Archivierter Artikel vom 30.09.2010, 21:00 Uhr
Mainz

FSV Mainz 05 – Ein Erfolgsmodell gegen alle Konventionen

Wie kommt der FSV Mainz 05 an die Tabellenspitze der Fußball-Bundesliga? Wir versuchen uns an der Erklärung eines Phänomens, das wohl nicht zu erklären ist: Vielleicht ist ja der Mut zu unkonventionellen Entscheidungen das eigentliche Erfolgsgeheimnis des FSV Mainz 05. 21 Jahre, bevor der Bundesliga-Neuling seinen Aufstiegstrainer Jörn Andersen feuerte und Juniorencoach Thomas Tuchel zum Profitrainer beförderte, hatten die 05-Mitglieder den Weg vorgezeichnet.

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Mainz – Wie kommt der FSV Mainz 05 an die Tabellenspitze der Fußball-Bundesliga? Wir versuchen uns an der Erklärung eines Phänomens, das wohl nicht zu erklären ist.

Von unserem Sportchef Stefan Kieffer

Vielleicht ist ja der Mut zu unkonventionellen Entscheidungen das eigentliche Erfolgsgeheimnis des FSV Mainz 05. 21 Jahre, bevor der Bundesliga-Neuling seinen Aufstiegstrainer Jörn Andersen feuerte und Juniorencoach Thomas Tuchel zum Profitrainer beförderte, hatten die 05-Mitglieder den Weg vorgezeichnet. Obwohl der Klub nach zwölfjähriger Enthaltsamkeit gerade in die Zweite Bundesliga zurückgekehrt war, wählten sie am 19. September 1988 den Vereinsvorsitzenden Bodo Hertlein ab und installierten den damals 37-jährigen Anwalt und Ex-Dreispringer Harald Strutz als neuen Präsidenten.

Heute ist der FSV Mainz 05 ganz oben angekommen – und Strutz steht mit seinem Vize Peter Arens noch immer an der Spitze. Der FSV Mainz 05 ist – anscheinend völlig unzeitgemäß – ein klassischer Sportverein geblieben, in dem die Mitglieder alle zwei Jahre das Präsidium wählen. Kein Aufsichtsrat, der mitreden will, keine Aktionäre, die auf Rendite schielen, keine GmbH, in der die Profiabteilung vom Restverein abgespalten ist.

Die Kontinuität in der Führung ist eine Erklärung für den Erfolgsweg des aktuellen Spitzenreiters. Präsident Strutz, der den jüngsten Sensationssieg der 05er beim FC Bayern verpasste, weil er seine Hochzeit feierte, hat sich im Kreis der Ligabosse etabliert, fungiert seit 2001 als Vizepräsident des Ligaverbands DFL. Dabei behaupten Insider, die größte Stärke des Präsidenten bestehe darin, dass er seine eigenen Grenzen kennt und respektiert.

Denn der eigentliche Macher beim FSV Mainz 05 ist ein anderer. Im April 1988 hatte Christian Heidel, damals Geschäftsführer eines Mainzer Autohauses, ein Oberliga-Heimspiel der 05er gegen den FSV Saarwellingen „gekauft“- 4430 Zuschauer kamen zu reduzierten Eintrittspreisen, einer gewann ein Auto, und beide Seiten kamen auf ihre Kosten. Bald darauf stieg Hobbykicker Heidel, Libero beim Bezirksligisten FV Budenheim, bei den 05ern ein, kümmerte sich zunächst um die zweite Mannschaft des FSV und übernahm im April 1991 das Management der Profiabteilung. Ehrenamtlich, wohlgemerkt; erst 15 Jahre später machte er den Fußballjob zum Hauptberuf und wird seitdem dafür bezahlt.

In den 90er-Jahren hatten Heidel und seine Mitstreiter alle Hände voll zu tun, um ihren Klub vor dem Abstieg aus der Zweiten Liga zu bewahren. Meistens war es richtig knapp; bei der Auswahl von Spielern und Trainern wechselten Glücksgriffe mit Fehlschlägen.

Unkonventionelle Maßnahmen waren das Markenzeichen von Heidel und Co. So, als sie ausgemusterte Altstars wie Emil Kostadinov oder Jürgen Wegmann verpflichteten, als sie den im Jahr zuvor als Fast-Aufstiegstrainer erfolgreichen Reinhard Saftig schon nach dem vierten Spieltag der Saison 1997/98 entließen oder als sie zum Pokalspiel bei den Bayern im bitterkalten Januar 2000 einen Sonderzug mit 6000 Fans zur 0:3-Niederlage nach München schickten.

Die ungewöhnlichste Entscheidung brachte schließlich den maximalen Ertrag. Die Geschichte ist schon oft erzählt worden, wie Heidel am Rosenmontag 2001 beschloss, den verletzten Spieler Jürgen Klopp zum Trainer zu machen, weil ihm keine andere Personalie mehr einfiel im Kampf gegen den Abstieg. Klopp schaffte mit der Mannschaft nicht nur den Klassenverbleib, sondern trug mit seiner positiven Ausstrahlung und Begeisterungsfähigkeit entscheidend dazu bei, dass aus der grauesten Maus des deutschen Profifußballs ein bunt schillernder Paradiesvogel wurde. Mit Klopp fanden die Mainzer und ihre Fans zu jener selbstironischen Lockerheit, die sie den Schmähgesang gegnerischer Fans zur eigenen Hymne umprogrammieren ließ: „Wir sind nur ein Karnevalsverein!“

Fast zehn Jahre nach dem Klopp'schen „Urknall“ darf Heidel zu Recht behaupten: „Kein deutscher Klub ist so schnell gewachsen wie wir.“ Und in Anspielung auf Wolfsburg oder Hoffenheim der Zusatz: „... ohne geschenktes Geld“. Die Zeiten, da die rührigen Ehrenamtler rund um die Uhr Klinken putzten, um ein paar Mark für die Vereinskasse zu akquirieren, sind vorbei; heute schmücken sich die Sponsoren gern mit der „Marke“ Mainz 05.

Mit nach wie vor bescheidenen Mitteln hielt sich der Klub im ersten Anlauf drei Jahre in der Bundesliga und schaffte nach dem Abstieg trotz des Weggangs von Identifikationsfigur Jürgen Klopp nach Dortmund binnen zwei Jahren die Rückkehr ins Oberhaus.

Nach rund zwei Jahrzehnten im Geschäft hat Christian Heidel trotz des nach wie vor schmalen Budgets zu erstaunlicher Treffsicherheit in Sachen Transfers gefunden. Den Mut zum unkonventionellen Handeln hat er sich indes bewahrt; nur so konnte der heutige Erfolgscoach Thomas Tuchel überhaupt ins Amt kommen. Jetzt steht Tuchels Team mit der optimalen Ausbeute von sechs Siegen aus sechs Spielen an der Tabellenspitze der 1. Bundesliga.

In gut 20 Jahren zwischen Abstiegskämpfen und (Nicht-)Aufstiegsdramen haben die 05-Bosse sich eine fatalistisch-optimistische Grundeinstellung zugelegt: „Was soll schon passieren, worüber wir uns aufregen könnten?“ So bewahren sie auch im bundesweiten Hype um die überraschende Tabellenführung Ruhe und Fassung.

Eigentlich müssten Harald Strutz, Christian Heidel und die anderen Autoren der Mainzer Erfolgsstory umgehend zurücktreten. Viel besser kann es ja nicht mehr werden. Und dass im Augenblick des größten Triumphs häufig die schwersten Fehler begangen werden, die den beschleunigten Niedergang zur Folge haben, davon künden zahlreiche Beispiele, auch aus der näheren rheinland-pfälzischen Umgebung.

Doch die 05-Story geht weiter. Zur kommenden Saison verspricht das neue Stadion jährliche Mehreinnahmen von rund zehn Millionen Euro, der Rekordtransfer von Edeltalent Andre Schürrle spült noch einmal die gleiche Summe in die Vereinskasse – genug Kapital also, um die vielversprechendsten der ausgeliehenen Leistungsträger an den Verein zu binden.

Das Ziel, den einstmals unscheinbaren FSV Mainz 05 im Kreis der großen Profiklubs zu etablieren, ist greifbar nahe. Das hätten sich Harald Strutz, Peter Arens und ihre Präsidiumskollegen wohl nicht träumen lassen, als sie vor 22 Jahren plötzlich und unerwartet ins Rampenlicht traten.