Archivierter Artikel vom 05.03.2015, 06:00 Uhr
Berlin

Kunden können Echtpelz kaum erkennen

Auch wenn der Frühling naht: Noch muss man zu Wintermode greifen – und da lohnt sich ein aufmerksamer Blick. Denn obwohl sich die Mehrzahl der deutschen Käufer in Befragungen stets gegen das Tragen von Pelz ausspricht, scheint das nicht für Verzierungen aus Pelz zu gelten: Winterjacken mit kuscheligem Kapuzenbesatz, Stiefel, Westen und Taschen mit flauschigen Fellapplikationen, Mützen mit putzigen Pelzbommeln sind nach wie vor angesagt.

Schön flauschig, aber doch nicht echt, oder? Eine Antwort liefert das Etikett meist leider nicht.
Schön flauschig, aber doch nicht echt, oder? Eine Antwort liefert das Etikett meist leider nicht.

Von unserer Redakteurin Nicole Mieding

Foto: lalouetto – Foto

Dabei ahnen die wenigsten, dass sie ein Stück totes Tier am Körper tragen. Was vor allem daran liegt, dass der Preis aufgrund billig produzierter Massenware aus China kaum noch Orientierungshilfe bietet. Auch die europaweite Kennzeichnungspflicht für Kleidung mit Echtfellanteil hilft dem kritischen Verbraucher im Zweifel nicht.

Seit November 2014 muss jedes Kleidungsstück mit echtem Fellbesatz laut EU-Recht den Zusatz „Enthält nichttextile Teile tierischen Ursprungs“ auf dem Etikett tragen. Auf welches Teil er sich bezieht, erfährt der Käufer aber nicht. Bei einer Winterjacke etwa könnte er genauso gut für echte Daunen im Futter oder etwa Knöpfe aus Horn stehen. Welches Tier verarbeitet wurde, können Hersteller freiwillig angeben. Für ganze Pelze gilt die Kennzeichnungspflicht nicht.

Die Pelzbranche freut sich über ein enormes Wachstum. Die International Fur Trade Federation (IFTF), der Weltverband der Pelzhändler, feiert Rekordumsätze. Für die Saison 2011/12 bilanziert er einen Gesamtumsatz von 15,6 Milliarden Dollar. Im Jahr davor lag er bei gut 14 Milliarden Dollar – 70 Prozent mehr als noch zehn Jahre zuvor. Europa ist mit einem Marktanteil von 28 Prozent ein bedeutender Abnehmer. Der Großteil der Felle stammt aus China – einem Land, in dem es keinerlei Tierschutzstandards gibt. Nach Schätzungen werden dort pro Jahr 70 Millionen Tiere zu Pelzen „verarbeitet“. China ist weltweit größter Exporteur von Pelzwaren. Für eine effiziente, zeitsparende Pelzproduktion werden die Tiere dort teils bei lebendigem Leib gehäutet. Das mindert zwar die Qualität der Felle, macht sie aber auch für jedermann erschwinglich. Das führt so weit, dass sie mitunter sogar billiger als Imitate ist.

Handlungsbedarf sieht die Regierung derzeit nicht. Im vergangenen Oktober lehnte der Deutsche Bundestag eine Kennzeichnungspflicht von Echtpelzprodukten auf nationaler Ebene ab. „Ich halte es nicht für sinnvoll, wenn wir in einem europäischen Binnenmarkt national vorgehen, weil die Umgehungsmöglichkeiten beachtlich wären“, argumentierte der CDU-Staatssekretär Peter Bleser. Anlass war eine Petition der Tierrechtsorganisation Animals Liberty. Sie hatte durch Testkäufe mehrfach Echtpelze nachgewiesen, die als Kunstpelz deklariert waren. Teils stammten sie von Hunden und Katzen. Der Import dieser Felle ist seit 2009 verboten, dennoch gehen sie nach wie vor über den Ladentisch – teils unter Tarnnamen.

Der Deutsche Bundesrat sprach sich bereits 2001 für ein Verbot der Pelztierzucht in Deutschland aus. Die Bundesregierung sieht darin jedoch einen Verstoß gegen das Grundgesetz, in dem das Grundrecht der Berufs- und Eigentumsfreiheit verankert ist, das den Tierschutz sticht. Österreich hat die Pelztierzucht schon 1998 verboten, Großbritannien und Slowenien zogen nach. Die Niederlande, weltweit drittgrößter Nerzfellproduzent, wollen die letzte Farm 2024 schließen. Aus Europa stammt aber ohnehin nur noch ein kleiner Anteil teurer Qualitätsware. In Deutschland gibt es nach Auskunft des Deutschen Pelzin-stituts derzeit neun Pelztierfarmen, unter anderem in Nordrhein-Westfalen.