Archivierter Artikel vom 18.01.2011, 08:26 Uhr
Mendig

Vulkane sind aktiv – aber noch nicht bedrohlich

Die Katastrophe kommt in großen Bildern. Noch kräuselt sich der See wie bei schwerem Sturm, dann reißt der Grund mit Macht, Magma trifft auf das Seewasser und entlädt sich mit der fatalen Wucht mehrerer Wasserstoffbomben. Die 600 Grad heiße Wasserdampfwolke rollt über die Eifel und verbrennt alles, was ihr in den Weg kommt. Die Bilanz: rund sechs Millionen Fernsehzuschauer.

Vulkane sind aktiv – aber noch nicht bedrohlich
Für ein solches Naturschauspiel müssen die Rheinland-Pfälzer auch in Zukunft nach Italien fahren. Einen Vulkanausbruch – hier der Ätna in der vergangenen Woche – wird es in naher Zukunft in der Eifel wohl nicht geben.
Foto: dpa

Von unserem Redakteur Dietmar Telser

Mendig – Die Katastrophe kommt in großen Bildern. Noch kräuselt sich der See wie bei schwerem Sturm, dann reißt der Grund mit Macht, Magma trifft auf das Seewasser und entlädt sich mit der fatalen Wucht mehrerer Wasserstoffbomben. Die 600 Grad heiße Wasserdampfwolke rollt über die Eifel und verbrennt alles, was ihr in den Weg kommt. Die Bilanz: rund sechs Millionen Fernsehzuschauer.

Der RTL-Katastrophenfilm aus dem Jahr 2009 über einen fiktiven Vulkanausbruch in der Eifel hat eine Flut von widersprüchlichen Forscheraussagen über die tatsächlichen Risiken nach sich gezogen. Meist haben sie nur eines klargemacht – dass offenbar gar nichts klar ist.

Die Deutsche Vulkanologische Gesellschaft in Mendig hat auch deshalb ein knappes Dutzend Wissenschaftler aus unterschiedlichen Fachrichtungen zu einem Symposium zusammengetrommelt, um die Aussagen der Vergangenheit aufzuhellen. Einen Tag lang wurde referiert, die halbe Nacht offenbar noch eifrig diskutiert, ehe sich die Elefantenrunde zu einer gemeinsamen Erklärung durchringen konnte: Ja, es gibt grundsätzlich ein Gefährdungspotenzial einer Vulkaneruption in der Eifel. Und ja: Die Vulkanregion sollte durch ein Monitoring überwacht werden, die Risiken müssen analysiert werden.

Das klingt dramatischer, als es ist. Denn das, was Wissenschaftler als Gefährdungspotenzial beschreiben, deckt sich selten mit den Bildern, die dabei in den Köpfen von Laien entstehen. Und wenn Vulkanologen von der Zukunft sprechen, meinen sie meist Zeitperioden, die außerhalb der menschlichen Vorstellungskraft liegen. Einig sind sich die Wissenschaftler, dass vor rund 650 000 Jahren in der Eifel die ersten Vulkane ausbrachen. Die bisher jüngsten Ausbrüche wurden vor 12 900 Jahren am Laacher-See-Vulkan und vor 11 000 Jahren am Ulmener Maar registriert. Kaum Streit gibt es deshalb in der Wissenschaft auch darüber, dass es in der Eifel vulkanische Aktivität gibt. Vulkanfelder mit Eruptionen, die nach Ende der letzten Eiszeit erfolgt sind, gelten als aktiv. „Bei so großen Vulkanen wie am Laacher See kann man nicht ausschließen, dass sie wieder ausbrechen“, sagt Professor Hans-Ulrich Schmincke vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften an der Universität Kiel. Das ist eigentlich nichts Neues: Schmincke hat schon vor 40 Jahren die Meinung vertreten, dass Vulkane der Eifel nicht erloschen sind. Er sagt aber auch: „Wenn man von einer absehbaren Zeit spricht, halte ich einen Ausbruch für extrem unwahrscheinlich.“ Demnach gibt es auch keinen Grund, diese Gefahr beim Bau von Flughäfen oder Autobahnen zu berücksichtigen.

Was sich genau unter der Erdoberfläche abspielt, ist dennoch nur vage erforscht. Zahlreiche Forscher gehen davon aus, das sich dort sogenannte Plume befinden. Dieses Gestein mit geringer Dichte steigt durch Druckentlastung auf eine Höhe von bis zu 50 Kilometern unter der Erdoberfläche. Es ist dabei etwa 200 Grad heißer als die Umgebung. Darüber können Magmakammern entstehen – und die könnten wiederum durch die Erdoberfläche brechen. Tatsächlich wurde 1983 eine reduzierte seismische Wellengeschwindigkeit in geringer Tiefe festgestellt, die auf Schmelzen hindeutet. „Wir wissen aber nicht, wie die 50 Kilometer Gestein durchschritten werden können“, sagt Geophysiker Joachim Ritter von der Universität Karlsruhe.

Würde es Anzeichen dafür geben, hätte er es jedenfalls bestimmt bemerkt: Professor Klaus-Günter Hinzen von der Erdbebenstation Bensberg beobachtet die Eifel seit Jahren. „Aus seismologischer Sicht gibt es keine konkreten Indizien für einen gegenwärtigen Magmenauftritt in der Erdkruste“, sagt er. Dabei ist das Neuwieder Becken eine der Regionen in Deutschland mit der höchsten Aktivitätsrate von Mikrobeben. Von 1998 bis 2010 wurden rund 270 Erdbeben im Neuwieder Becken um Kruft gemessen. Richtig besorgniserregend sind für die Wissenschaftler die kleinen Erschütterungen nicht. Denn entscheidend sind Anomalien – und die wurden zumindest im vergangenen Jahr nicht festgestellt. Ungewöhnlich waren zuletzt zahlreiche kleinere Beben in der Westeifel. Schlaflose Nächte bereiten aber auch die den Forschern nicht. Deformationen an der Oberfläche, die entscheidende Hinweise für einen Ausbruch sein können, wurden nicht beobachtet.

Unterstrichen wird von allen Forschern des Symposiums: Von heute auf morgen bricht kein Vulkan aus. Auch die Eruption des Laacher-See-Vulkans vor 12 900 Jahren wäre mit den heutigen wissenschaftlichen Kenntnissen nicht überraschend gekommen. Bereits Jahrzehnte zuvor hätten Hebungen und Bodenunruhen festgestellt werden können, sagt Schmincke. Entweichende Gase als Vorboten wären vielleicht sogar schon Jahrhunderte vorher aufgefallen. Auch der Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull im vergangenen Jahr hat sich nach Ansicht des Wissenschaftlers bereits vor mehr als 13 Jahren angekündigt.

Deshalb drängen die Forscher auch auf eine stärkere Überwachung der Region. „Für eine flächendeckende Lokalisierung sind mehr Stationen erforderlich“, sagt Hinzen von der Bebenstation. „Vulkaneruptionen sind vorhersehbar“, meint auch Dr. Thomas Walter vom Geoforschungszentrum Potsdam, „vorausgesetzt, die Vulkane werden über einen längeren Zeitraum überwacht.“ Walters Team beobachtet etwa mithilfe der sogenannten Radar-Interferometrie – einem satellitengesteuerten Messsystem – vulkanisch aktive Regionen. So wurden etwa starke Aufwölbungen in den Phlegräischen Feldern beim Vesuv festgestellt. Eine Machbarkeitsstudie für die Eifel hat ergeben, dass die „Methodik auch hier funktioniert“. Dies könnte schließlich Grundlage für die Entwicklung von Risikoanalysen sein, sagt Dr. Friedrich Wenzel vom Karlsruher Institute of Technology. So werden etwa in den USA Vulkanfelder kategorisiert und Notfallpläne entwickelt. Für die Eifel ist allerdings auch dies noch Zukunftsvision.