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Neuwied

Streit ums Neuwieder Tierheim eskaliert: Vereinsvorstand und Leitung in der Kritik

Christina Nover

Mobbing, verantwortungsloser Umgang mit Spendengeldern und Missmanagement: Die Vorwürfe, die ehemalige Tierheimmitarbeiter gegen den Vorstand des Neuwieder Tierschutzvereins öffentlich erheben, sind scharf. Handelt es sich nur um interne Vereinsquerelen oder haben die Probleme im Verein auch direkte Auswirkungen auf das Tierheim und die Tiere? Die RZ hat sich auf Spurensuche begeben und zeichnet die Entwicklung nach, die zur angespannten aktuellen Situation geführt haben.

Während Tierheimleiterin Petra Jäschke grübelt, bekommen ihre Schützlinge vom Ärger nichts mit.  Foto: C. Nover
Während Tierheimleiterin Petra Jäschke grübelt, bekommen ihre Schützlinge vom Ärger nichts mit.
Foto: C. Nover

Die verprellten Mitarbeiter

Wer öfters im Neuwieder Tierheim vorbeischaut, dem wird aufgefallen sein, dass es dort einige neue Gesichter gibt. Das hängt mit der Umstellung des Teams und Neueinstellungen zusammen. Einigen Mitarbeitern – wie der ehemaligen, langjährigen Leiterin Sabine Bertgen und ihrem Lebensgefährten Bernd Neugebauer – wurde gekündigt, andere haben im Laufe des Jahres selbst das Handtuch geworfen. Dazu gehört auch Bertgens Tochter Samantha, die noch bis Ende April im Tierheim arbeitete. Sie kündigte, weil sie sich schikaniert fühlte, sagte sie im RZ-Gespräch. Sie und andere Ex-Mitarbeiter betonen, dass zu der dauerhaft hohen Arbeitsbelastung zunehmend Probleme in der Zusammenarbeit mit dem Vereinsvorstand gekommen waren. Die Rede ist von „unsinnigen Arbeitsanweisungen“ und Entscheidungen im Umgang mit den Tieren, die sie nicht mittragen wollten.

Die lautstarke Facebookgruppe

Dass es im Neuwieder Tierschutz brodelt, ist schon seit Längerem bekannt. Auf der Facebookseite „Freunde, denen das Tierheim Neuwied am Herzen liegt“ machen ehemalige Mitarbeiter, unzufriedene Vereinsmitglieder und andere Beteiligte seit einiger Zeit ihrem Ärger lautstark und für jeden lesbar Luft. Dabei wird unter anderem auch die Qualifikation der neuen Tierheimleiterin Petra Jäschke infrage gestellt, die Ende 2017 den Posten von Sabine Bertgen übernommen hatte.

Die Kritik an der neuen Leiterin

Petra Jäschke ist seit 27. November für das Tierheim verantwortlich. Vorher war sie beim Eifelhof Frankenau (nahe Bonn) beschäftigt. Sie verließ den Gnadenhof allerdings noch in der Probezeit. Wie unsere Zeitung erfahren konnte, gab es im Nachgang Probleme mit der Rückgabe des Hauses, in dem Jäschke im Rahmen der Beschäftigung lebte. Nach Angaben von Barbara Töpfer, der Geschäftsführerin des Hofs, wurde das Haus schließlich in Anwesenheit eines Amtsveterinärs geöffnet, weil die Befürchtung bestand, dass dort Tiere zurückgelassen wurden. Auch wenn ins Netz gestellte Fotos dieser Aktion ein drastisches Bild vermitteln, ist das Veterinäramt nach RZ-Informationen im Nachhinein nicht gegen Jäschke vorgegangen. Töpfer hat jedoch einen Strafantrag wegen Sachbeschädigung gestellt. Jäschke selbst will die Anschuldigungen eigentlich nicht kommentieren. Sie erklärt auf Anfrage: „Mir liegt keine Anzeige vor.“ Was ihre Qualifikation betrifft, so weist sie auf ihre Prüfung beim Veterinäramt des Kreises und den Nachweis ihrer Sachkunde hin. Das Amt bestätigt auf Rückfrage, dass das Tierheim über eine gültige Erlaubnis nach dem Tierschutzgesetz verfügt und regelmäßig Kontrollen erfolgen.

Die wilde Mitgliederversammlung

In der jüngsten Mitgliederversammlung äußerte der stellvertretende Vorsitzende des Landesverbands vom Deutschen Tierschutzbund, Armin Radunz, Zweifel an der Authentizität der veröffentlichten Fotos und sprach sich für Jäschke aus. Im Verlauf der nach Angaben von Anwesenden „aufwühlenden Sitzung“ teilte der bisherige Erste Vorsitzende des Neuwieder Tierschutzvereins, der Apotheker Jürgen Brüggemann, seinen Rücktritt vom Amt mit. Auf RZ-Anfrage an den Vorstand wird dieser Schritt wie folgt kommentiert: „Der Grund ist die finanzielle Situation des Tierheims ... und in dem Hinblick seine eventuelle persönliche Haftung.“ Für die Nachwahl des Ersten Vorsitzenden wurde eine außerordentliche Mitgliederversammlung in den nächsten Wochen einberufen.

Die schwierige Kassenprüfung

Im Rahmen der Jahreshauptversammlung wurde auch der Vorstand für das Geschäftsjahr 2017 entlastet. Dies passierte mit 22 Jastimmen, einer Gegenstimme und 14 Enthaltungen. Wie dem Sitzungsprotokoll, das unserer Zeitung vorliegt, zu entnehmen ist, hatte die zweite Kassenprüferin des Vereins von einer Entlastung abgeraten. Sie hatte die Prüfung selbst nicht durchführen können und bemängelte, dass die Einsicht der Unterlagen nur im Hause der Zweiten Vorsitzenden und unter starkem Zeitdruck hätte erfolgen können. Sie stellte sich nicht wieder als Kassenprüferin zur Wahl.

Die kritische Finanzlage

Die finanzielle Situation des Tierheims ist seit Jahren kritisch. Mehrfach machte der Vorstand auf die Probleme aufmerksam und bat bei Stadt und Kreis um Unterstützung. Auf eine aktuelle Anfrage ließ die zweite Vorsitzende, Kerstin Esch, die RZ wissen: „Die finanzielle Lage des Tierheims Neuwied ist zur Zeit nicht gut, aber immer noch besser als in 2010, als der Vorstand das Tierheim damals übernommen hat.“ Esch erklärt, dass größere Erbschaften in den jüngsten Jahren ausgeblieben sind, womit sonst Finanzierungslücken ausgeglichen werden konnten.

Der teure Bau des Katzenhauses

Auch wenn beim Jahresergebnis 2017 ein positiver Betrag im niedrigen fünfstelligen Bereich zu verzeichnen ist, so gilt es für den Verein immer noch einen Kredit in Höhe von 150.000 Euro abzutragen. Dieser ist auf die hohen Kosten zurückzuführen, die dem Verein durch den Neubau des Katzen- und Kleintierhauses entstanden sind. Trotz Zuschüssen und Eigenleistungen musste der Verein laut Esch rund 260.000 Euro selbst aufbringen. Der Kritik aus den Reihen der Mitgliedern, dass der Bau wesentlich günstiger hätte durchgeführt werden können, entgegnet die Zweite Vorsitzende: „Hierbei wurden bauliche Vorgaben des bestehenden Gebäudes berücksichtigt und vom Architekten so kostengünstig wie nur irgend möglich geplant.“

Die Gerichtsprozesse

Der Tierschutzverein Neuwied ist wegen mehrerer Kündigungen im vergangenen Jahr in Verfahren am Arbeitsgericht Koblenz verstrickt. Dabei geht es insbesondere um die ehemalige Tierheimleiterin Sabine Bertgen und ihren Lebensgefährten Bernd Neugebauer. Sollten Bertgen und Neugebauer ihre Verfahren gewinnen, würde das teuer werden für den Tierschutzverein. Neben Lohnnachzahlungen stehen auch noch Zahlungsansprüche für nicht ausgeglichene Überstunden sowie nicht genommene Urlaubstage im Raum. Allein bei Bertgen geht es um einen Resturlaub von 131 Tagen aus den Jahren 2012 bis 2017. Ein weiterer Prozess, bei dem es um die im vergangenen Jahr durchgeführte Betriebsratswahl geht, ist bereits abgeschlossen. Hier erklärte das Arbeitsgericht die durchgeführte Wahl für unwirksam.

Der abtrünnige Tierarzt

Als hätte der Tierschutzverein Neuwied nicht schon genug Probleme, hat nun auch noch der Tierarzt, mit dem das Tierheim bisher zusammengearbeitet hat, seinen Vertrag zum 15. September gekündigt. Wie Dr. Björn Theise auf RZ-Anfrage mitteilt, habe die „Zusammenarbeit nicht mehr funktioniert“. Wobei er ausdrücklich betont, dass dies nichts mit den Mitarbeitern oder der Leitung zu tun hat.

Bringt das Veterinäramt noch Tiere im Tierheim unter?

Wie die RZ erfahren hat, bringt das Veterinäramt der Kreisverwaltung schon seit mehreren Monaten keine Tiere mehr im Tierheim unter. Landrat Achim Hallerbach bezeichnete diese Information auf Nachfrage als Unterstellung: „Wenn wir Tiere beschlagnahmen, bringen wir sie ins Tierheim“, so der Landrat wörtlich zur RZ. Vonseiten des Tierschutzvereins heißt es: „Zurzeit werden keine Sicherstellungen des Veterinäramtes Neuwied aufgenommen, weil wir bei jedem aufgenommenen sichergestellten Tier weitere finanzielle Einbußen hinnehmen müssten, da die uns entstehenden Kosten

nicht ausreichend übernommen werden.“ Im Jahr 2017 belief sich der Zuschuss des Kreises für das Tierheim auf 15.000 Euro. cno

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