Archivierter Artikel vom 22.07.2010, 13:38 Uhr
Rheinland-Pfalz

Unesco-Welterbekomitee tagt ab Montag: Kommt Ja zur Brücke aus Brasilien?

Der Mittelrhein blickt nächste Woche gespannt nach Brasilien: Wird das Welterbekomitee der Unesco auf seiner Jahrestagung über die geplante Rheinbrücke bei St. Goarshausen entscheiden?

Organisch und geschwungen: Das irische Büro „Heneghan Peng Architects“  hatte im April 2009 den Architektenwettbewerb für die Mittelrheinrücke  gewonnen.
Organisch und geschwungen: Das irische Büro „Heneghan Peng Architects“ hatte im April 2009 den Architektenwettbewerb für die Mittelrheinrücke gewonnen.

Rheinland-Pfalz – Der Mittelrhein blickt nächste Woche gespannt nach Brasilien: Wird das Welterbekomitee der Unesco auf seiner Jahrestagung über die geplante Rheinbrücke bei St. Goarshausen entscheiden?

Von unserer Redakteurin Claudia Renner

Diesmal geht die Landesregierung diskret zu Werke. Kein lauter Schlagabtausch um die lange geplante Brücke am Mittelrhein soll die Chancen mindern, dass das Welterbekomitee der Unesco bei seiner Jahrestagung vom 25. Juli bis 3. August in Brasilia dem Vorhaben grünes Licht gibt. Es ist der dritte Anlauf.

Schon zweimal seit 2008 hat das international besetzte Gremium nicht Nein, aber auch nicht endgültig Ja gesagt. Das Land musste jeweils zur nächsten Sitzung weitere Gutachten einreichen. Die Landesregierung hatte schon früh erklärt: Eine mit 40 Millionen Euro veranschlagte Brücke kommt nur, wenn dadurch der 2002 verliehene Weltkulturerbe-Titel für das „Obere Mittelrheintal“ nicht gefährdet wird. Ansonsten gilt ein Tunnel für rund 70 Millionen Euro als Alternative.

Doch eine endgültige Entscheidung ist nach Einschätzung der Unesco-Kommission auch diesmal nicht sicher. Ziemlich sicher seien dagegen neue Hausaufgaben fürs Land: Bis Februar 2011 soll ein „Masterplan“ zu Erhalt und Entwicklung des Welterbes zwischen Bingen und Koblenz vorliegen, der dann der nächsten Komitee-Runde im Sommer 2011 zur Verfügung steht. So sieht es die Empfehlung vom Welterbe-Zentrum vor, bestätigt der Sprecher der deutschen Unesco-Kommission, Dieter Offenhäußer.

Für die regionale Wirtschaft dauert das alles sehr lange. Das Mittelrheintal verliert seit Jahren stetig Einwohner und Wirtschaftskraft. Eine feste Querung innerhalb der 80 brückenlosen Stromkilometer zwischen Koblenz und Mainz soll Betriebe, Kunden und Geschäftspartner schneller verbinden. „Die gesamte Region braucht die Brücke“, sagt Hans-Jürgen Podzun, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Koblenz. „Sie würde die Verkehrsstruktur erheblich verbessern, die Arbeitnehmer mobiler machen, den Austausch von Waren und Dienstleistungen fördern und den Tourismus stärken.“ Vier Fünftel der IHK-Mitgliedsunternehmen im linksrheinischen Rhein-Hunsrück-Kreis und dem Rhein-Lahn-Kreis rechts des Stroms sind von den positiven Auswirkungen einer Brücke überzeugt. Ein Beispiel ist der Industrie-Automatenspezialist Hahn in Rheinböllen. Von seinen 200 Beschäftigten wohnen nur drei auf der rechten Rheinseite: „Wir würden gern Menschen aus der Region einstellen, aber wir müssen mittlerweile Stellenanzeigen in der Westpfalz schalten“, so Eigentümer Thomas Hähn. Wenn bei Hoch- oder Niedrigwasser die Fähren still liegen, fallen die „Rechtsrheiner“ aus oder müssen Umwege fahren.

Bei den vom Welterbe-Komitee verlangten Gutachten ist Verkehrsminister Hendrik Hering (SPD) ein Coup gelungen: Professor Kunibert Wachten vom Aachener Institut für Städtebau und Landesplanung, dessen Studie über die „Waldschlösschenbrücke“ 2009 zur Aberkennung des Welterbe-Status für das Dresdner Elbtal führte, hat eine von der Loreley aus unsichtbare Brücke zwischen St. Goar-Fellen und St. Goarshausen-Wellmich für Welterbe-verträglich erklärt – in optischer Hinsicht. Ein Verkehrsgutachten kommt zudem zu der Aussage, dass ein Ausbau der Fähren am Mittelrhein auf Dauer doppelt so teuer wäre wie eine Brücke.

In Brasilia liegt aber auch die ablehnende Stellungnahmen von Icomos auf dem Tisch. Der Weltverband der Denkmalpflege, der die Unesco berät, bleibt dabei: „Ich halte die Brücke nach wie vor für unnötig“, sagt der Präsident von Icomos Deutschland, Michael Petzet. Die Gutachten sieht er kritisch. So werde die Brücke meist als eleganter Schwung von oben dargestellt und dabei vernachlässigt, dass Auffahrten und Brückenpfeiler bei den Verkehrsteilnehmern im Tal wuchtiger wirken. Die Verkehrsstudie gehe von der falschen Annahme aus, dass alle 20 bis 30 Jahre ein neues Fährschiff gekauft werden muss. Icomos habe „mit Freude festgestellt, dass eines noch mit 100 Jahren im Dienst ist“.

Im Land warnt ein Netzwerk von Brückenkritikern vor einer Existenzgefährdung für die vier Fähren am Mittelrhein. Der ökologisch orientierte Verkehrsclub VCD rechnet mit einer Verdoppelung von Pkw-Verkehr und Abgasausstoß, wenn Fährennutzer aus Boppard oder Oberwesel Umwege zur Brücke fahren müssen. Die Naturschutzorganisation BUND warnt vor „erheblichen Naturschutzproblemen“ wegen der „sehr sensiblen Biotope“. Eveline Lemke, Landesvorsitzende der Grünen, vermisst einen Managementplan für das Kulturerbe und fordert das Land auf, einen 24-Stunden-Fährbetrieb zu testen. Alle haben ihre Bedenken schriftlich an die Welterbe-Kommission gesandt.

Trotzdem „vorsichtig optimistisch“ zeigt sich der überzeugte Brücken-Anhänger und stellvertretende Vorsteher des Welterbe-Zweckverbandes Bertram Fleck. Der Landrat des Rhein-Hunsrück-Kreises wird als Beobachter in Brasilia dabei sein.