Archivierter Artikel vom 01.04.2014, 06:00 Uhr
Frankfurt/Main

Piloten-Streik: Lufthansa stellt den Flugbetrieb weitgehend ein

Die Lufthansa steuert mit vollem Schub in einen bislang beispiellosen Arbeitskampf. Für volle drei Tage wollen die Piloten von Mittwoch an die Airline bestreiken, die nun ihrerseits mit einer weitgehenden Einstellung des Flugbetriebs geantwortet hat. Lediglich noch 500 meist kurze Flüge sollen von Mittwoch bis Freitag stattfinden, 3800 Verbindungen sind abgesagt. Ein Millionenschaden ist bereits eingetreten. Betroffen sind nach Lufthansa-Angaben rund 425.000 Passagiere sowie auch Frachtflüge.

Von Christian Ebner

Für eine Rückkehr zum Verhandlungstisch noch vor dem Streik scheint es zu spät zu sein, daran haben auch letzte Verhandlungen am Sonntag nichts geändert. Als Streikanlass hat die Pilotengewerkschaft „Vereinigung Cockpit“ (VC) den Kampf um die Übergangsrenten genommen, die vom Unternehmen zum Jahresende einseitig gekündigt worden waren. Im Schnitt mit knapp 59 Jahren gehen derzeit die Kapitäne in den Vorruhestand, ausgestattet meist mit 60 Prozent ihrer Bezüge. Bis zum Einsetzen von Betriebs- und gesetzlicher Rente lässt es sich im Schnitt mit 124.000 Euro brutto im Jahr recht gut auskommen.

Lufthansa glaubt, sich die üppigen Bezüge für die kleine Gruppe der Piloten nicht mehr leisten zu können. Sie stellen nur zehn Prozent der 84.000 aktiven und ehemaligen Lufthanseaten im Inland, kassieren aber 40 Prozent der Vorsorgeaufwendungen, rechnet Personalchefin Bettina Volkens vor. Das Unternehmen hat daher einen fließenden Übergang vorgeschlagen, der an staatliche Rentenreformen erinnert: Den bald ausscheidenden Piloten wird gar nichts genommen, den etwas jüngeren schrittweise immer mehr und die ganz Jungen müssen künftig selbst mit für ihre Versorgung ansparen.

Der Gewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) gehe das als Vertrag zulasten Dritter gegen den Strich, sagte VC-Tarifexpertin Ilona Ritter. „Wir wollen keine Generationenteilung, sondern einheitliche Regeln für alle.“ Was natürlich auch hieße, das jetzige System möglicherweise mit einem Kostendeckel über Jahrzehnte hinweg festzuschreiben. Das Thema ist für die Piloten durchaus emotional und weit wichtiger als die nächste Gehaltssteigerung. Die meisten Flugzeugführer haben die frühe Ausstiegsmöglichkeit in ihre Lebensplanung fest eingebaut und mit dem Geld gerechnet. Kein Wunder also, dass mehr als 99 Prozent der per Urabstimmung befragten VC-Mitglieder dafür streiken wollen.

Lufthansa ächzt auch an anderer Stelle unter üppigen Zusagen aus der Vergangenheit, denn alle Beschäftigten kommen derzeit in den Genuss von Betriebsrenten, deren Verzinsung das Unternehmen bis zum Jahresende 2013 garantierte. Auch hier ist eine Umstellung geplant, ohne dass bislang das Einverständnis auch nur einer der zahlreichen Gewerkschaften im Unternehmen vorläge. Die gegenwärtigen Pensionsverpflichtungen betragen nach aktuellen Berechnungen allein im Inland 11,2 Milliarden Euro, insgesamt sogar 15,1 Milliarden Euro. Im scharfen internationalen Wettbewerb gilt dies das enormer Ballast. Die jungen Herausforderer wie aufstrebenden Emirates haben keine vergleichbaren Lasten zu tragen.

Der scheidende Chef Christoph Franz hat die Lufthansa auf einen scharfen Konfrontationskurs mit den Gewerkschaften gesteuert. Stets verlangte er bei Tarifverhandlungen von den Beschäftigten „Beiträge“ zum Sparprogramm Score, nahm dafür Ausstände des Bodenpersonals wie auch der Flugbegleiter in Kauf. 3500 Verwaltungsjobs sollen gestrichen und die Konzernzentrale in Köln geschlossen werden.

Lediglich die mächtigen Piloten trauten sich auf Dauer zu, den Renditeforderungen nicht nachzugeben, die auch vom Franz-Nachfolger Carsten Spohr mitgetragen werden. Offen stellen sie die Score-Story der zwangsläufigen Sparmaßnahmen infrage und verlangen einen größeren Anteil am Gewinn zulasten der Aktionäre.

Gewerkschafts-Sprecher Jörg Handwerg vermutet angelsächsische Großinvestoren hinter der harten Linie des „Kranich“-Managements. Größte Eigner der Lufthansa AG sind Blackrock, Templeton und Capital Group mit jeweils etwa 5 Prozent der Anteile. Für 2015 hat Franz ihnen 2,65 Milliarden Euro operativen Gewinn versprochen. Das ist das gut 3,5-fache des Wertes des vergangenen Jahres.