Archivierter Artikel vom 03.02.2012, 20:12 Uhr
Berlin

Fluglärm bringt Bürger auf Barrikaden

Mit großem Aufwand wird in der Hauptstadt seit Monaten für den neuen Flughafen geworben. Nostalgiker können jetzt ein Ticket für den letzten Flug von Berlin-Tegel am 3. Juni buchen und dann von oben zuschauen, wie unten an der Landebahn für immer die Lichter ausgehen. Danach gibt es nur noch „BER“, wie der neue moderne Flughafen im Südosten Berlins in Brandenburg dann international heißen wird.

Für Anwohner bedeutet es ohrenbetäubenden Lärm, wenn ein Airbus der Lufthansa auf dem Flughafen von Frankfurt am Main landet. Bundesweit formiert sich nun Protest gegen Fluglärm.
Für Anwohner bedeutet es ohrenbetäubenden Lärm, wenn ein Airbus der Lufthansa auf dem Flughafen von Frankfurt am Main landet. Bundesweit formiert sich nun Protest gegen Fluglärm.
Foto: DPA

Berlin – Mit großem Aufwand wird in der Hauptstadt seit Monaten für den neuen Flughafen geworben. Nostalgiker können jetzt ein Ticket für den letzten Flug von Berlin-Tegel am 3. Juni buchen und dann von oben zuschauen, wie unten an der Landebahn für immer die Lichter ausgehen. Danach gibt es nur noch „BER“, wie der neue moderne Flughafen im Südosten Berlins in Brandenburg dann international heißen wird.

Ein Prestigeprojekt, das der ansonsten so strukturschwachen Region auf die Sprünge helfen soll.

Sein Erfolg ist ein persönliches Herzensanliegen von Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). „BER“ soll in die erste Liga unter den deutschen Flughäfen aufsteigen, und er soll viele Tausend Arbeitsplätze schaffen. Doch wenige Monate vor der Eröffnung wird die Euphorie von skeptischen Stimmen übertönt.

Der Widerstand gegen den Bau und Ausbau von Flughäfen in Deutschland brodelt seit vielen Jahren vor allem regional. Doch seit einigen Monaten wird er lauter, und man organisiert sich bundesweit. Der Protest gegen das Dröhnen der Turbinenmaschinen der Jumbojets erreicht an diesem Wochenende eine völlig neue Dimension: Bundesweit demonstrieren erstmals mehrere Tausend Bürger parallel.

In Frankfurt, wo seit Monaten Montagsdemonstrationen gegen die neue Startbahn Nordwest im Terminal stattfinden, werden an diesem Samstag um 12 Uhr mehr als 10 000 Demonstranten erwartet, zeitgleich machen auch die Bürgerinitiativen in Berlin-Schönefeld mobil. Der Protest hat das Potenzial, die Dimensionen von Stuttgart 21 zu erreichen.

Denn am 24. März soll der Demonstration von diesem Wochenende ein bundesweiter Aktionstag folgen – und dann wollen auch Menschen in Leipzig/Halle und Köln/Bonn, wo Nachtflüge für Ärger sorgen, sich dem Protest anschließen. Auch Münchner wollen dann ihrem Ärger Luft machen.

Der Präsident des Umweltbundesamtes erklärt den wachsenden Protest mit wachsender Sensibilität der Bevölkerung gegenüber dem Fluglärm. Der Verkehr hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Etwa 6500 Starts und Landungen – also Flugbewegungen – gibt es nach Angaben der Deutschen Flugsicherung täglich. Der Verkehr allein an den größten Flughäfen ist in den vergangenen zehn Jahren um mehr als eine Viertel Million Bewegungen gewachsen. Doch der Lärmzuwachs allein ist es nicht.

Die Bürger fühlen sich zum Teil von Politik und Flughafenbetreibern verschaukelt. In Frankfurt, weil die zu erwartende Lärmbelastung aus ihrer Sicht nicht korrekt bewertet und ein zunächst in Aussicht gestelltes Nachtflugverbot dann doch nicht umgesetzt wurde. In Berlin, weil viele Bürger ihr Leben anhand von Flugrouten planten, die plötzlich nicht mehr gelten und durch andere ersetzt werden. Jetzt liegen zahlreiche Einfamilienhäuser in der Einflugschneise, deren Bewohner fest davon ausgegangen waren, dass „BER“ sie nicht betreffen wird – und sie protestieren. „

Viele Menschen begreifen erst, worum es beim Fluglärm geht, wenn sie es selbst spüren“, sagt Dirk Treber, der vor mehr als 30 Jahren in Frankfurt schon gegen den Bau der Startbahn West protestierte und heute Sprecher der Bundesvereinigung gegen Fluglärm ist. Allein in Frankfurt und Umgebung gebe es inzwischen mehr als 80 Bürgerinitiativen. Er und seine Mitstreiter kämpfen für ein grundsätzliches Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr. Seiner Überzeugung nach müsste nicht nachts geflogen werden, damit ein Flughafen wirtschaftlich erfolgreich sein kann. „Die Umorganisation des Betriebs ist möglich“, meint Treber.

Im Bundesverkehrsministerium von Peter Ramsauer (CSU) will man den Lärm zwar bis 2020 insgesamt um 20 Prozent reduzieren. Die Technik werde besser, und die Flugzeuge würden immer leiser, erklärt man dort. Allerdings macht man sich auch keine Illusionen darüber, dass der Flugverkehr in Deutschland wächst – und dies auch politisch gewollt ist.

Von unserer Berliner Korrespondentin Rena Lehmann