Archivierter Artikel vom 14.08.2015, 06:06 Uhr
Mittelrhein

Am Rhein reingeschmeckt: Wie gut ist die Gastronomie im Welterbetal?

Wie gut ist die Gastronomie im Welterbetal? Zu Testzwecken haben sich Sternekoch Philipp Stein und Redakteurin Nicole Mieding einen Tag lang durchs Mittelrheintal gegessen.

Lesezeit: 7 Minuten

Von unserer Chefreporterin Nicole Mieding

Als Ausflugstourist durchs Mittelrheintal – in diese Rolle verfallen Einheimische eigentlich nur, wenn es gilt, Auswärtigen die Schönheit hiesiger Landschaft vorzuführen. Kommt Besuch, stehen selbstverständlich eine Rheinpassage und der Ausflug zur Loreley auf dem Programm. Was uns in Erinnerung ruft, dass wir dort wohnen, wo andere Urlaub machen. Aber wie geht es jenen, die, ortsunkundig, Tag für Tag von Bussen und Fähren im Welterbe angespült werden? Um das herauszufinden, haben wir uns einen Tag lang ziellos durchs Mittelrheintal treiben und typische Touristenmenüs auftischen lassen. Um dem Experiment Seriosität zu verleihen, hat uns Deutschlands jüngster Sternekoch Philipp Stein begleitet. Dennoch ein völlig subjektiver Selbstversuch.

Impressionen einer kulinarischen Reise durchs Mittelrheintal: Nicht alles, was ins Blickfeld gerät, ist postkartentauglich. Doch Rheinromantik gibt es durchaus. Foto: Nicole Mieding

Impressionen einer kulinarischen Reise durchs Mittelrheintal: Nicht alles, was ins Blickfeld gerät, ist postkartentauglich. Doch Rheinromantik gibt es durchaus. Foto: Nicole Mieding

Impressionen einer kulinarischen Reise durchs Mittelrheintal: Nicht alles, was ins Blickfeld gerät, ist postkartentauglich. Doch Rheinromantik gibt es durchaus. Foto: Nicole Mieding

Impressionen einer kulinarischen Reise durchs Mittelrheintal: Nicht alles, was ins Blickfeld gerät, ist postkartentauglich. Doch Rheinromantik gibt es durchaus. Foto: Nicole Mieding

Impressionen einer kulinarischen Reise durchs Mittelrheintal: Nicht alles, was ins Blickfeld gerät, ist postkartentauglich. Doch Rheinromantik gibt es durchaus. Foto: Nicole Mieding

Impressionen einer kulinarischen Reise durchs Mittelrheintal: Nicht alles, was ins Blickfeld gerät, ist postkartentauglich. Doch Rheinromantik gibt es durchaus. Foto: Nicole Mieding

Impressionen einer kulinarischen Reise durchs Mittelrheintal: Nicht alles, was ins Blickfeld gerät, ist postkartentauglich. Doch Rheinromantik gibt es durchaus. Foto: Nicole Mieding

Impressionen einer kulinarischen Reise durchs Mittelrheintal: Nicht alles, was ins Blickfeld gerät, ist postkartentauglich. Doch Rheinromantik gibt es durchaus. Foto: Nicole Mieding

Impressionen einer kulinarischen Reise durchs Mittelrheintal: Nicht alles, was ins Blickfeld gerät, ist postkartentauglich. Doch Rheinromantik gibt es durchaus. Foto: Nicole Mieding

Impressionen einer kulinarischen Reise durchs Mittelrheintal: Nicht alles, was ins Blickfeld gerät, ist postkartentauglich. Doch Rheinromantik gibt es durchaus. Foto: Nicole Mieding

Impressionen einer kulinarischen Reise durchs Mittelrheintal: Nicht alles, was ins Blickfeld gerät, ist postkartentauglich. Doch Rheinromantik gibt es durchaus. Foto: Nicole Mieding

Impressionen einer kulinarischen Reise durchs Mittelrheintal: Nicht alles, was ins Blickfeld gerät, ist postkartentauglich. Doch Rheinromantik gibt es durchaus. Foto: Nicole Mieding

Impressionen einer kulinarischen Reise durchs Mittelrheintal: Nicht alles, was ins Blickfeld gerät, ist postkartentauglich. Doch Rheinromantik gibt es durchaus. Foto: Nicole Mieding

Impressionen einer kulinarischen Reise durchs Mittelrheintal: Nicht alles, was ins Blickfeld gerät, ist postkartentauglich. Doch Rheinromantik gibt es durchaus. Foto: Nicole Mieding

Impressionen einer kulinarischen Reise durchs Mittelrheintal: Nicht alles, was ins Blickfeld gerät, ist postkartentauglich. Doch Rheinromantik gibt es durchaus. Foto: Nicole Mieding

Die Ausgangslage ist schon mal prima. Die Sonne lacht über der ersten Station, dem Anziehungspunkt für Loreley-Touristen: St. Goarshausen. Wir wollen die Rheinromantik fühlen und begeben uns dafür zielstrebig dorthin, wo es Touristen zieht: an die Front. Das Flussufer säumt eine Promenade, die gerade ein Facelift hinter sich hat. Hier und da flattert noch rot-weißes Baustellenabsperrband, und vor dem Kassenhäuschen der Schifffahrtslinie Köln-Düsseldorfer steht ein Bagger. Zum Glück baggert er nicht. Unter Gastronomieschirmen stehen geflochtene Sessel, die einladend wirken. Wir lassen uns sinken. Nach der Bedienung zu klingeln, wie ein Schild am Fenster über den Geranien empfiehlt, brauchen wir nicht: Sie hat uns gesehen. Es ist Mittagszeit an einem Werktag, nur ein paar Tische sind besetzt. Tischdecke und Speisekarte sind aus Regen verzeihendem Plastik. Das Speisenangebot von Rheinischem Sauerbraten über Schwäbische Maultaschen, Cordon Bleu, Wiener Würstchen, Salatplatte Nizza, Grillteller „Czsardas“ bis Cevapcici mit Djuvec-Reis liest sich wie das vereinte Europa. Wir wählen die Tagesempfehlung, Tagliatelle mit frischen Pfifferlingen (12,90 Euro) und gebackenes Schollenfilet für 9,20 Euro. Und wundern uns, dass die Rinderleber „Berliner Art“ in der englischen Übersetzung zur „Beef liver Vienna Style“ mutiert.

Ob Berlin oder Wien, eigentlich auch egal. Während uns die nette Bedienung rasch Getränke zur Abkühlung bringt, sehen wir zu, wie das KD-Schiff anlegt und erst eine Schulklasse, dann eine japanische Reisegruppe, die einem gelben Fähnchen folgt, auf die blitzeblanke neue Promenade spuckt. Das Essen kommt. Sieht appetitlich aus, jedenfalls das Tagesgericht: Ein Berg Nudeln, die Pilze sind tatsächlich frisch – und nicht die billigste Qualität, bemerkt der Spitzenkoch. Zudem gibt's das alles nicht zu knapp: Vom Gericht am oberen Ende der Preisskala wird eine kleine Familie satt. Was die Käsescheiben in der Kräutersahnesoße sollen, bleibt dagegen rätselhaft. „Entweder hätten sie zu Käsesoße zergehen sollen, oder der Parmesan für obendrauf war aus“, mutmaßt der Sternekoch. Die Scholle zum Spottpreis kommt vergleichsweise lieblos daher: garniert mit sieben geraffelten Möhrenscheiben und einem Blumenkohlröschen. Beides schmeckt genauso geschmacksarm wie der aus geraspelter Rohkost bestehende Beilagensalat. Auch die Suppentasse voll Sahnemeerrettich macht das nicht wett. Aber was soll's. „Frisch ist der Fisch“, lautet Steins Fazit. Und als er ihm unter die Panade geht, staunt der Profi nicht schlecht: Offenbar wurden vier Filetstücke zu einem grätenfreien Ganzen in Fischform zusammengelegt. Kein Tourist soll hier während seiner Tour durchs Welterbe ersticken. „Keine Ahnung, ob's so was fertig zu kaufen gibt“, sagt Stein. Eine Stunde später erheben wir uns satt und haben sogar noch Geld für eine Kaffeerast am Ufer gegenüber.

Zum Verdauen reicht der kurze Spaziergang bis zur Autofähre „Loreley“ nicht. Dafür gibt's den Postkartenblick aufs Welterbe, die Rheinfront von St. Goar, dazu einen freien Parkplatz am Fähranleger mit Parkscheibe gratis. Empfangen werden wir von einer modernistischen Asia Snack Bar, gefolgt vom Schnitzelhaus, einem leer stehenden Restaurant, einem weiteren, das geschlossen hat, jedenfalls heute (obwohl hier schon die „Kochprofis“ am Werk waren, wie ein Aufkleber im trostlosen Schaukasten am Treppenaufgang verrät), nebst Stefans Wein- und Weihnachtsparadies („tax free“). In St. Goars hübscher Innenstadt buhlen ein gutbürgerliches Restaurant, ein Italiener, eine Eisdiele und ein Bäckerei-Café aus Omas Zeiten um Kundschaft. Wir entscheiden uns erneut für die bequemsten Sitzmöbel, fläzen uns auf ein Freiluftsofa auf der Terrasse eines modern wirkenden Café. Und gucken, gestört von der Durchgangsstraße, auf Rhein, Promenade und einen Bagger – wieder einmal. Aber diesmal baggert er. Autoverkehr und haltende Busse tragen ihr Übriges zur Lärmkulisse bei. Wir ordern Cappuccino, Käsekuchen und die hiesige Spezialität: hausgemachte Waffeln („einfach gewendet“). Serviert werden die aber leider erst ab halb drei. Zum Wenden hat der Koch im Mittagsbetrieb offenbar keine Zeit. Daher entscheiden wir uns stattdessen – passend zum mediterranen Flair des Bistro-Cafés – für ein Bruschetta als kleinen Happen zwischendurch. Der Kaffee ist eher weniger italienisch, der Käsekuchen Fertigware. Dafür lohnt sich das Warten aufs Bruschetta für 6 Euro: Es kommt frisch geröstetes Weißbrot, noch handwarm, mit aromatischen Tomaten, dazu Salat, alles gut abgeschmeckt. „Mhm, ja, genau so geht's“, lobt der Sternekoch. Wieder ist die Bedienung freundlich, der Abschied auch. Unter anderen Umständen würden wir zum Dösen bleiben. Aber Kaffee und Straßenlärm treiben uns weiter. Aller guten Dinge sind drei.

In Boppard bewegen wir uns offenbar gegen den gängigen Touristentakt: Die meisten Restaurants im Zentrum sind dicht. Nicht etwa pleite, sondern geschlossen, weil Mittagspause oder Ruhetag ist. Mehr Leben verspricht wieder mal die Promenade. An der ersten Station sitzen wir nur kurz: Küche erst wieder am Abend. Gut, dass wir schon gegessen haben. Etwas weiter zieht die üppig angelegte Gartenlaube eines Hotels, ein wahrer Geraniendschungel, unsere Blicke an. Kuchenvitrine, Serviererinnen im Dirndl, KD-Häuschen samt Andenkenladen und Ansichtskarten gleich nebenan. Der Tag hat sein Motto gefunden, wir lassen uns wieder am Fähranleger nieder. Ein Blick in die Karte, wir sind überrascht: Die Preise ziehen an. Dafür verfolgt das Restaurant den Slow-Food-Gedanken – die Bolognese kommt nicht aus der Tüte, sondern vom Simmentaler Rind. Zudem wird's Zeit, sich einen Schluck Rheinwein zu genehmigen. Uups: 7,30 Euro für einen Schoppen vom Mittelrhein: Den Postkartenblick zahlen wir hier definitiv mit.

Um das Menü zu komplettieren, bestellen wir ein Wiener Schnitzel (21 Euro) und ein Tagessüppchen. Ersteres ist den Preis absolut wert: Das Kalbfleisch tadellos, mit gegrillter Cocktailtomate, Zitrone im Stoffsäckchen, einer Schar Babykartoffeln und mediterranem Beilagensalat zudem adrett garniert. Die Kartoffelsuppe entstammt einer anderen Welt: Sie hat eine Haut, ist also nur lauwarm, in der kleinen Tasse wehrt sich ein Haufen Weißbrotwürfel verzweifelt gegen das Ertrinken. Wen wundert's – was der laschen Bolognese fehlt, hat die Suppe im Übermaß: Hier wurde kräftig zu Fertigwürze gegriffen, mutmaßt Stein. Beißt sich mit dem äußerst ambitionierten Anspruch, den die Speisekarte formuliert. Gerade legt die „Asbach uralt“ an, wir sparen uns den Digestif. Zum Schluss doch noch in die Touristenfalle getappt. Spätestens jetzt fühlt sich der Tag auch für uns wie echter Urlaub an.