Archivierter Artikel vom 23.11.2011, 18:37 Uhr
Koblenz

Die Evakuierung: Antworten auf die wichtigsten Fragen

Die Stadt Koblenz bereitet sich auf die größte Evakuierungsaktion ihrer Geschichte vor: 45.000 Koblenzer müssen ihre Wohnungen verlassen, wenn die riesige Luftmine und eine Fliegerbombe entschärft werden.

Koblenz – Die Stadt Koblenz bereitet sich auf die größte Evakuierungsaktion ihrer Geschichte vor: 45.000 Koblenzer müssen ihre Wohnungen verlassen, wenn die riesige Luftmine und eine Fliegerbombe entschärft werden und das Nebelfass gesprengt wird, die bei Pfaffendorf im Rhein liegen. Täglich aktualisiert beantwortet die Rhein-Zeitung alle wichtigen Fragen rund um den gigantischen Einsatz. Jetzt gibt es auch nähere Infos zu den Änderungen bei der Bahn, zum ärztlichen Notdienst, zum Umgang mit Haustieren – und zur Frage, was man alles mitnehmen sollte, wenn man raus muss.

Der Experte ist vor Ort: Horst Lenz, technischer Leiter des Kampfmittelräumdienstes (auf dem Boot, zeigend) schaut sich die schwere Luftmine bei Koblenz-Pfaffendorf an, die am 4. Dezember entschärft wird.

Sascha Ditscher

Auch Experten des Wasser- und Schifffahrtsamt sind an den Beratungen beteiligt.

Sascha Ditscher

Vorsichtig navigieren die Einsatzkräfte an der Fundstelle der Bombe.

Sascha Ditscher

Die Taucher nähern sich an den Sprengkörper an.

Sascha Ditscher

Vom Ufer und vom Boot aus wird der Tauchgang aufmerksam verfolgt.

Sascha Ditscher

Es handelt sich um eine drei Meter lange britische Fliegerbombe vom Typ „HC 4000 IV“. Im fertigen Zustand hatte die Luftmine ein Gesamtgewicht von 4000 englischen Pfund, was etwa 1,8 Tonnen entspricht. Der Sprengstoffanteil des mit Stahl ummantelten Sprengörpers liegt bei 1,4 Tonnen.

Sascha Ditscher

Zur Sicherheit vor Ort: der Rettungsdienst.

Sascha Ditscher

Ein Taucher wagt sich an die Fundstelle vor.

Sascha Ditscher

Die Schiffe auf dem Rhein halten Sicherheitsabstand.

Sascha Ditscher

Wer ist von der Evakuierung betroffen?

Es handelt sich um eine drei Meter lange britische Fliegerbombe vom Typ  "HC 4000 IV". Im fertigen Zustand hatte die Luftmine ein Gesamtgewicht von  4000 englischen Pfund, was etwa 1,8 Tonnen entspreche, so Wirtgen. Der  Sprengstoffanteil des mit Stahl ummantelten Sprengkörpers liegt bei 1,4 Tonnen.
Es handelt sich um eine drei Meter lange britische Fliegerbombe vom Typ „HC 4000 IV“. Im fertigen Zustand hatte die Luftmine ein Gesamtgewicht von 4000 englischen Pfund, was etwa 1,8 Tonnen entspreche, so Wirtgen. Der Sprengstoffanteil des mit Stahl ummantelten Sprengkörpers liegt bei 1,4 Tonnen.
Foto: dpa, Thomas Frey

Wirklich fast halb Koblenz. Große Teile der Altstadt, der Goldgrube, die komplette Innenstadt und südliche Vorstadt, das Oberwerth und große Teile der Karthause, Asterstein, Pfaffendorf, die Pfaffendorfer Höhe, große Teile von Horchheim und die Horchheimer Höhe sind betroffen. Hier ist eine Karte mit dem genauen Evakuierungsgebiet als PDF zu finden. Dort kann jeder nachschauen, ob seine Straße geräumt wird. Viele wichtige Infos gibt es auch in unserem Artikel zur Bombe in Koblenz und zur größten Evakuierung in der Geschichte der Stadt.

Der ungefähre Fundort der Luftmine bei Pfaffendorf. Auf Koblenz kommt eine riesige Evakuierungsaktion zu: Am Sonntag, 4. Dezember, wird die große Luftmine entschärft.

Frey-Pressebild

Laut Feuerwehr waren Luftminen im Zweiten Weltkrieg die größten Kampfmittel, die abgeworfen wurden. Die Sprengkraft der Pfaffendorfer Bombe ist also gewaltig.

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Bei der Bombe im Rhein ist die Sprengkraft fast vollständig erhalten geblieben.

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Die Bombe liegt relativ stabil auf dem Untergrund. Die Zeit bis zur Entschärfung drängt also nicht.

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Wegen der Gefährlichkeit der Bombe wird der Evakuierungsradius groß sein: Mehrere Stadtteile auf rechter und linker Rheinseite müssen geräumt werden.

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Auch Krankenhäuser und Altenheime sind betroffen.

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Während die Taucher das Fundstück inspizierten, arbeiteten Stadt, Ordnungsamt, Wasser- und Schifffahrtsamt und Feuerwehr an dem Evakuierungsplan.

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Wo kann ich Fragen loswerden?

Für die Bürger ist ein Info-Telefon geschaltet: Telefon 0261/404 04 10 und 404 04 20.

Wann muss ich aus der Wohnung draußen sein?

Um 9 Uhr soll der Evakuierungsbereich leer sein. Danach beginnen unmittelbar die Kontrollen. Dann sind auch die Verkehrswege (Straßen, Brücken, Bahnhöfe) gesperrt.

Wie sollte ich mein Haus oder meine Wohnung hinterlassen?

Das Ordnungsamt empfiehlt, die Fenster zu schließen und die Rolläden herunterzulassen. Strom, wasser und Gas müssen nicht abgestellt werden. Allerdings sollten Zeitschaltuhren, die zum Beispiel Lichter an- und ausschalten, abgestellt werden. Es könnte sonst so aussehen, als wäre noch jemand in der Wohnung – und dann wird im schlechtesten Fall die Tür aufgebrochen.

Was sollte man mitnehmen?

Wichtige Medikamente und Baby- oder Spezialnahrung (falls benötigt) sollte man unbedingt mitnehmen. Empfehlenswert wäre auch ein wenig Verpflegung (Essen und Getränke).

Wie sieht es mit Haustieren aus?

Tiere dürfen grundsätzlich in den Wohnungen bleiben. Für Käfigtiere wird das auch empfohlen – ebenso für Katzen. Hunde sollte man dagegen mitnehmen.

Wann kann ich wieder zurück in meine Wohnung?

Das ist noch nicht zu beantworten. Die eigentliche Entschärfung soll um 15 Uhr beginnen. Wann sie beendet ist, wird sich zeigen. Sobald das Evakuierungsgebiet wieder offen ist, informieren wir auf Rhein-Zeitung.de. Nutzer des Internetdienstes Twitter sollten dem Account der Koblenzer Redaktion folgen.

Muss ich wirklich raus?

Ja. Es gibt keine Ausnahmen – schließlich werden sogar Krankenhäuser und Altenheime sowie Justizvollzugsanstalt auf der Karthause geräumt. Wer sich versteckt oder weigert, muss damit rechnen, von den Ordnungskräften aufgegriffen zu werden. Lauftrupps werden von Tür zu Tür gehen, um sicherzustellen, dass niemand zu Hause bleibt. Kostenlose Bussonderlinien bringen die Bewohner aus dem Sperrbezirk (siehe unten: Wo werden Notunterkünfte eingerichtet?)

Warum ist das Evakuierungsgebiet so groß?

Die Luftmine und die weiteren gefundenen Sprengkörper haben eine gewaltige Sprengkraft. Die Luftminen zählen zu den gefährlichsten Waffen, die im Zweiten Weltkrieg eingesetzt wurden. Man geht davon aus, dass sie noch immer hochgehen kann – deshalb ist Vorsicht angesagt. Details zur Bombe gibt es auch in der Mitteilung der Feuerwehr Koblenz zum Bombenfund und zur Evakuierung.

Gibt es Sammelpunke, an denen man sich die Zeit über aufhalten kann?

Ja, die werden in sieben Schulen eingerichtet (siehe Notunterkünfte). Außerdem werden ab 6.30 Uhr fünf Sonderbuslinien fahren, um die Menschen zu befördern, die kein eigenes Auto haben (siehe unten: Wo werden NOtunterkünfte eingerichtet?)

Kann ich mit dem Zug irgendwo hinfahren?

Das wird kompliziert. Auch der Hauptbahnhof sowie der Schienenhaltepunkt Mitte in Koblenz werden ab 8 Uhr gesperrt. Danach werden einige Züge zwar noch durchfahren, jedoch nicht mehr halten. Während der Entschärfung wird auch der Bahnverkehr links und rechts des Rheins lahmgelegt. Und das wird Auswirkungen auf den gesamten Fahrplan in einem großen Teil von Deutschland haben. Also: lieber ins Auto. Oder am besten zu Freunden oder Verwandten außerhalb der Zone.

Wo kann ich mich über die Änderungen des Zugverkehrs näher Informieren?

Zum einen gibt es Aushänge in den Bahnhöfen. Zum anderen gibt es Infos im Internet unter www.bahn.de/aktuell oder www.bahn.de/ris. Telefonische Auskünfte gibt es zudem unter 01805/996633 (14 Cent pro Minute aus dem festnetz, Mobilfunk maximal 42 Cent pro Minute).

Welche Seniorenheime sind von der Sperrung betroffen?

Im Evakuierungsgebiet liegen das Seniorenzentrum Asterstein, das Alten- und Pflegeheim der Arbeiterwohlfahrt in der Laubach, das Alten- und Pflegeheim Geschwister de Haye‘sche Stiftung auf der Karthause, das Alten- und Pflegeheim St. Barbara in der Waisenhausstraße, das Altenheim Evangelisches Stift und das Hospiz St. Martin, der Seniorensitz der Blindenhilfe in der Vorstadt und das Alten- und Pflegeheim Hildegard von Bingen in der Emser Straße.

Sind von der Evakuierung auch Krankenhäuser betroffen?

Ja, das Stiftungsklinikum und das Brüderhaus müssen ebenfalls geräumt werden.

Wie ist der Ärztenotdienst während der Evakuierung organisiert?

Wegen des Einsatzes wird die Koblenzer Bereitschaftsdienstzentrale im Kemperhof am Sonntag zeitweise nicht erreichbar sein. Es wird dafür auf der rechten Rheinseite zwei Außenstellen geben: das Krankenhaus Lahnstein (Internistische Ambulanz, Ostallee 3, 02621/1710) und die Praxis Dr. Kienle in Ehrenbreitstein (Friedrich-Wilhelm-Straße 161, 0261/972710).

Wieso findet man jetzt gerade so viel Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg wieder nach so langer Zeit?

Die Feuerwehr sagt, dass vor allem zwei Dinge zusammenkommen: das extreme Niedrigwasser des Rheins sowie eine gestiegene Sensibilisierung der Bevölkerung nach dem ersten Giftfass-Fund von Bendorf/Vallendar. Seitdem melden sich immer wieder Bürger bei den Behörden, die zum Beispiel bei Spaziergängen verdächtige Beobachtungen gemacht haben. Natürlich gehen die Behörden den Hinweisen nach.

Hat der Fund der zweiten Pfaffendorfer Bombe Auswirkungen auf das Evakuierungsgebiet?

Nein. Die Sprengkraft dieser zweiten Bombe ist deutlich geringer als die der Luftmine, deshalb muss der Radius nicht ausgeweitet werden. Am Evakuierungsgebiet ändert sich nach aktuellem Stand nichts. Auswirkungen könnte es aber auf die Dauer der Evakuierung haben. Die Entschärfung könnte länger dauern. Am Samstagnachmittag, 26. November, wurde der Kampfmittelräumdienst erneut nach Pfaffendorf gerufen. Taucher zogen daraufhin in der Nähe des Hotels Merkelbach ein Stahlrohr, eine Panzerfaust und Flakmunition aus dem Wasser. Anschließend brachten die Taucher an der unweit lagernden 125-Kilo-Fliegerbombe bereits Bandschlingen und einen Metallbügel samt Öse an, woran die Bombe dann am 4. Dezember mittels Seilen aus dem Wasser gezogen wird.

Wie wird die riesige Luftmine unschädlich gemacht?

Die 1,8 Tonnen schwere Luftmine kann nur entschärft werden, wenn sie trocken ist. Da die Zünder sich aber rund 40 Zentimeter unter der Wasseroberfläche befinden, muss das Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) Bingen die Bombe trocken legen. Damit hat das WSA die Firma Mammoet Maritim beauftragt, die bereits den im Frühjahr 2011 gekenterten Säuretanker „Waldhof“ bei der Loreley geborgen haben. Ab Dienstag, 29. November, werden 350 überdimensional große und jeweils eine Tonne wiegende Sandsäcke (Big Bags) rund um die Mine verteilt – ein sogenannter Fangedamm errichtet. Die Berufsfeuerwehr pumpt anschließend den Bereich leer. Mammoet wird für die Arbeiten den Kranponton Atlas einsetzen, der auch an der Bergung der Waldhof mitgewirkt hat. Der Kranponton soll bereits am Samstag, 26. November, in Koblenz eintreffen. Am Donnerstag, 1. Dezember, soll der Fangedamm errichtet sein. Am 4. Dezember soll sie dann planmäßig entschärft werden.

Wo werden Notunterkünfte eingerichtet?

Evakuierte von der linken Rheinseite können sich in folgende Schulen begeben: Schulzentrum Karthause (Zwickauer Straße 22), Carl-Benz-Schule (Beatusstraße 143 -147) und Clemens-Bretano-Realschule (Weißer Gasse 6). Evakuierte von der rechten Rheinseite finden hier Unterschlupf: Grundschule Niederberg (Niederberger Höhe 16 ), Grundschule Ehrenbreitstein (Im Teichert 110), Schulzentrum Vallendar (Sebastian-Kneipp-Straße 12) und Schillerschule Lahnstein (Schillerstraße 1). Die Notunterkünfte stehen am 4. Dezember ab 7 Uhr zur Verfügung. Ab 6.30 Uhr werden spezielle Buslinien eingesetzt, um Einwohner aus dem Quartieren in die Schulen zu bringen (Fahrplan der Sonderbusse während der Evakuierung als PDF-Download). Ob dieser Service kostenlos sein wird, ist bislang noch nicht klar. Damit aber jeder sein Zuhause verlässt, bevor die Bombe entschärft wird, werden Lauftrupps von Tür zu Tür gehen.

Wie kommt man per Bus aus dem Evakuierungsgebiet?

Die Kevag Verkehrs-Service GmbH bietet einen kostenlosen Busshuttle mit fünf Linien an. Die Busse werden am Sonntag von 6.30 bis 9 Uhr alle 10 bis 15 Minuten zu vier der Notunterkünfte fahren. Am Abend, wenn die Evakuierung aufgehoben ist, fahren sie die Betroffenen auch wieder zurück.

Fahren tagsüber auch die „normalen“ Linienbusse?

Die innerstädtischen Busse fahren nicht. Sie werden erst dann wieder unterwegs sein, wenn der Evakuierungsservice abgewickelt ist. Die Regionallinien, die Koblenz ansteuern, enden während der Evakuierung vor Koblenz. Weiter Infos unter www.kevag.de.

Gibt es Infos zu den Bussen auch am Telefon?

Bis Samstag können alle Fragen zum Busverkehr unter 0261/392-1777, der Fahrplanauskunft der Kevag, gestellt werden.

Wenn die Luftmine und die Fliegerbombe entschärft und das Nebelfass gesprengt sind, darf man dann gleich wieder in das Evakuierungsgebiet?

Nein, erst wenn die ausdrückliche Nachricht kommt: „Die Evakuierung ist aufgehoben.“

Text wird regelmäßig von der Redaktion aktualisiert/tim/dos/sem/stt/is