Archivierter Artikel vom 14.04.2012, 07:00 Uhr
Seoul/Peking

Pjöngjang schürt Ängste vor Eskalation

Es sollte eine Demonstration der Stärke werden, endete aber in einem Fiasko. Nordkoreas missglückter Raketenstart ist ein schwerer Rückschlag für die ehrgeizigen Ziele des isolierten stalinistischen Regimes, sich als System an der Schwelle zu einem „wohlhabenden und starken Land“ zu präsentieren.

Misslungene Machtdemonstration: Der Raketenstart sollte für Nordkoreas neuen Diktator Kim Jong Un (Mitte) ein Beleg für seine Stärke sein, doch der Test endete mit einem Fiasko. Das Bild stammt von Ende Januar, als er ein Manöver der nordkoreanischen Luftwaffe besuchte.
Foto: dpa
Misslungene Machtdemonstration: Der Raketenstart sollte für Nordkoreas neuen Diktator Kim Jong Un (Mitte) ein Beleg für seine Stärke sein, doch der Test endete mit einem Fiasko. Das Bild stammt von Ende Januar, als er ein Manöver der nordkoreanischen Luftwaffe besuchte.
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Der Flug der Rakete, mit der nach eigenen Angaben ein Satellit ins All geschossen werden sollte, galt als einer der Höhepunkte der laufenden Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag des gottgleich verehrten „ewigen Präsidenten“ Kim Il Sung.

Der Start schürt neue Ängste vor einer Eskalation der Spannungen in der Region. Südkorea und die USA fordern eine starke Reaktion der internationalen Gemeinschaft und ein klares Signal an Pjöngjang. Mit Sorge wird verfolgt, wie Nordkorea an der Entwicklung eines Trägersystems arbeitet. Nordkorea bestreitet, dass der Start militärischen Zwecken diente. Aber auch Experten in China gehen von einem verdeckten Test einer Trägerrakete für Atomwaffen aus.

Die Gefahr, dass Nordkorea auch noch einen Atomtest unternimmt, ist gestiegen. Nordkoreas junger Führer Kim Jong Un könnte damit versuchen, das Scheitern des Raketenstarts zu übertünchen, sagt Cheng Xiaohe, Professor für internationale Beziehungen an der Volksuniversität in Peking. „Die Erfolgsrate eines Atomversuchs ist höher, weil es der dritte Test wäre.“

Der Raketenstart war „die falsche Entscheidung zum falschen Zeitpunkt“, kritisiert er. Es schade der mühsam erzielten Annäherung der Hauptakteure USA und Nordkorea. Eine Wiederaufnahme der seit drei Jahren ausgesetzten Sechs-Parteien-Gespräche über das nordkoreanische Atomwaffenprogramm rückt in weite Ferne. Daran nehmen unter Chinas Vermittlung beide Koreas, die USA, Japan und Russland teil. Laut Cheng Xiaohe gibt der Raketenstart „den USA und Japan eine gute Entschuldigung, ein Raketenabwehrsystem aufzubauen“. Peter Beck von der Asia Foundation in Seoul ist überzeugt: „Der Start ist ein klarer Verstoß gegen eine UN-Resolution. Allerdings gibt es nur wenige Hebel, fürchte ich.“ Nordkorea ist bereits strikten Sanktionen unterworfen. Allerdings könnten China und Südkorea dem Regime Kim Jong Uns einen Schlag versetzen, falls sie Handel und Lebensmittellieferungen unterbinden. Doch fürchtet China, das hungernde Volk zu treffen.

Da Nordkorea sein Atomprogramm nicht aufgeben will, wird auch in China der Ruf nach einer neuen Nordkorea-Politik lauter. Es ist an der Zeit, die Haltung zu überdenken, sagte Professor Cheng Xiaohe. „Die internationale Gemeinschaft einschließlich China sollte Maßnahmen ergreifen, um Nordkorea zu bändigen.“ Dem Professor an der Pekinger Parteihochschule, Zhang Liangui, ist längst die Geduld ausgegangen: „Sie können nicht machen, was sie wollen, sich nicht um die internationale Besorgnisse kümmern und keinen Rat annehmen. Es ist nicht hinzunehmen, ein derart widerspenstiges Mitglied in der Weltgemeinschaft zu haben.“ Doch Chinas Außenministerium mahnte alle Parteien wieder nur zur Zurückhaltung.

Von Dirk Godder und Andreas Landwehr