Archivierter Artikel vom 30.09.2010, 21:00 Uhr
Mainz

Niederlagen machen Mainz zur Fußballstadt

Fußball war in der Landeshauptstadt mehr als 50 Jahre lang nicht wirklich die schönste Nebensache der Welt – bis „Kloppo“ kam. Erst der charismatische Schwabe Jürgen Klopp schaffte es als Trainer der 05er, in einer Stadt, die sich bis dahin nahezu ausschließlich über ihre karnevalistischen Qualitäten definiert hatte, auch bei den Massen eine echte Fußballbegeisterung zu erzeugen.

Nicht weit weg vom alten Bruchweg-Stadion entsteht derzeit die Coface-Arena, in der der FSV Mainz 05 ab der kommenden Saison mehr als 30 000 Fans begeistern will. M Foto: Imago
Nicht weit weg vom alten Bruchweg-Stadion entsteht derzeit die Coface-Arena, in der der FSV Mainz 05 ab der kommenden Saison mehr als 30 000 Fans begeistern will. M
Foto: Imago – imago sportfotodienst

Mainz – Fußball war in der Landeshauptstadt mehr als 50 Jahre lang nicht wirklich die schönste Nebensache der Welt – bis „Kloppo“ kam. Erst der charismatische Schwabe Jürgen Klopp schaffte es als Trainer der 05er, in einer Stadt, die sich bis dahin nahezu ausschließlich über ihre karnevalistischen Qualitäten definiert hatte, auch bei den Massen eine echte Fußballbegeisterung zu erzeugen.

Viele 05-Anhänger hatten schon nach der Lizenzrückgabe 1976 und dem freiwilligen Abstieg aus der Zweiten Bundesliga mit dem Klub gebrochen. In den 80er-Jahren ging die Absetzbewegung weiter. Der klassische 05-„Fan“ verbrachte den Sonntag zu Hause auf dem Sofa und rief am späten Nachmittag im Vereinsheim an: „Unn? Wie habter gespielt? Verlorn? Wie gut, dass ich nit obbe war!“

An der Zurückhaltung der einheimischen Bevölkerung änderte sich auch nichts, als der Verein Ende der 80er-Jahre ins Profigeschäft zurückkehrte. Trostloser Fußball in einem trostlosen Stadion lockte selten mehr als 5000 Besucher an. Nach den Heimspielen sah man regelmäßig ein paar alte Männer kopfschüttelnd die „Bezirkssportanlage Mitte“ verlassen, die den Namen „Bruchweg-Stadion“ irgendwie verdient hatte. Ein typisches Bild dieser Jahre voller Abstiegsgegurke: Novembernebel, Mainz gegen Meppen, ein glückliches 0:0, knapp 2000 Zuschauer.

Aufstiegsfinale in Wolfsburg

Das änderte sich erstmals im Mai 1997, als die Mainzer tatsächlich um den Bundesliga-Aufstieg spielten. Die entscheidende Partie in Wolfsburg, die die 05er knapp mit 4:5 verloren, wurde live auf Großleinwand im Mainzer Volkspark übertragen. 10 000 Menschen schauten zu, und als die geschlagenen Helden in die Stadt zurückkehrten, stieg eine große Nichtaufstiegsfeier auf dem Domplatz.

Fünf Jahre später wiederholte sich das Schauspiel in ungleich größerem Maßstab. Denn das „Modell Klopp“ wurde ja erst durch seinen relativen Misserfolg zum Kult. Zwar hatten die 05er 2002 satte 64 Punkte geholt, den Aufstieg aber doch im letzten Moment durch ein 1:3 in Berlin verspielt. Mit verheulten Augen trafen die Spieler am Hauptbahnhof ein und wurden doch von Hunderten Fans gefeiert. Die zweite „Nichtaufstiegsfeier“ überstieg alles Dagewesene, zumal Klopp mit seiner emotionalen Ansprache den Nerv der Menschen traf.

Es folgte 02/03 ein neuer Anlauf mit noch knapperem Scheitern – ein Tor fehlte den Mainzern, die nach 90 Minuten des letzten Spieltags aufgestiegen waren und dann in der Nachspielzeit doch noch von der Frankfurter Eintracht überholt wurden. Wieder eine Feier, noch mehr Mainzer heulten. Und Kulttrainer „Kloppo“ fand erneut die richtigen Worte, um sich und alle Mitleidenden zu trösten und ihnen Mut zu machen für den nächsten Anlauf.

Diese Stehaufmännchen-Gesinnung trotz schwerer Rückschläge machte die 05er bundesweit zum „Aufsteiger der Herzen“. In der eigenen Stadt sowieso. Bäcker, Metzger und Juweliere brachten eigene 05-Kreationen auf den Markt. Geschäftspartner, Nachbarn, Verkäuferinnen kannten nur ein Thema: Ob es unsere 05er diesmal schaffen?

Im dritten Anlauf packten sie es schließlich. Inzwischen lag der Zuschauerschnitt bei 15 000, mehr als 20 000 Fans feierten ausgelassen in der Stadt, und für das auf 20 300 Zuschauer ausgebaute Stadion wollten 25 000 Menschen Dauerkarten kaufen.

Klopps gefühliger Abschied

Als es nach drei Spielzeiten wieder zurück in Liga zwei ging, war das keine Trendwende. Und selbst der erneute Nichtaufstieg brachte keinen Knick in der Gunst der Mainzer, sondern stattdessen mit Jürgen Klopps Abschied in Richtung Dortmund einen erneuten emotionalen Höhepunkt, ein weiteres Stadtfest. Heute gibt es kaum noch einen Mainzer, der nicht mit den 05ern fiebert (außer vielleicht ein paar alteingesessenen FCK- oder Eintracht-Fans).Die Siegesserie zum Saisonstart hat eine ganze Stadt stolz gemacht – und umgekehrt, wie 05-Manager Christian Heidel bekennt: „Für mich als gebürtigen Mainzer ist es das Größte, wenn uns die Leute die Bude einrennen und sich mit Mainz 05 identifizieren.“

Zur kommenden Saison wird die Mainzer Bude größer. Die neue Coface-Arena soll 35 000 Zuschauern Platz bieten, der Neubau ist weit fortgeschritten. Wenn dann das Stadion steht, bekommt vielleicht auch der eine oder andere Nicht-Mainzer Gelegenheit, sich mit dem 05-Virus zu infizieren.

jok/kif