Archivierter Artikel vom 07.04.2013, 08:30 Uhr

RZ-Serie Unser Fleisch, Teil 6 – Bio, heimisch und frisch auf den Tisch

Der Wind pfeift ihm an der flatternden Hose entlang. Josef Mayer lässt an solchen Tagen einfach die mit Kunstfell gefütterten Klappen seiner Mütze über die Ohren fallen. „Es wird Zeit, dass alles wieder grün wird“, sagt der Landwirt knapp. Seine Kühe sehen im offenen Stall eigentlich ganz glücklich aus, aber sie sollen nach mehr als fünf Monaten karger Winterzeit wieder raus auf die Weide.

Glückliche Kühe. Die gibt's doch heute eigentlich gar nicht mehr – außer in der Werbung.
Oder doch? Beweist die ökologische Landwirtschaft in Zeiten der Lebensmittelskandale so
richtig ihre Qualitäten? Ein Besuch in der Nische.
Glückliche Kühe. Die gibt's doch heute eigentlich gar nicht mehr – außer in der Werbung. Oder doch? Beweist die ökologische Landwirtschaft in Zeiten der Lebensmittelskandale so richtig ihre Qualitäten? Ein Besuch in der Nische.
Foto: Werner Dupius

Die Mutterkühe hören dem Chef des Biolandhofs Sehnenmühle kauend zu. Sie stehen futternd im Stroh des Freigatters und schauen in die Hunsrücker Landschaft. Sieben Kilometer sind es nur bis zur Autobahn 61, dort verläuft die Spur des internationalen Agrarhandels. Rheinland-Pfalz ist ein Land des Fleischimports, die regionale Landwirtschaft ist insgesamt extrem rückläufig, in den vergangenen gut zehn Jahren hat sich die Zahl der Vieh haltenden Betriebe etwa halbiert.

Teil sechs unserer Serie Der Fleischskandal sorgt auch für Debatten, woher unsere Lebensmittel kommen. Immer mehr Verbraucher setzen auf Bioprodukte.
Teil sechs unserer Serie Der Fleischskandal sorgt auch für Debatten, woher unsere Lebensmittel kommen. Immer mehr Verbraucher setzen auf Bioprodukte.

Von der Sehnenmühle sind es nur ein paar Meter bis zur Autobahn, über Felder und durch ein Waldstück. Aber die Agrarindustrie ist hier weit weg. Im zugigen Tal im Rhein-Hunsrück-Kreis zwischen den kleinen Ortschaften Budenbach, Kisselbach, Riegenroth und Steinbach treiben Schneeflocken übers bräunlich-grüne Feld. Vom Frühling ist hier genauso wenig zu sehen wie von einer Fleischproduktion aus Massentierhaltung.

350 Hühner leben auf der Sehnenmühle. Sie legen gemäß dem Sprichwort wirklich fast jeden Tag ein Ei – und werden bis zu eineinhalb Jahre alt.
350 Hühner leben auf der Sehnenmühle. Sie legen gemäß dem Sprichwort wirklich fast jeden Tag ein Ei – und werden bis zu eineinhalb Jahre alt.
Foto: Werner Dupius

Ökologische Landwirtschaft liegt im Land im Trend

„Es wird Zeit, dass es wärmer wird“, sagt Josef Mayer. Die Arbeit staut sich. Draußen neben dem Kuhstall und der kleinen Scheune für die Schweine liegt Basaltmehl, das auf den Bauer wartet. Mayer mischt das Gestein aus der Vulkaneifel seit Jahren im Frühjahr mit Mist und fährt es aufs Feld. Der Boden wird davon lockerer, sagt der Biolandwirt. Es gibt eben viele Methoden, abseits der konventionellen Landwirtschaft erfolgreich zu arbeiten. Ohne Spritzen, ohne Chemie-Dünger, aber mit viel Freude.

Die Landwirtschaft insgesamt ist rückläufig, aber in Rheinland-Pfalz haben viele Betriebe in den vergangenen Jahren in den Biolandbau gewechselt. Das Landwirtschaftsministerium spricht von einem richtigen Trend zur Umstellung auf den ökologischen Landbau. Seit Jahren steigt die Zahl der Landwirte – und auch der Winzer – in Rheinland-Pfalz, die ihren Betrieb auf ökologische Bewirtschaftung umstellen. Die Statistik wies in Rheinland-Pfalz 2001 noch 485 Betriebe mit 15 136 Hektar aus, zehn Jahre danach hatte sich die Zahl der Betriebe etwa verdoppelt und die Flächengröße beinahe verdreifacht: 2011 gab es laut Ministerium 974 Betriebe mit einer ökologisch bewirtschafteten Fläche von 40 450 Hektar. 1992 befasste sich die Hunsrücker Familie Mayer erstmals intensiv mit dem Biolandbau. Naja, zumindest ein Teil der Mayers.

„Ich habe damals zu meinem Mann gesagt: Lass uns Bio machen“, erinnert sich Ehefrau Heike. Für die heute 46-Jährige war es nicht nur ein Spruch. Nach ihrer Ausbildung auf einem staatlichen Volksgut in der DDR hat die gebürtige Sächsin in Dresden Ackerbau studiert. „In meiner Ausbildung gehörte auch das Melken von Hand noch zum Programm“, erinnert sie sich lachend. Aber bevor sie nach der Wende auf den Hunsrück kam, lernte sie auch die industrielle Landwirtschaft kennen. „Ich habe eine Zuchtanlage mit 7000 Schweinen geleitet“, sagt sie.

Heute ist es nur noch eine verblassende Erinnerung, die Massentierhaltung ist für Heike Mayer weit weg angesichts eines Betriebes mit rund 30 Mutterkühen, Mastbullen, 30 Schweinen, 350 Hühnern, 100 Hektar Ackerfläche, 50 Hektar Grünland und einem Hofladen mit Lieferservice. Heute stehen die Mayers für einen der zahlreicher werdenden Biobetriebe im Land. Als seine Frau 1992 das Thema Bio auf den Tisch warf, schob es Josef Mayer erst einmal beiseite.

Der Landwirtschaftsmeister brauchte noch Zeit, um in Bio eine Chance zu sehen. Er nahm zwar schon frühzeitig an dem 1993 in Rheinland-Pfalz etablierten Förderprogramm Umweltschonende Landwirtschaft (FUL) teil, das Maßnahmen wie die Ökostilllegung auf Ackerflächen beinhaltete. Mayer setzte so schon als junger Bauer auf ein nachhaltigeres Arbeiten. Aber er blieb Teil der konventionellen Landwirtschaft. „Da muss sich der Bauer keine Gedanken machen, wann welche Frucht am besten ausgebracht werden kann, wann die Reife einsetzt und welche Methoden es gegen Unkraut gibt“, sagt Mayer heute, „da kommt im Februar eine Spritzempfehlung, und daran hält man sich dann.“

Er hat jahrelang nach solchen industriellen Empfehlungen gearbeitet. Allein beim Thema Dünger scheiden sich zwischen konventionellen Landwirten und Biobauern die Geister. Etwa um das Jahr 1840 hat der Chemiker Justus von Liebig nachgewiesen, dass Stickstoff, Phosphate und Kalium eine wachstumsfördernde Wirkung haben. Es war eine Entdeckung, die neue Möglichkeiten eröffnete: Nachdem zuvor Asche oder auch Kalk auf die Äcker ausgebracht worden war, um den Boden zu verbessern, erhielt die Frage der optimalen Düngung nun ein neues Gewicht. Stickstoff wurde zunächst in Form von nährstoffreichen Nitraten ausgebracht, die aus Guano – also der Ausscheidung von Seevögeln – gewonnen wurden.

Doch schon bald wurde ein chemisches Verfahren gefunden, mit dessen Hilfe die industrielle Herstellung von künstlichem Stickstoff-Dünger möglich wurde. Seit dem Zweiten Weltkrieg werden verschiedene Formen von nicht organischem Dünger in der Landwirtschaft eingesetzt. Kritiker sagen, dasszu hoher Düngemittel-Einsatz unter anderem das Grund- und Oberflächenwasser belasten kann. „Pro Kilo Stickstoff braucht man in der Herstellung aber auch einen Liter Öl als Basis“, sagt Josef Mayer. „Unsere konventionelle Landwirtschaft ist auf Ressourcen aufgebaut, die endlich sind“, ergänzt seine Frau. Als Biobauern, die nach den Richtlinien des Anbauverbands Bioland arbeiten, ist chemischer Dünger bei den Mayers tabu. Neben dem Einsatz von organischem Dünger wird auf der Sehnenmühle auf einigen Flächen auch Kleegras angepflanzt, da dies den Stickstoffgehalt im Boden zusätzlich erhöht. „Auf Kleegras folgt dann Weizen im Anbau“, sagt Josef Mayer. Es sind viele Erfahrungswerte, die er in den vergangenen Jahren gesammelt hat. Er baut als Biolandwirt heute viel mehr Sorten an als früher.

Ein Versuchsfeld für den kompletten Umstieg

Der steigende Einsatz von Düngeund Spritzmitteln im konventionellen Anbau war ein Grund, weshalb sich Josef Mayer vor gut zehn Jahren dazu entschied, ein erstes Versuchsfeld für Bio anzulegen. Nur für sich selbst. Um einmal zu testen, was biologischer Landbau überhaupt bedeutet. Wenn er heute davon erzählt, klingt heraus, dass er sich damals einfach noch nicht getraut hat, den konsequenten Weg zu gehen, der seiner Frau vorschwebte: komplett auszusteigen aus der konventionellen Landwirtschaft.

Auf seinem Versuchsfeld brachte Mayer organischen Dünger aus, eine Mischung aus Mist und sogenannten effektiven Mikroorganismen, die in der Landwirtschaft unter dem Kürzel EM ein Begriff sind. 80 verschiedene Mikrobenstämme, die teils auf Milchsäurebasis, Hefen, Pilzen oder auch auf Fotosynthese beruhen, bilden diese EM.

„Ich habe schnell festgestellt, dass der Boden durch den mit EM behandelten Mist viel lockerer wurde und es viel mehr Regenwürmer gab“, sagt Josef Mayer. „Der Boden ist einfach nicht so verdichtet wie im konventionellen Bereich.“ Die Gründe für eine Umstellung auf Biolandwirtschaft sind allerdings nicht nur solche rein ökologische Motive. Bio bedeutet auch gute Förderungen.