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    Grünen-Politikerin Göring-Eckardt: „Klima ist eine Menschheitsfrage“

    Die grün lackierte Limousine, mit der Katrin Göring-Eckardt bei der Handwerkskammer Koblenz vorfährt, fällt den Azubis sofort auf. Tom (19), Sascha (18), Anna-Michelle (20) und Maren (21) sind angehende Handwerker und Erstwähler. Von der Grünen-Politikerin wollen sie wissen, wie ihre syrischen Kollegen besser integriert werden können, was der Dieselskandal für das Handwerk bedeutet und was aus ihrer Rente wird.

    Was interessiert junge Menschen vor der Bundestagswahl? Katrin Göring-Eckardt von den Grünen stellte sich auf Einladung unserer Zeitung den Fragen von Erstwählern. Die Auszubildenden Tom Simon (19) aus Beulich (von links), Sascha Stobbe (18) aus Lahnstein, Anna-Michelle Haas (20) aus Bruttig-Fankel und Maren Hoffmann (21) aus Udenhausen bei Boppard stellten der Politikerin Fragen – unter anderem zum Dieselskandal und zur Rente. Foto: Jens Weber
    Was interessiert junge Menschen vor der Bundestagswahl? Katrin Göring-Eckardt von den Grünen stellte sich auf Einladung unserer Zeitung den Fragen von Erstwählern. Die Auszubildenden Tom Simon (19) aus Beulich (von links), Sascha Stobbe (18) aus Lahnstein, Anna-Michelle Haas (20) aus Bruttig-Fankel und Maren Hoffmann (21) aus Udenhausen bei Boppard stellten der Politikerin Fragen – unter anderem zum Dieselskandal und zur Rente.
    Foto: Jens Weber

    Welches Auto fahren Sie?

    Gar keins. Aber für meine Wahlkampftour habe ich ein Hybridauto, das fährt mit Strom und mit Benzin. Wir versuchen, möglichst viel elektrisch zu fahren. Das ist aber schwierig, weil ich gerade viel auf der Autobahn unterwegs bin und Hybridautos vor allem im Stadtverkehr sauber fahren. Leider gab es kein E-Auto, mit dem wir diese 14.000 Kilometer durch Deutschland in sechs Wochen hätten abreißen können. Das wollen wir ändern.

    Wie sollen Handwerker mit ihren Dieseltransportern zu den Kunden kommen, wenn bald Fahrverbote in Großstädten drohen?

    Das ist tatsächlich ein Problem. Und dass es überhaupt so gekommen ist, ist die Schuld von Verkehrsminister Dobrindt. Der Gesundheitsschutz steht bei ihm hintenan, deshalb haben die Gerichte ein Machtwort gesprochen. Technisch ist es machbar, dass auch Handwerker Elektroautos fahren können. Die Post geht da mit ihrem Elektroscooter mit gutem Beispiel voran. Und wir brauchen eine Blaue Plakette, die regelt, wer in die Stadt reinfahren darf und wer nicht. Bei der Blauen Plakette geht es nicht darum, dass nur Dieselautos verboten wird, in eine Stadt zu fahren. Es geht darum, wie viele Schadstoffe ein Auto ausstößt. Ich gehe übrigens davon aus, dass die Blaue Plakette nur eine Übergangslösung wird. Als Grüne fordern wir, dass ab 2030 in Deutschland nur noch Autos neu zugelassen werden, die emissionsfrei sind. Ob das Elektroautos sind oder Autos, die mit Wasserstoff fahren, ist egal.

    Ist das wirklich realistisch?

    Vor vielen Jahren, als es um die Einführung des Katalysators ging, hat die Autoindustrie gesagt, dass sie das niemals wird finanzieren können. Heute wissen wir: Kein Unternehmen ist wegen des Katalysators pleitegegangen. Deshalb glauben wir, dass man einfach ein Datum für den Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor setzen muss. Ich habe selbst sehr lange über dieses Datum 2030 nachgedacht. Aber von Woche zu Woche, von Skandal zu Skandal wird klarer, dass es nicht anders geht. Die Autoindustrie wird sich von allein nicht bewegen. Und wir reden da ja nur über Neuzulassungen. Bereits zugelassene Autos mit Verbrennungsmotor werden nach unseren Vorstellungen auch 2030 noch fahren dürfen.

    Viele Menschen haben Angst, dass sie ihre Autos, für die sie sehr viel Geld ausgegeben haben, bald nicht mehr überall fahren können.

    Einige meiner besten Freunde haben sich ein Dieselauto gekauft, in der Annahme, ein umweltfreundliches Fahrzeug zu erwerben. Und diese Leute sind jetzt betrogen worden. Als Erstes müssen diese Autos – auf Kosten der Autoindustrie – nachgerüstet werden. Die geplante Software-Lösung der Bundesregierung und Autokonzerne ist ein Witz. Die Bürger müssen auch die Möglichkeit bekommen, gemeinsam mit anderen Betroffenen vor Gericht zu ziehen. Was nicht geht: dass man einen Diesel gegen einen anderen Stinker tauscht, wie das die Autoindustrie derzeit mit ihrer Prämie versucht. Das ist ja ein schlechter Trick. Ein Umstieg hat nur Sinn, wenn das neue Auto auf der Straße deutlich weniger Schadstoffe ausstößt als vorher und alle Grenzwerte einhält.

    Experten sagen, dass noch nicht einmal Euro-5-Diesel gut nachrüstbar sind. Wäre eine Entschädigung wirtschaftlich vertretbar?

    Zunächst: Wir Politiker sind für die Interessen des Gemeinwohls zuständig und nicht für die technischen Probleme von Autobauern. Und ja, möglicherweise schlägt sich das auf die Gewinne der Konzerne und auch die Vorstandsgehälter nieder, aber die haben ja gerade auch dank bewusster Verbrauchertäuschung fett verdient. Aber die Zukunft der Mobilität ist sowieso emissionsfrei. Deswegen wird sich ein Umstieg am Ende lohnen. Wir sind ein Automobilland, und ich will, dass wir es bleiben und die Zukunft nicht wegen ein paar schief gewickelten Automanagern verspielen. In anderen Ländern ist die Umstellung bereits in vollem Gange. China produziert bereits günstige Elektroautos. Ich will nicht, dass es in deutschen Autostädten irgendwann aussieht wie in Detroit.

    Wie sollen die Leute Lust auf Elektroautos bekommen, wenn die Reichweiten derart gering sind? Daran hat auch die Kaufprämie der Bundesregierung in Höhe von 4000 Euro nichts geändert.

    Daran muss die Politik etwas ändern – hier hat die Große Koalition bislang versagt. Das eine sind die Infrastruktur und die Batterien. Die Hersteller sind schon ein ganzes Stück weitergekommen, was die Batterietechnik angeht, sodass die Reichweite größer sein kann. Die Ladeinfrastruktur aber ist Aufgabe der Politik. Sie muss flächendeckend und leicht zugänglich sein. Entscheidend für den Verbraucher ist vor allem auch der Preis. Elektroautos sind immer noch relativ teuer. Werden E-Autos in Masse produziert, wird der Preis sinken.

    Woher kommt der Strom für die E-Autos?

    Wichtige Frage, denn es nützt für das Klima nichts, wenn der Strom aus Atomkraft oder Kohlekraftwerken kommt. Der Strom muss aus erneuerbaren Energien kommen. Wir haben deshalb sehr genau gerechnet, ob das bis zum Jahr 2030 funktioniert: Ja, es geht, wenn wir jetzt vorangehen und nicht, wie die neue Landesregierung in NRW, wieder auf mehr Kohlestrom setzen und weniger auf Windkraft.

    Im Hunsrück stehen Windräder an jeder Ecke – aber viele stehen oft still ...

    Anders als ein Kohlekraftwerk kann man Windräder leicht an- und abstellen. Beim Kohlekraftwerk dauert das zwischen 48 Stunden und einer Woche. Wir haben in Deutschland noch Kohlekraftwerke aus den 60er-Jahren. Die 20 dreckigsten von diesen Braunkohle- oder Steinkohlewerken, die nur noch einen Wirkungsgrad von etwas mehr als 30 Prozent haben, wollen wir abschalten. Deswegen wird nicht das Licht in Deutschland ausgehen! Die Energiereserve ist da.

    Ein anderes Thema, das uns beschäftigt, ist die Rente. Ein Renteneintrittsalter von 67 ist für Handwerker mit ihrer körperlichen Belastung Schwachsinn. Politiker oder Lehrer können das machen, aber ein Handwerker klettert mit 67 Jahren nicht mehr aufs Dach …

    Stimmt. Handwerker haben ihre 40 Berufsjahre allerdings meist schon früher beendet als mit 67. Ich bin klar der Meinung, das Renteneintrittsalter muss flexibel sein, ohne Abschläge. Es gibt Berufe, in denen man nicht bis 67 arbeiten kann. Auch Pflegekräfte, die schwerste körperliche Arbeit leisten, gehören dazu. Den Menschen kann man nicht sagen, du arbeitest bitteschön bis 67, oder du bekommst noch weniger Rente. Grundsätzlich haben wir ein Rentensystem, das so nicht mehr funktionieren wird. Wir werden Altersarmut haben, besonders bei Frauen, die häufig unterbrochene Erwerbsbiografien haben.

    Deshalb muss es eine Rentenversicherung für alle geben. Wir nennen sie Bürgerversicherung. Wie fängt man an? Wir wollen einsteigen mit kleinen Selbstständigen, mit Abgeordneten aus Landtag und Bundestag, später dann mit den Beamten im öffentlichen Dienst. Am Ende müssen alle einzahlen und bekommen daraus später ihre eigene Altersversorgung. Für Leute, die wirklich arm sind, wollen wir eine Garantierente einführen – und die soll höher sein als die Sozialhilfe.

    Wie wollen Sie Ihre Bürgerversicherung letztlich umsetzen?

    Per Gesetz. Schrittweise. Das geht nicht auf einen Schlag.

    Dazu müssten Sie eine Regierungskoalition eingehen. Mit welcher Partei wäre das möglich?

    Darüber würden wir vermutlich mit allen potenziellen Partnern streiten. Mit der SPD wäre es vielleicht ein bisschen einfacher, dafür wäre mit ihr der Streit um den Kohleausstieg umso härter. Den hätten wir mit der Union auch, dazu noch einen Streit über Integration und den ökologischen Umbau der Wirtschaft.

    Über was streiten Sie mit der FDP?

    (lacht) Über fast alles. Das Wahlprogramm der FDP ist in vielen Punkten das komplette Gegenteil von uns – mehr Minijobs, mehr Leiharbeit, längere Arbeitszeit für alle, kein Klimaschutz. Wir sind an einem Scheideweg: Denn Klimaschutz ist eine Menschheitsfrage. Weitgehend einig sind wir uns lediglich bei der Wahrung bürgerlicher Freiheiten und dem Verhältnis vom Individuum zum Staat.

    In unseren Betrieben gibt es mehrere Flüchtlinge, die ihre Arbeit zwar sehr gut machen, aber kaum Deutsch lernen. Was könnte die Politik tun, damit Flüchtlinge besser in den Arbeitsalltag integriert werden?

    Das Einfachste und Beste ist tatsächlich, wenn eure Kollegen mit euch Deutsch lernen. Aber die Politik kann auch etwas tun: Sie muss endlich in Integration ordentlich investieren: in mehr Stellen für Lehrer und Erzieher und in mehr Ausbildungsmöglichkeiten. Deutschland muss sich jetzt richtig anstrengen. Es gibt zwei Wege, und für einen müssen wir uns entscheiden: Entweder investieren wir viel Geld, dann werden die Menschen auch in den Arbeitsprozess kommen und Steuern zahlen. Oder wir machen Integration so nebenbei und bekommen dann aber irgendwann eine Parallelgesellschaft.

    Wir haben einen Kollegen im Betrieb, der ein Schreiben bekommen hat, dass er abgeschoben wird. Wie kann sich denn ein Betrieb absichern, dass so etwas nicht passiert?

    Ich kenne den einzelnen Fall nicht. Grundsätzlich dürfen die Menschen ihre Ausbildung abschließen und danach noch mindestens ein Jahr lang arbeiten. Aber die Bundesregierung hat in Deutschland ja regelrecht nach Bevölkerungsgruppen gesucht, die man abschieben kann – einfach um ein Exempel zu statuieren. Die Leute aus dem Balkan haben hier längst Steuern gezahlt, die gehörten zu unserer Gesellschaft dazu. Diese Menschen hat man aus rein symbolischen Gründen abgeschoben. Wir brauchen dringend ein Einwanderungsgesetz!

    Die FDP fordert das schon seit den 1990er-Jahren.

    Ich erlebe ganz viele kleinere Unternehmen, die gern ausländische Fachkräfte einstellen würden, aber sich kein Büro in Vietnam oder anderen Ländern leisten können, um die richtigen zu finden. Deshalb wollen wir ein Punktesystem. Wenn sie genügend Kriterien erfüllen, können sie nach Deutschland kommen und hier auch ein Jahr lang nach einem Job suchen. Beim Vorschlag der FDP geht es um Eliten, die nach Deutschland kommen sollen. Für die muss man auch was tun. Aber wir wollen auch die kleineren Unternehmen nicht vergessen.

    Das Gespräch moderierten Nachrichtenchefin Birgit Pielen und Politikredakteur Stefan Hantzschmann

    Unsere "Bürger-Wahlzeit"

    Katrin Göring-Eckardt (51) stammt aus dem thüringischen Friedrichsroda. Die evangelische Christin studierte nach dem Abitur Theologie. Die Mutter hatte wegen ihres kirchlichen Engagements in der DDR noch kein Abitur machen dürfen.

    Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl 1986 war für Göring-Eckardt das zündende Ereignis, um sich politisch zu engagieren. Ab 1989 war sie Mitglied im „Demokratischen Aufbruch“. Bei Bündnis 90/Die Grünen fand die Mutter zweier Söhne nach der Wende ihre politische Heimat. Gemeinsam mit Anton Hofreiter führt sie die Grünen-Fraktion seit 2013 nach außen hin reibungsfrei. Dass mit Göring-Eckardt und Cem Özdemir ein Realo-Duo den Bundestagswahlkampf bestreitet, bedeutet auch, dass die Chancen auf eine Koalition mit der Union gestiegen sind.

    Die Interviewpartner von Katrin Göring-Eckardt stammen alle aus dem Handwerk: Maren Hoffmann lernt beim Ausbildungsbetrieb Nollen in Winningen den Beruf der Schreinerin. Die 21-Jährige lebt in Udenhausen bei Boppard und ist fasziniert davon, dass das allererste Auto 1881, das Tricycle, ein Elektromobil war. Erst das Jahr 1886 gilt als Geburtsstunde des Automobils mit Verbrennungsmotor.

    Sascha Stobbe wird beim Autohaus P&S mobilis in Neuhäusel zum Kfz-Mechatroniker ausgebildet. Der 18-Jährige aus Lahnstein interessiert sich auch sehr für die Entwicklung in der Elektromobilität.

    Anna-Michelle Haas hat ihre Leidenschaft für das Fahrzeuglackieren entdeckt und wird beim Karosseriebau Michels in Cochem ausgebildet. Beheimatet ist die 20-jährige junge Frau im Moselort Bruttig-Fankel. Im Betrieb arbeitet sie unter anderem mit Flüchtlingen zusammen, deshalb interessiert sie sich besonders für das Thema Integration.

    Tom Simon will Elektriker werden. Der 19-Jährige aus Beulich wird bei Elektro Künster in Koblenz ausgebildet. Er fragt sich, was drohende Fahrverbote in Städten für Handwerker bedeuten, die oft in Dieselautos unterwegs sind. pie

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