Archivierter Artikel vom 30.03.2012, 05:30 Uhr
Koblenz

Auf der Fährte des Vielschreibers

Sein erstes Buch von Karl May, erzählt er, habe er mit neun oder zehn Jahren bekommen, „von einem Vetter, vollkommen zerlesen, da konnte man noch nicht mal mehr den Titel erkennen“.

Helmut Schmiedt
Helmut Schmiedt
Foto: frei

„Unter Geiern“ war das und hat ihm schon recht gut gefallen, aber ein echter Karl-May-Fan war er deshalb nicht gleich geworden. Das dauerte noch eine ganze Weile, bis Helmut Schmiedt als Student der Germanistik in Bonn ein Thema für eine Examensarbeit suchte. Da hat es dann wohl richtig gefunkt, denn bei Karl May blieb er auch in seiner 1979 erschienenen Doktorarbeit mit dem Titel „Studien zu Leben, Werk und Wirkung eines Erfolgsschriftstellers“.

Band vier der Karl-May-Edition, "Winnetou", steht bis heute in vielen Regalen.
Band vier der Karl-May-Edition, „Winnetou“, steht bis heute in vielen Regalen.
Foto: picture alliance / dpa

Rechtzeitig zum 100. Todestag veröffentlichte Schmiedt, seit 1995 Professor für Germanistik und Neuere Literaturwissenschaft in Koblenz, im Beck-Verlag die Biografie „Karl May oder Die Macht der Fantasie“ – und kann sich vor Karl May kaum noch retten. Ständig klingelt sein Telefon, immer neue Anfragen von Rundfunk- und Fernsehsendern und Zeitungen, die ihn interviewen wollen. „Die Radiointerviews zähle ich gar nicht mehr, und im Fernsehen habe ich auch schon vieles durch, von ‚Aspekte‘ bis ‚Titel, Thesen, Temperamente‘.“ Schmiedt, stellvertretender Vorsitzender der Karl-May-Gesellschaft, Herausgeber des von ihr publizierten Jahrbuchs und Verfasser der alljährlich in ihm veröffentlichten Literaturübersicht, genießt und leidet zugleich.

Im Gespräch wird schnell klar, dass er regelrecht imprägniert ist mit Karl May – und nach wie vor fasziniert von einem Mann, der es offenbar verstand, ausgesprochen überzeugend aufzutreten, ein leidenschaftlicher Rollenspieler, der seine Umgebung, sein Gegenüber für sich einnahm. Schmiedt erwähnt eine Episode mit einem ungarischen Studenten, mit dem sich May unterhalten hat. „Der Student schrieb später in einer Zeitung, dass er noch keinen getroffen habe, der sich so gut mit den ungarischen Verhältnissen ausgekannt habe wie ‚Dr. May‘. Dabei war der zu diesem Zeitpunkt weder Doktor noch jemals in Ungarn gewesen.“

Offenbar aber hat May tatsächlich „alles wie ein Schwamm aufgesogen“, auch das Material, aus dem er seine Abenteuer- und Reiseromane zusammenstrickte. „Heute wäre er vermutlich ein absoluter Internetjunkie“, mutmaßt Schmiedt lachend.

May begann während eines seiner Gefängnisaufenthalte (sieben Jahre insgesamt, ein Zehntel seines Lebens verbrachte er hinter Gittern) mit der Lektüre von Reise- und Forschungsberichten, von Lexika und Wörterbüchern. „Man hat ihm sogar abgenommen, als er behauptete, er habe Kenntnisse in 1200 Sprachen und Dialekten. Diese Zahl stand genau so am nächsten Tag in der Zeitung.“ Um Echtheit war der Vielschreiber stets bemüht, auch wenn für Korrekturen und Überarbeitungen kaum Zeit blieb. Das lockt Fans und Forscher auf den Plan, die akribisch nach Abweichungen von der Realität suchen. Korrekt war May jedenfalls bei den Fahrplanangaben der Moselschiffe im Roman „Die Liebe des Ulanen“.

Zur Lektüre empfiehlt Schmiedt dennoch „Am Tode“; eine böse, psychodramatisch aufgeladene Abrechnung mit seiner ersten Frau Emma, von der er sich 1903 scheiden ließ. Erstmals erschien sie im „Rhein- und Moselboten“, 1902 dann als Teil des Buches, für das die Universitas Germanica Americana in Chicago dem aus ärmsten Verhältnissen zum Erfolgsschriftsteller Aufgestiegenen gar die Ehrendoktorwürde verlieh: „Im Reich des silbernen Löwen“.

Der Autor liest heute um 19 Uhr im Koblenzer Rathaussaal aus seiner Karl-May-Biografie.

Von unserer Mitarbeiterin Lieselotte Sauer-Kaulbach