Archivierter Artikel vom 29.10.2013, 07:06 Uhr

RZ-Kommentar: Kinder ohne Vorleser sind mehrfach benachteiligt

Von der neuen Vorlesestudie geht ein ermutigendes Signal für die Bildung aus. In Familien in Deutschland wird immer häufiger vorgelesen. Und wichtiger noch: Auch Eltern, die in Studien gern als „bildungsfern“ bezeichnet werden, greifen allabendlich deutlich häufiger zum Buch, um dem Nachwuchs eine Geschichte vorzulesen, als noch vor einigen Jahren.

Rena Lehmann zur Vorlese-Studie

Damit allerdings kann sich noch niemand zufriedengeben. Denn trotzdem bleibt auch eine andere Zahl wahr: In jeder dritten Familie in Deutschland wird überhaupt nie vorgelesen. Wem selbst als Kind von Vater oder Mutter vorgelesen wurde, der wird wissen, wie prägend diese ersten Erfahrungen mit Büchern und Geschichten gewesen sind. Oft überdauern die Erinnerungen an die Lieblingsgeschichten der Kindheit ein ganzes Leben.

Sie sind die Inititalzündung für das spätere Leseverhalten als Kind, als Jugendlicher und schließlich auch noch als Erwachsener. Das Vorlesen eröffnet dem Kind die ganze Welt der Literatur und beflügelt seinen Erkenntnisdrang, den Willen, selbst lesen zu können. Nicht zuletzt lässt das Vorlesen eine innige Bindung zwischen Eltern und Kind entstehen. Wer in seiner Kindheit konsequent darauf verzichten musste, ist gegenüber seinen Altersgenossen also gleich mehrfach im Nachteil.

Keinem Kind sollte gänzlich diese wertvolle Erfahrung versagt bleiben. Die Erfahrungen der Stiftung Lesen und ihrer Partner, die sich aktiv um Eltern als Vorleser bemühen, zielen in die richtige Richtung. Wenn Eltern beim Kinderarzt, in der Kita und der Schule dazu ermuntert werden können, dem Nachwuchs vorzulesen, sollte diese Chance auch ergriffen werden.

Allerdings darf auch die Politik nicht untätig sein. Das Ergebnis der Vorlesestudie bestätigt nämlich auch eine inzwischen zur Gewissheit gewordene Vermutung über das deutsche Bildungssystem: Während die von zu Hause aus gut geförderten Kinder immer besser werden, fällt ein großer Anteil von Bildungsverlierern weiter zurück. Kita, Schule und Co. sind heute noch nicht in der Lage, diese Nachteile auszugleichen, auch nicht beim Vorlesen.