Archivierter Artikel vom 17.07.2010, 10:04 Uhr

In der Freizeit-Gesellschaft hat Hautkrebs leichtes Spiel

Wer sich in diesen hochsommerlichen Tagen im Freibad vergnügt oder in den Strandkorb lümmelt, möchte eigentlich nur genießen. Doch gedankenloses Bräunen ist in der heutigen Risikogesellschaft fahrlässig. Auch wenn der Kopf in der Sonne brütet, sollte man ihn nicht ausschalten. Nur so lässt sich dem Hautkrebs vorbeugen.

In der Freizeit-Gesellschaft hat Hautkrebs leichtes Spiel
Erst jüngst hat eine Umfrage der Techniker Krankenkasse gezeigt, dass nur 48 Prozent die gefährliche Mittagssonne meiden, nur 44 Prozent cremen sich am Strand regelmäßig ein.
Foto: dpa

Wer sich in diesen hochsommerlichen Tagen im Freibad vergnügt oder in den Strandkorb lümmelt, möchte eigentlich nur genießen. Doch gedankenloses Bräunen ist in der heutigen Risikogesellschaft fahrlässig. Auch wenn der Kopf in der Sonne brütet, sollte man ihn nicht ausschalten. Nur so lässt sich dem Hautkrebs vorbeugen.

Rheinland-Pfalz – Bei der Bundeswehr in Afghanistan läuft seit einiger Zeit eine Offensive. Der Gegner: Hautkrebs. Die Waffen: Krempenhut, Halstuch, langärmelige Hemden, leichte, atmungsaktive Kleidung und Sonnenbrillen. „Nur mit Händen und Gesicht haben wir noch Probleme. Die sind oft ungeschützt“, sagt Dr. Manfred Glitsch, Chef der Abteilung Dermatologie am Koblenzer Bundeswehrzentralkrankenhaus. Einmal pro Jahr lassen sich viele Soldaten von ihm auf Hautkrebs untersuchen.

Ginge es nach Dr. Glitsch, dann könnte die Bundeswehr durchaus zum Vorbild für die gesamte Gesellschaft werden. Denn der richtige Umgang mit der Sonne und ein jährliches Hautkrebs-Screening sind für ihn der Königsweg bei der Bekämpfung der heimtückischen Krankheit.

Allerdings erliegen auch die Bundeswehrsoldaten gern den Versuchungen der Freizeitgesellschaft, die Experten als wichtigste Ursache für die starke Zunahme der Hautkrebsfälle betrachten. Die Versuchung ist groß, dass die Soldaten während ihrer freien Zeit im Feldlager in der Sonne die Hüllen fallen lassen – wie Millionen Deutsche in der brütenden Sommerhitze oder unter der ebenfalls höchst gefährlichen Sonnenbank.

Dass mittlerweile jeder dritte Mitteleuropäer in seinem Leben mit Hautkrebs zu tun hat, liegt aber vielleicht auch daran, dass die Ozonschicht dünner geworden ist und mehr schädliches UV-Licht durchlässt. Menschen, die früher selten über Sonnenbrände geklagt haben, müssen sich heute stärker schützen. Besonders dramatisch ist die Lage in Australien. Dort sind die Hautkrebsraten mittlerweile so unglaublich hoch, dass die Werbung reagieren musste: Die Piz-Buin-Dame ist dort weiß statt gebräunt wie bei uns.

Doch auch in Deutschland werden die Warnsignale lauter: 2000 Menschen sterben laut Krebsgesellschaft jährlich an schwarzem Hautkrebs; in Rheinland-Pfalz sind es 100. Jährlich erkranken fast 15 000 Deutsche an schwarzem Hautkrebs, mehr als 800 in Rheinland-Pfalz. Vom hellen Hautkrebs sind sogar fast 120 000 Deutsche jährlich betroffen, in Rheinland-Pfalz fast 8000. Seit Jahren steigen die Zahlen, auch weil die Statistik genauer und die Vorsorge gründlicher geworden ist. Doch Fakt ist auch, dass diese Krankheit längst nicht mehr ein Leiden der Greise ist. Frauen etwa erkranken an schwarzem Hautkrebs im Durchschnitt mit 57 Jahren, Männer mit 63.

Besonders alarmierend ist für Klinikarzt Glitsch, dass immer mehr junge Menschen zu seinen Patienten gehören. Deshalb steht für ihn fest: Die Vorsorge muss so früh wie möglich beginnen. Und die Abstände zwischen den Untersuchungen müssen möglichst kurz sein. Denn: „Der helle Hautkrebs ist schwer zu erkennen, aber leichter zu behandeln. Der schwarze Hautkrebs ist hingegen meist leichter zu erkennen, muss aber sehr früh behandelt werden. Sonst bildet er Metastasen.“ Eile ist also geboten.

Wenn das Screening mit einem Positivbefund endet, muss der Patient unters Messer. Von Laserbehandlungen rät Glitsch ab, weil der Tumor dadurch zerstört und so für eine weitere Diagnose unbrauchbar wird. Kurios: Auch für viele Hautärzte ist der Positivbefund eine bittere Pille. Denn das Screening zahlt ihnen die Kasse extra, die Operation müssen sie aus ihrem eigenen Budget bezahlen.

Und die Sonnenanbeter? Die sind weiterhin uneinsichtig. Erst jüngst hat eine Umfrage der Techniker Krankenkasse gezeigt, dass nur 48 Prozent die gefährliche Mittagssonne meiden, nur 44 Prozent cremen sich am Strand regelmäßig ein. Fast jeder Dritte lässt das Eincremen sogar manchmal ganz sein. Ohne Einsicht hilft eben auch die beste Vorsorge wenig.

Von unserem Redakteur Christian Kunst