Archivierter Artikel vom 07.12.2010, 08:16 Uhr
Berlin

In historischen Momenten stach Brandt durch Stille aus der Masse

Wenn die Last des historischen Augenblicks auf ihm lag, war Willy Brandt ein stiller Kanzler. Ein Mann, der schwieg und nachdachte, während das Tosen um ihn herum immer weiter anschwoll. Ein Politiker, der beim Reden nachdachte, wo andere in jener Zeit auf die polternde Pointe aus waren. Heute weiß man, dass er dabei keinesfalls in sich selbst ruhte.

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Berlin. Wenn die Last des historischen Augenblicks auf ihm lag, war Willy Brandt ein stiller Kanzler. Ein Mann, der schwieg und nachdachte, während das Tosen um ihn herum immer weiter anschwoll. Ein Politiker, der beim Reden nachdachte, wo andere in jener Zeit auf die polternde Pointe aus waren. Heute weiß man, dass er dabei keinesfalls in sich selbst ruhte.

Selten war der SPD-Politiker mit sich selbst im Reinen, oft fühlte er sich als Außenseiter, als Fremder im eigenen Land, in der eigenen Partei. Genüsslich warfen ihm seine Gegner seine Vergangenheit vor: aufgewachsen ohne Vater, gerade volljährig vor den Nazis nach Norwegen geflohen, unter dem selbst gewählten Decknamen „Willy Brandt“ im Exil politisch aktiv. Sein Geburtsname Karl Herbert Frahm wurde gegen ihn verwandt. Der Mann, der nach dem Krieg unbelastet von außen kam, zog sich derart bedrängt immer wieder in sich selbst zurück – auch gegenüber der eigenen Familie. Bis in die schwere Depression und den Alkohol.

So ist es letztlich wohl auch diese innere Zerrissenheit, die dafür sorgte, dass Brandt die Menschen emotional polarisierte wie kaum ein zweiter Regierungschef vor und nach ihm. Und es ist diese besondere Sensibilität, die ihn in den entscheidenden Momenten seiner Karriere zu kleinen Gesten mit großer Außenwirkung bewegte.

So am 19. März 1970, als Brandt als erster westdeutscher Kanzler die DDR in Erfurt besuchte. Tausende durchbrachen die Polizei- und Stasiabsperrungen, drängten sich vor dem Hotel „Erfurter Hof“ und skandierten: „Willy Brandt ans Fenster!“ Auf Filmaufnahmen kann man sehen, wie ergriffen Brandt selbst von der Begeisterung der Erfurter war und ebenso, wie er die Brisanz der Lage erkannte. Statt großer Worte oder populistischer Gesten war es letztlich die sanfte Art, wie er die Hand bedächtig, geradezu schüchtern hob und ihm damit die schwierige Gratwanderung zwischen Enttäuschung und falschen Versprechungen gelang. Viele Historiker sehen heute darin den Beginn der deutschen Ost-West-Annäherung.

Wenige Monate später ließ ihn sein Gefühl beim Kniefall in Warschau erneut nicht im Stich. Die harschen Reaktionen in Deutschland verstärkten dabei nur noch das Gefühl, ein Einzelgänger zu sein, der Zeit voraus. Denn mit der Öffnung gen Osten zog sich die innenpolitische Schlinge um die rot-gelbe Regierung immer weiter zu. Die Kampagne gegen den „Vaterlandsverräter“ schien zu funktionieren, die Bundestagsmehrheit bröckelte, Brandts CDU-Kontrahent Rainer Barzel stellte am 27. April 1972 das Misstrauensvotum. Als es schließlich unter kuriosen Umständen scheiterte, saß Brandt versteinert in seinen Sessel gepresst – wie kaum zuvor war ihm die Last des Amtes anzumerken. Wenig später setzte er Neuwahlen an und errang mit 45,8 Prozent das höchste Ergebnis der SPD-Geschichte.

Mehr als 45 Jahre war Willy Brandt als Politiker in Deutschland aktiv, 23 Jahre als Parteichef. Doch es sind vor allem diese drei stillen, historischen Momente, die sich in das Gedächtnis der Bundesrepublik eingebrannt haben. Und sie berühren auch die Nachgeborenen, weil Brandt in diesen Momenten dem emotionalen Menschen in sich den Vortritt vor dem kalkulierenden Politiker gegeben hat.

Von unserem Redakteur Peter Lausmann