Archivierter Artikel vom 07.05.2015, 01:38 Uhr
Rheinland-Pfalz

Anschlag in Limburgerhof: „Diese Attacke trifft uns ins Herz“

Die verkohlten Holzbalken und Bitumenrollen strahlen noch Hitze ab. Feuerwehrleute haben sie vor einer Flüchtlingsunterkunft im pfälzischen Limburgerhof zusammengeschichtet. Sie ist Stunden zuvor von unbekannten Tätern in Brand gesteckt worden.

Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) vor Ort
Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) vor Ort
Foto: dpa

Unser Redakteur Dietmar Brück berichtet aus Limburgerhof

Das schlichte graue Gebäude ist mit rot-weißem Polizeiband abgesperrt. Es war leer, weil noch im Bau. Die Flammen haben sich durch das Flachdach gefressen, als in der Nacht Bitumenbahnen Feuer fingen. Von außen sind kaum Schäden zu sehen. Aber der Schock ist gewaltig.

„Diese Attacke trifft uns ins Herz“, sagt Peter Kern (SPD), der Bürgermeister der verbandsfreien Gemeinde im Rhein-Pfalz-Kreis. „Durch die BASF leben hier viele Wissenschaftler aus aller Welt“, so der Sozialdemokrat. „Im Limburgerhof waren wir immer ein wenig kosmopolitisch.“

Einen möglicherweise fremdenfeindlichen Anschlag haben viele für undenkbar gehalten. „Nicht bei uns“, heißt es. Das Wort Anschlag nehmen nur die angereisten Politiker in den Mund, nicht die Bürger vor Ort. Und auch nicht der leitende Oberstaatsanwalt Hubert Ströber. Er spricht lediglich vom „Verdacht auf vorsätzliche Bandstiftung“. Und sagt zu, dass in diesem Fall mit höchster Priorität ermittelt wird. Doch das ist fast schon selbstredend angesichts des Großaufgebots an Medien und Landespolitikern. Asylbewerber sind keine vor Ort, dafür aber jede Menge Kameras, Mikrofone und Menschen, die hineinsprechen.

Die Befürchtung ist überall zu greifen, dass in der Nacht eine Hasstat verübt wurde. Ein Anschlag auf Asylbewerber, die noch gar nicht in der Unterkunft leben, aber auch ein Anschlag auf alle Bürger, die ein tolerantes Rheinland-Pfalz wollen.

Um 2.07 Uhr, also bereits am Mittwoch, wurden ein oder mehrere Täter beobachtet, die in einem schwarzen Wagen mit quietschenden Reifen davonfuhren. Danach züngelten Flammen in den Nachthimmel. Der Rohbau des Wohnheims war erst vor zwei Tagen in Fertigbauweise errichtet worden. Die örtliche Verwaltung musste zuvor rund sieben Monate auf die Brandschutzgenehmigung warten. Das Leben hat zuweilen einen seltsamen Sinn für Ironie.

Jeder in Limburgerhof und Umgebung wusste, dass in der kleinen Wohnanlage 18 Asylbewerber leben sollten. 50 Flüchtlinge sind bereits in der 11 000-Einwohner-Gemeinde untergebracht, dezentral verteilt – zum Teil bei Familien. Sie bekommen Sprach- und Kochkurse, haben Familienpaten. Gerade eben machten Ehrenamtliche ein Fahrradtraining für Frauen aus Afrika. „Wir sind von diesem Vorfall total überrascht. So etwas passt nicht in unsere Region“, sagt Martin Haller (SPD), der Erste Kreisbeigeordnete. Nun ist das eben noch Undenkbare doch geschehen.

Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) zeigte sich erschüttert, ähnlich wie Oppositionsführerin Julia Klöckner (CDU) und Integrationsministerin Irene Alt (Grüne). Alle haben Termine umgeworfen, Treffen abgesagt, um an den Ort des mutmaßlichen Anschlags zu eilen. Alt kam sogar aus Paris, wo sie mit einem Ausschuss unterwegs war. „Wir werden unsere Willkommenskultur engagiert weiterleben“, meinte Dreyer zu unserer Zeitung. Es klang fast trotzig. „Diese Negativschlagzeilen hat die Region nicht verdient“, so Klöckner. „Ich hätte nie gedacht, dass wir so etwas in Rheinland-Pfalz erleben“, erklärte eine sichtlich getroffene Irene Alt.

Doch fiel die Attacke wirklich komplett vom blauen Frühlingshimmel? In Limburgerhof gab es in den vergangenen Monaten zwei Demonstrationen von mehreren Dutzend Aktivisten der Neonazi-Partei „Der dritte Weg“, die sich als Bürgerbewegung tarnt. Sie machten gegen Flüchtlinge mobil. Es fand sogar eine Gegendemonstration statt. „Die vom dritten Weg, das sind keine Leute von hier“, heißt es in Limburgerhof. Das Gemeindeparlament fasste eine Resolution, dass Asylbewerber willkommen sind. Beigeordnete Rosemarie Patzelt (FWG) hat zu den Rechtextremen eine klare Haltung: „Da kommt nur unqualifiziertes Geschwätz.“