Archivierter Artikel vom 26.06.2010, 09:01 Uhr

Wo die Selbstheilung der Natur an ihre Grenzen stößt

Es ist fast so, als hätte die Natur damit gerechnet, dass die Menschen einst anfangen werden, sie zu zerstören. Sie hat ihre eigenen Heilmechanismen, mit denen sie die Verschmutzung der Luft, der Erde und des Wassers zumindest teilweise beseitigt. Einfach gesagt: Wir machen den Dreck, hinter uns wird automatisch aufgeräumt.

Umwelt
Ein großer Teil des Öls, das nach dem Unglück der Exxon Valdez die Küste Alaskas verschmutzte, ist mittlerweile zersetzt.

Es ist fast so, als hätte die Natur damit gerechnet, dass die Menschen einst anfangen werden, sie zu zerstören. Sie hat ihre eigenen Heilmechanismen, mit denen sie die Verschmutzung der Luft, der Erde und des Wassers zumindest teilweise beseitigt. Einfach gesagt: Wir machen den Dreck, hinter uns wird automatisch aufgeräumt. So ist es zurzeit im Golf von Mexiko - noch während das Öl in den Ozean sprudelt, machen sich Mikroorganismen daran, es zu zersetzen. Und so war es nach dem Unglück der Exxon Valdez vor 21 Jahren.

Der Öltanker lief vor Alaska auf ein Riff und verlor 40 000 Tonnen Rohöl. 2000 Kilometer Küste wurden verschmutzt, Hunderttausende Vögel, Fische und Säugetiere verendeten. Heute ist zwar ein großer Teil des Öls auf natürlichem Wege abgebaut, aber einige Zehntausend Liter verdrecken noch immer die Küste im amerikanischen Norden. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass die Bedingungen für die Bakterien, die das Öl zersetzen, bei Kälte sehr schlecht sind. Im Fall Exxon kommt hinzu, dass das Öl in eine untere, sehr kompakte Bodenschicht eingedrungen ist, wo es kaum ausgewaschen werden kann.

„Die Umwelt hat sich nicht wieder erholt“, sagt deshalb Jörg Feddern, Ölexperte bei Greenpeace. Einige Arten sind noch immer dezimiert, darunter der Hering, der früher kommerziell befischt wurde. Feddern führt das auf eine Häufung von Krankheiten, Gen- und Fruchtbarkeitsschäden zurück.

Droht dem Golf von Mexiko nun auch eine jahrzehntelange schleichende Vergiftung? Wissenschaftler machen zunächst Mut: „Sobald der Einstrom neuen Öls gestoppt wird, könnte es etwa ein halbes Jahr dauern, bis die größte Menge des Öls zersetzt ist“, sagt Martin Wahl, der am Kieler Leibniz-Institut für Meereswissenschaften die Ökologie von Meeresbodengemeinschaften untersucht. Problematisch ist das Öl, das zum Meeresgrund sinkt: In der Tiefsee herrschen niedrige Temperaturen, was den Ölabbau wie in Alaska verlangsamen könnte. „Das größte Problem ist aber das anstrandende Öl“, sagt Carlo van Bernem, Meeresökologe am GKSS-Forschungszentrum Geesthacht. Es zerstört Korallen und verklebt die Luftwurzeln der Mangroven. Ein Teil des Öls wird aufgesogen, kann später wieder austreten und die Natur von Neuem verschmutzen.

Vergleichsweise schnell regeneriert sich die Tier- und Pflanzenwelt im Ozean. Ein Jahr nach der Katastrophe könnte der jetzt zerstörte Lebensraum wieder besiedelt werden, sagt Wahl - fügt aber hinzu: „Das System ist nicht sofort wieder in Ordnung, eine neue Gemeinschaft baut sich langsam auf.“ Solch ein radikaler „Neustart“ kann sogar von Vorteil sein: „Katastrophen gab es immer, sie erhalten die Diversität aufrecht.“ Bleibt ein Biosystem lange stabil, ist es tendenziell arm an Arten. Aber: Die Natur ist kaum zu Verschmutzungen solcher Größenordnung fähig wie der Mensch.

Von unserer Redakteurin Stephanie Mersmann