Archivierter Artikel vom 29.10.2013, 07:08 Uhr
Berlin

Expertin: Kinder nicht unterfordern

Kinder, denen nicht vorgelesen wird, können auch später noch auf den Geschmack kommen, meint die Mainzer Forscherin Simone C. Ehmig im Interview mit unserer Zeitung:

Kinder entwickeln sich besser, wenn ihnen vorgelesen wird. Was ist, wenn Eltern das verpasst haben – ist dann der Zug abgefahren?

Es ist natürlich nicht zu spät für ein Kind oder einen Jugendlichen, auch später noch einen Zugang zur Bildung zu bekommen. Aber alles, was wir aus der Entwicklungspsychologie und unseren Studien wissen, zeigt: Je früher man anfängt, desto früher kann man die Weichen stellen. Ohne dass es gleich pädagogisch wird, können Kinder spielerisch und atmosphärisch einen Zugang zur Bildung finden. Deshalb ist es wichtig, dass Kinder von klein auf lesende Eltern erleben und dass ihnen so früh wie möglich vorgelesen wird.

Wie kommt es zu den positiven Effekten? Ist es das Wissen, oder entwickelt sich das Gehirn besser?

Das Wissen ist die eine Seite. Der Zugang zu Sprache und einem Verständnis auch komplexer Sprache ist ein zweiter Punkt. Drittens ist es so, dass das Gehirn von klein auf dazu motiviert wird, sich Dinge vorzustellen und komplex zu denken. Unter anderem durch diese Vorstellungskraft entwickeln sich Kinder besser. Das hängt auch mit der Sprache zusammen. Kinder, mit denen Eltern wenig sprechen, entwickeln sich nicht so gut – obwohl sie vielleicht genauso intelligent sind und das gleiche Potenzial haben.

Kommt es darauf an, was man Kindern vorliest?

Zunächst ist das gut, was den Kindern gut gefällt. Die Interessen der Kinder sind wichtig. Woran haben die Kinder Spaß? Nach welchen Themen fragen sie? Welche Themen sind vielleicht gerade in der Familie aufgekommen? Da gibt es im Grunde keine Beschränkung.

Aber es sollte altersgerecht sein?

Genau. Es sollte nicht zu schwierig sein, aber die Kinder auch nicht unterfordern. Der Gedanke sollte auch nicht sein: Ich muss mein Kind jetzt mit dem Vorlesen in besonderer Weise antreiben. Es sollte das Kind aber auch herausfordern, sodass es nachfragt und Interesse entwickelt. Das ist eine ganz individuelle Sache. Für ein Kind kann ein Buch eines bestimmten Themas, für das es sich sehr interessiert, geeignet sein, das für ein anderes Kind erst später passt.

Und wenn Kinder lesen können, war's das mit dem Vorlesen?

Nein, es sollte immer einen Übergang geben, in dem Eltern erst mal weiter vorlesen. Viele Eltern glauben, sie müssten aufhören vorzulesen, weil das Kind das nun selbst kann. Aber das Vorlesen führt sicherlich nicht dazu, dass die Kinder selbst nicht mehr lesen. Weiter vorzulesen, bewahrt Kinder vor dem Frust, plötzlich selbst lesen zu müssen, es aber noch nicht gut genug zu können.

Lesen wir durch die digitalen Medien mehr als früher?

Durch die digitalen Medien lesen Menschen wahrscheinlich heute so viel wie noch nie in der Geschichte. Wir nutzen digitale Medien überwiegend lesend. Anders lesend zwar, mit anderen Funktionen und anderen Textgattungen, aber wir lesen. Und das ist sicherlich ein guter Anknüpfungspunkt, wenn man das Lesen fördert. Hier kann Interesse geweckt werden, noch mehr zu lesen.

Welche Rolle spielen Tablets?

Es gibt für Tablets zum Vorlesen spezielle Angebote wie Vorlese- Apps, Kinderbuch-Apps und Bilderbücher. Das hat den Vorteil, dass Eltern ganz viele solcher Bücher auf das Gerät laden und mitnehmen können, wenn sie auf Reisen sind oder im Wartezimmer sitzen. Zudem gibt es interaktive Elemente, die Themen vertiefen oder auflockern können.

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