Archivierter Artikel vom 29.10.2013, 07:03 Uhr

Studie: Vorlesen macht schlau

In einem Drittel der Familien in Deutschland wachsen Kinder ohne allabendliche Gute-Nacht- Geschichte auf, die Papa oder Mama vorlesen. Die Stiftung Lesen, die das Vorleseverhalten der Eltern seit 2007 jährlich untersucht, kommt zu dem Schluss, dass noch immer zu wenige von ihnen sich die Zeit nehmen, mit ihren Kindern gemeinsam zu schmökern.

Von Rena Lehmann

Ihre aktuelle Studie zeigt jedoch auch positive Trends: Eltern aus eher bildungsfernen Schichten greifen heute deutlich häufiger zum Buch oder PC und lesen dem Nachwuchs vor als noch vor sechs Jahren. Und der Anteil der vorlesenden Väter hat demnach immerhin leicht zugenommen. Den guten Einfluss auf die Bildungschancen von Kindern werden Wissenschaftler wie Pädagogen seit Jahren nicht müde zu betonen.

„Eltern, die vorlesen, investieren nachhaltig in die Bildungschancen ihrer Kinder“, wirbt deshalb die Mainzer Stiftung Lesen. Deren Medienforscherin Simone C. Ehmig sagt: „Jugendliche, denen vorgelesen wurde, haben bessere Noten in der Schule. Besonders dann, wenn ihnen täglich vorgelesen wurde.“ Immerhin 70 Prozent der Eltern lesen ihren Kindern täglich oder zumindest mehrmals in der Woche etwas vor.

„Vorlesen ist ganz wichtig für die Entwicklung des Wortschatzes, der Fantasie und des Wissens. Kinder können ja – wie Erwachsene auch – nicht zu allen Bereichen des Lebens unmittelbar einen Zugang haben“, erklärt Ehmig. Beim Vergleich des Vorlese- Verhaltens der Eltern tut sich eine Schere auf, wie man sie aus anderen Bildungsstudien in Deutschland kennt: Während unter gebildeten Eltern, deren Aufmerksamkeit stark um den Bildungserfolg ihrer Kinder kreist, 49 Prozent ihren Kindern mehrmals in der Woche vorlesen, sind es unter den Eltern mit niedriger Bildung nur 34 Prozent.

21 Prozent der Eltern mit niedrigem Bildungsabschluss lesen ihren Kindern täglich vor, unter den Eltern mit hoher Bildung tun dies 28 Prozent. Der Abstand ist zwar noch erheblich, die eher bildungsfernen Eltern konnten aber aufholen. Insgesamt wird heute mehr vorgelesen als im Jahr 2007: Während damals nur 82 Prozent aller Eltern mit Kindern im wichtigen Vorschulalter zwischen drei und fünf Jahren ihren Kindern mindestens einmal in der Woche etwas vorgelesen haben, sind es 2018 schon 88 Prozent der Eltern.

Unter den Eltern mit niedrigem Bildungsabschluss ist der Unterschied allerdings viel deutlicher. 67 Prozent von ihnen haben 2007 regelmäßig für ihre Kinder zum Buch gegriffen. Heute sind es mit 81 Prozent viel mehr Eltern, die sich für regelmäßiges Vorlesen entscheiden. Bei der Stiftung Lesen, die zusammen mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ und der Deutschen Bahn den jährlichen Vorlesetag veranstaltet (in diesem Jahr findet er am 15. November statt), ist man davon überzeugt, dass aktives Werben fürs Vorlesen die Eltern beeinflusst hat.

Bei Kinderärzten und in Schulen und Kitas etwa kommen bundesweit sogenannte Starter-Sets mit Anleitungen und Vorlesebüchern zum Einsatz. Jörg F. Maas, Hauptgeschäftsführer der Stiftung Lesen, geht außerdem davon aus, dass die Bedeutung des Lesens inzwischen stärker anerkannt ist. Auch in der Politik gebe es eine gewachsene Sensibilität für die Leseförderung.

Zur Wahrheit der Studie gehört allerdings auch, dass 30 Prozent der Kinder gegenüber ihren Altersgenossen deutliche Nachteile erfahren, weil ihnen gar nicht vorgelesen wird. Ob ein Kind später selbst gern liest, hängt wesentlich davon ab, ob es in seinem Zuhause auf lesende Vorbilder trifft. Nur 46 Prozent der Eltern lesen selbst täglich oder mehrmals die Woche ein Buch, 49 Prozent studieren regelmäßig eine Tageszeitung, 61 Prozent lesen Zeitschriften.

Der Anteil der Eltern, die in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einmal eine öffentliche Bibliothek besucht haben, liegt bei 33 Prozent. Mit Sorge beobachten die Leseforscher, dass Väter nach wie vor deutlich seltener zum Buch greifen, um ihrem Nachwuchs eine Geschichte vorzulesen. Während 29 Prozent der Mütter dies täglich tun, sind es bei den Vätern nur 9 Prozent.

Etwas geringer fällt der Unterschied im wöchentlichen Vergleich aus: Immerhin 36 Prozent der Väter lesen mehrmals in der Woche vor, die Mütter sind aber auch hier mit 38 Prozent stärker vertreten. Selbst die berufstätigen Mütter schaffen es mit 19 Prozent noch deutlich häufiger, ihren Kindern täglich vorzulesen, als die Väter mit 9 Prozent. Bei der Stiftung Lesen sieht man dafür nach wie vor eine traditionelle Rollenaufteilung als Ursache.

Mütter kümmerten sich immer noch stärker um die Erziehung der Kinder. Immerhin haben sich die Väter aber schon etwas gebessert. Während 2007 nur 69 Prozent von ihnen mindestens einmal die Woche vorlasen, sind es 2013 schon 82 Prozent. Insgesamt hat das Lesen in den Familien einen höheren Stellenwert. Die Forscher hoffen auch auf neue Medien, damit das so bleibt. So hat etwa der Tablet-PC bei bildungsfernen Familien eher dazu geführt, dass Eltern ihren Kindern häufiger vorlesen.