Archivierter Artikel vom 15.02.2011, 10:24 Uhr

Andreas Rödder (CDU) setzt auf das Leistungsprinzip

Von Andreas Rödder (CDU)

Andreas Rödder
Andreas Rödder

„Wir wollen langfristig das gegliederte Schulwesen überwinden“, heißt es im SPD-Bundestagswahlprogramm. Was das heißen soll, erklärte die aus Rheinland-Pfalz stammende Generalsekretärin Andrea Nahles auf der Internetplattform abgeordnetenwatch.de: „Ja, es ist richtig, dass das dreigliedrige Schulsystem zugunsten der Ganztags-/Gesamtschule abgeschafft werden soll.“

Überall dort, wo die SPD Regierungsverantwortung trägt, ist die Einheitsschule auf dem Weg. In Rheinland-Pfalz kommt sie allerdings nicht durch den Haupteingang, sondern durch die Hintertür, getarnt durch eine Rhetorik der Behaglichkeit. Doch es ist unstrittig, dass die gemeinsame Beschulung für alle Kinder das bevorzugte Schulmodell der SPD ist. Im Grundsatzprogramm, dem selbstverständlich auch die Delegierten aus Rheinland-Pfalz zugestimmt haben, heißt es: „Wir werben daher für ein Schulsystem, in dem Kinder so lange wie möglich zusammen und voneinander lernen. Dies ist am besten zu erreichen in einer gemeinsamen Schule bis zur zehnten Klasse.“

Nun kann man sagen: Es gibt doch noch eine große Anzahl differenzierter Schulen in Rheinland-Pfalz, und eine „Gemeinschaftsschule“ als Schulart gibt es nicht. Aber das ist zu kurz gedacht. Denn die Einheitsschule braucht kein Türschild. Sie ist keine Institution, sondern eine Ideologie, die sich auf nahezu alle Schulen übertragen lässt. Was ist der Name „Gymnasium“ wert, wenn sich damit nicht mehr seine prägenden Merkmale verbinden? Merkmal der differenzierten Schularten ist die Unterscheidung nach Begabungsstrukturen, die sich vornehmlich über unterschiedliche Leistungen offenbaren. Deshalb ist eine transparente, für alle verbindliche und vergleichbare Leistungsbewertung von grundlegender Bedeutung. Leistungsprinzip und differenziertes Schulwesen gehören untrennbar zusammen. Gerade hier aber legt die SPD die Axt an – nicht mit offenem Visier, sondern auf dem Verordnungsweg. In den vergangenen Jahren wurde eine Vielzahl an Schulordnungen und Verwaltungsvorschriften erlassen und das Schulgesetz überarbeitet. Wie ein roter Faden zieht sich durch alle diese Novellierungen der Angriff auf das Leistungsprinzip.

Dazu drei Beispiele:

Erstes Beispiel: In der Schulgesetznovelle von 2008 wurden in der Orientierungsstufe äußere Fachleistungsdifferenzierungen untersagt, und einige Gymnasien wurden in gemeinsame Orientierungsstufen unter Einbindung von Hauptschülern gezwungen. Der erklärte Wunsch der Schulen, die Orientierungsstufen zu trennen, um das Schulprofil zu erhalten, wurde geflissentlich überhört.

Zweites Beispiel: die neue Grundschulordnung. Die Anforderungen sind nicht mehr für alle gleich, sondern werden individuell erstellt – auf unterschiedlichen Leistungsniveaus. Unabhängig vom Lernfortschritt geht auch das an den Tag gelegte Engagement in die Note mit ein. Überspitzt gesagt, kann ein Schüler eine gute Note erreichen, wenn er, anders als bei der letzten Arbeit, nicht mehr alles falsch macht, sondern immerhin 10 Prozent der Aufgaben gelöst hat. In keiner erfolgreichen Fußballmannschaft wäre so etwas denkbar – nur in unseren Schulen soll das möglich sein!

Leistung im eigentlichen Sinne wird so nicht mehr sichtbar. Da passt es ins Bild, dass die Schüler den Notendurchschnitt einer Klassenarbeit nicht mehr erfahren dürfen! Und es verwundert nicht, dass die neue Grundschulordnung auch in der dritten Klasse einen gänzlichen Verzicht auf Ziffernoten möglich macht. Hier soll etwas Neues von der Grundschule aufwärts wachsen, denn diese Definition von Leistung beißt sich mit dem Anspruch der differenzierten Schularten.

Drittes Beispiel daher: die Gymnasien. Die Zusammenlegung von Hauptschule und Realschule hat einen enormen Zulauf zu den Gymnasien erzeugt. Dort entstehen immer größere Lerngruppen, und für die wird nun „Binnendifferenzierung“ verordnet. Der Begriff klingt unverdächtig – er ist aber in Wahrheit ein zentrales Instrument der integrativen Pädagogik, das in Rheinland-Pfalz nun mit ideologischer Verve eingesetzt wird. Im Klartext, so wird es den Lehrern vermittelt: Künftig werden Arbeiten auf Hauptschul-, auf Realschul- und auf Gymnasialniveau geschrieben – in einer Klasse. Was ist das anderes als die Einheitsschule von innen?

Wenn es uns nicht einerlei ist, ob unsere differenzierten Schulen zu potemkinschen Fassaden werden, dann brauchen wir die offene und ehrliche Diskussion über die Einheitsschule. Statt sie durch den Hintereingang einzuführen, wollen wir in der Aula diskutieren, ob wir die Bildungsprinzipien der äußeren Leistungsdifferenzierung zugunsten einer Ideologie der Gleichverteilung abschaffen wollen.

Der „Oeffentliche Anzeiger“ (RZ-Ausgabe im Kreis Bad Kreuznach, die Red.) schrieb am 2. April 2008, die SPD-Bildungspolitikerin Ulla Brede-Hoffmann habe sich den Vorwurf anhören müssen, die Realschule plus sei nur ein halbherziges Konzept. Man hätte für die Abschaffung der Gymnasien und für die einheitliche Schaffung von integrierten Gesamtschulen plädieren müssen. Wörtlich hieß es: „Dies gestand Brede-Hoffmann ein, gab aber zu bedenken, dass man es nur gegen die gesellschaftliche Stimmung hätte durchsetzen können. Vielleicht komme man ja über Etappen dahin.“