen fiel schwer.“ Die Menschen wollen jetzt nur noch raus. Mühsam wird die verbogene Stahltür geöffnet. „Unter Fauchen und Zischen schossen lodernde Flammen herein“, berichtet Bonewitz. „Alles schrie durcheinander.“ Hier können sie nicht raus. Auch die Notausgänge lassen sich nicht öffnen. Der brennende Schutt der Wohnhäuser versperrt die Eingänge. Die Menschen sitzen in der Falle. Sie sind verschüttet. Manche beten, andere jammern. Sollen sie warten, bis die Suchmannschaften sie herausholen? Die, die hier unten verharren, sind nur wenige Stunden später tot, wie Bonewitz später erfährt.

100 Menschen, qualvoll erstickt. Der Elfjährige zwängt sich hingegen mit seiner widerstrebenden Mutter durch eine enge Maueröffnung, die ein Soldat mit einem Pickel erweitert hat. Ein Loch in die Freiheit. Dahinter ist es stockfinster. Der beißende Geruch von Rauch liegt in der Luft. „Wir tasteten uns langsam vor und stolperten dabei über Steine und Balken“, erinnert sich Bonewitz. Die Gruppe kämpft sich von Keller zu Keller – „teils gebückt, teils kriechend“. Irgendwann hat sie komplett die Orientierung verloren. „Wir mussten kreuz und quer unter dem ganzen Viertel hindurchgekrochen sein“, vermutet Bonewitz. Dann entdeckt der Elfjährige Stufen nach oben. Der rettende Ausgang.

Luftaufnahme von 1930: Um Dom und Markt erstreckt sich ein mittelalterliches Wirrwarr aus verwinkelten Gässchen mit kleinen Fachwerkhäusern. Der Brand ist damals noch Handelszentrum für die Rheinschiffer. Wo heute das Rathaus steht, befand sich früher der großzügig angelegte Halle-Platz. Daneben glänzte Mainz mit einer der größten deutschen Stadthallen. Quelle: Stadtarchiv Mainz

Stadtarchiv Mainz

Blick vom Dom auf den Markt: 80 Prozent der Mainzer Innenstadt sind nach dem Angriff vom 27. Februar 1945 zerstört. Quelle: Stadtarchiv Mainz

Weite Teile von Mainz sind 1945 praktisch unbewohnbar. Von den rund 11 000 Wohngebäuden sind mehr als die Hälfte nur noch Ruinen. Quelle: dpa

Der Blick, der sich den Mainzern bietet, ist schauerlich. Die Stadt ist ein einziges Flammenmeer. „Schemenhaft erkannte ich in dem Feuerwirbel den Obelisken vom Neubrunnen.“ Die Große Bleiche ist eine einzige Trümmerwüste – vom Münsterplatz bis zum Rhein.

Wie ein Mahnmal ragt der Dom aus der brennenden Stadt. Wie durch ein Wunder ist er fast unbeschädigt geblieben. In Bonewitz' Haus brennt der Dachstuhl. Doch an Löschen ist nicht zu denken. „All die Stätten, wo ich als Kind gespielt habe und wo ich herumgetollt bin, wurden ein Raub der Flammen.“ Der Anblick wird sich ihm für immer einprägen. Es ist eigentlich der Moment, in dem er auf die Knie fallen möchte, um zu weinen.

Doch für Trauer ist keine Zeit. „Orkanartig wütete ein heulender Feuersturm um uns herum.“ Die Hitze ist kaum auszuhalten. Sie versengt Haare und Augenbrauen. Die Lungen brennen. Hastig werden Decken im spärlichen Brunnenwasser getränkt und übergeworfen. Die Phosphorbrandbomben haben sogar die Straßen in Flammen gesetzt. Der Belag kocht und brodelt. Ein Szenario wie aus Dantes Inferno. Bonewitz zerrt seine apathische Mutter durch Trümmerberge, vorbei an ausgebrannten Autos in Richtung Gonsenheim zu den Großeltern.

Auf dem Weg in Richtung Boppstraße sehen sie die ersten Toten – oft bis zur Unkenntlichkeit verkohlt. Erst hinter der Eisenbahnunterführung wird die Luft besser. „Dafür fiel ein dichter Ascheregen auf uns herab, vermischt mit verkohlten Papierstückchen und Textilfetzen.“ Zum ersten Mal blickt er sich um. „Der Himmel über der Stadt erglühte kilometerweit in blutigem Rot.“ Bonewitz drängt sich ein Vergleich aus der Bibel auf: das brennende Sodom und Gomorrha. Neben Mutter und Sohn stürzt ein mehrstöckiges Gebäude ein und begräbt die Bewohner unter sich, die eilig Möbel aus ihren Wohnungen schaffen wollen. „Sie verschwanden in einer riesigen Staubwolke. Danach war Totenstille.“

Bonewitz verliert jegliches Zeitgefühl. Irgendwann tauchen die ersten Häuser von Gonsenheim auf. „Seit Stunden sahen wir zum ersten Mal wieder unversehrte Gebäude und nirgendwo Feuer. Ein Bild wie im Frieden.“ Doch der scheint plötzlich unwirklich. Herbert Bonewitz und seine Mutter haben überlebt, erreichen total erschöpft das Haus der Großeltern. Doch das Trauma ist geblieben – bis heute. Bonewitz hat alles verloren: die lieb gewonnenen Bücher, Spielsachen, Fotoalben, unzählige Erinnerungsstücke – und seine Kindheit. „Die ist an diesem schicksalhaften Tag schrecklich und unwiderruflich vorzeitig zu Ende gegangen.“