Archivierter Artikel vom 26.12.2011, 18:30 Uhr

RZ-KOMMENTAR: Claus Ambrosius zum Tod von Johannes Heesters

Es bleibt die Erinnerung an eine Ausnahme

Er hat alle Rahmen gesprengt, jegliche Wahrscheinlichkeit widerlegt – und sicherlich zwei Generationen von Nachrufschreibern überlebt. Johannes Heesters ist die seltene Gnade widerfahren, bei guter Verfassung ein wahrhaft biblisches Alter zu erreichen. Er ist so alt geworden, dass man jungen Kollegen schon erklären muss, wofür Heesters eigentlich berühmt geworden ist – denn seine Filme laufen ja kaum noch im Fernsehen, die ganz frühen Kinoschätze aus den 30ern schon gar nicht, aber auch nicht die üppigen Operetten-Verfilmungen aus den 50ern. Die Kurzfassung: Er war die Sorte Tausendsassa, von denen es unter den Bühnenkünstlern auch nur wenige in jeder Generation gibt. Er konnte gut tanzen, gut singen – und sein gutes Aussehen bis ins hohe Alter hat auch nicht geschadet. Seine Arbeitsmoral war nicht von dieser Welt: Von der Bühne war Heesters nicht wegzubekommen, von Behinderungen, die das Alter mit sich brachte, ließ er sich nicht unterkriegen.

Dass er diese späte Karriere erleben durfte, verdankte er neben offenbar sehr guten Genen seiner zweiten Frau Simone, die sich dem Abenteuer, einen älteren Herrn zu heiraten, ganz hingegeben hat. Sie hat ihm Bücher gewidmet, ihn fotografiert, ihm auch in den letzten Jahren beigestanden – und hiermit kommen wir zu den Dingen, die leider nicht selbstverständlich sind: Die meisten Menschen, die ein hohes Alter erreichen, dürfen sich weder über Prominenz noch über öffentliches Interesse an ihrer Person freuen. Und schon gar nicht über die Zuwendung eines Freundes oder gar Partners.

An der prominenten Person Heesters haben wir uns abgearbeitet, lassen an diesem Jahrhundertmensch die Geschichte Revue passieren. Und vergessen dabei, dass in Deutschland derzeit mehr als 10 000 Menschen leben, die 100 Jahre alt oder älter sind. Bis 2014 soll sich ihre Zahl verdoppelt haben. Aber: Wissen wir denn eigentlich mit den „erst“ 80-Jährigen etwas anzufangen? Vielleicht wird aus der liebevollen Erinnerung an den Ausnahmekünstler Heesters ein bisschen Interesse für Liese Müller nebenan.

E-Mail: claus.ambrosius@rhein-zeitung.net